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Nachspiel | Beitrag vom 07.10.2018

Die Kneipp'sche Lebens- und HeilweiseMit Wasser und Bewegung fit

Von Sabine Gerlach

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Eine Frau geht am 23.03.2016 im Arkona Spa im Neptun Hotel Warnemünde (Mecklenburg-Vorpommern) in einem Meerwasser-Kneippgang. Der Kneippgang ist Teil der Angebote für die Thalasso-Therapie, einer Therapie am Meer und mit Meerwasser.  (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)
Mit wenigen Mitteln hocheffektiv: Nach den Kneipp-Anwendungen fühlen sich viele den ganzen Tag fit. (picture alliance / dpa / Bernd Wüstneck)

Nackte Füße, kalte Güsse, Wassertreten: Kneippen kann man in jedem Alter. Immer mehr Senioreneinrichtungen, vor allem aber auch Kindertagestätten arbeiten nach dem Kneipp-Konzept. Dort lernen schon die Allerkleinsten, wie man sich mit Kneipp gesund hält.

"Und dann gehen Sie zwischen Ihre jeweiligen Zehenballen!" - Mittwochvormittag im Haus des Berliner Kneipp-Vereins. Im ersten Stock ein kleiner Sportraum mit Holzfußboden. Die Fenster weit geöffnet. Sieben Frauen und ein Mann bearbeiten mit ihren Füßen einen kleinen Massageball:

"Und dann bewegen wir noch mal so richtig bogenförmig den Ball über alle Zehenballen."

Kneipp-Gesundheitstrainerin Christiane Groß im traditionellen schwarzen Tai Chi-Anzug erklärt genau, was zu tun ist. Aber auch was die Übungen bewirken:

"Und jetzt haben wir soweit sozusagen unsere Plantarfaszien, also Fascia und Fuß aufgeweckt."   

Nach dem Aufwecken der Füße beginnt das Tai Chi-Training. Tai Chi wird auch als Schattenboxen bezeichnet oder als Meditation in Bewegung. Ziel der Übungen ist es, Muskelverspannungen zu lösen und die Gelenke beweglicher zu machen. Aber auch die mentale Entspannung zu fördern. Geschult werden Koordination, Körperhaltung und Körperwahrnehmung:

"Stellen Sie sich vor, dass Sie an einem goldenen Faden am Himmel aufgehängt sind, so dass Ihre Wirbelsäule so ganz entspannt hängen kann und ihr Kopf wie ein Heliumballon schwebt."

Christiane Groß achtet darauf, dass die Bewegungen langsam, fließend und mit Bedacht ausgeführt werden:

"Aufmerksamkeit in den Nacken bringen und lassen den Kopf ganz sanft auf die Brust sinken und entspannen unseren Nacken."

Körper und Seele sollen in Einklang gebracht werden, damit das Chi, die Lebensenergie, fließen kann. Eine wichtige Rolle spielt dabei auch die Atmung:

"Tief ein- und ausatmen, indem Sie die Schultern sanft nach hinten sinken lassen. Und jetzt noch mal mit einem großen Seufzer ausatmen."

Tai Chi und Qi Gong passen gut zu den Kneipp-Kuren

Christiane Groß war knapp 20, als sie die fernöstlichen Bewegungs- und Lebenskünste für sich entdeckte. Inzwischen unterrichtet sie Tai Chi und Qi Gong seit rund 30 Jahren. Gleichzeitig gibt sie ihr Kneipp-Wissen weiter:    

"Also die Bewegung, das Wasser, die Kräuter, die Ernährung und die Ordnungstherapie, heute würde man sagen, Entspannung. Das sind die Elemente dieser ganzheitlichen Lehre von Kneipp, die natürlich `ne Erfahrungslehre war. Der Unterschied zum Kneipp ist eben bei Tai Chi und Qi Gong dass das eine Volkskunst ist. Nur ich persönlich komme jetzt mit meinem westlichen Hintergrund mit meiner Erziehung als Kneippkind und Kneipperwachsene eben dazu, festzustellen, dass der gleiche Ansatz da ist und ich sehe und spüre ja auch in meinem Körper die Verbindung, dass sich das ergänzt und damit beides noch besser wirkt.  

Vater mit seinen Kindern beim Wassertreten (picture alliance/imageBROKER/Wilfried Bahnmüller)Vater mit seinen Kindern beim Wassertreten (picture alliance/imageBROKER/Wilfried Bahnmüller)
Das Gesundheitstraining, das Christiane Groß anbietet, kombiniert beides: Traditionelle fernöstliche Bewegungsübungen und Kneipp'sche Wasseranwendungen:

Im Garten auf der Rückseite des Kneipp-Hauses laufen die Kursteilnehmerinnen zunächst über den Rasen. Danach über den Barfußpfad. Eine kurze, in hölzerne Quadrate unterteilte Gehstrecke mit einem Geländer zum Festhalten. Gelaufen wird über runde Baumscheiben, über große und kleine Kieselsteine. Über Rindenmulch und über feinen Sand. Zum Schluss werden die Füße in einer Plastikwanne in kaltes Wasser getaucht.

Angeboten werden heute - alternativ - Armbad oder Knieguss. Für das Armbad steht eine Plastikwanne auf einem Gestell bereit. Die Wanne hat hohe Seitenränder: So lassen sich die vor dem Körper angewinkelten Arme bequem eintauchen:

"Die Arme eintauchen bis über die Ellenbogen und bis zehn zählen und ein bisschen die Finger bewegen. Und nachher rausnehmen, abstreifen und bisschen die Arme bewegen bis die trocken sind."

Wer kein Armbad macht, bekommt von Christiane Groß einen Knieguss mit dem Wasserschlauch. Begonnen wird bei den Füßen. Die Atmosphäre ist heiter und entspannt. Man kennt sich. Rosa Meinick ist schon im dritten Jahr dabei:

"Also, weil ich einfach ganz viel von Kneipp halte und von dem Wasser und von dem Wassertreten und auch von den Güssen. Ich bin begeistert von den Kneippanwendungen und finde es so schön, dass hier beides verbunden wird. Die Bewegung vom Tai Chi, diese Bewegungen, die den ganzen Körper durchfluten und beweglicher machen und dann noch die Wasseranwendung. Das belebt mich und es ist einfach wunderschön."

Auch Hildegard Bosbach ist schon lange und aus Überzeugung in der Gruppe:

"Mit wenigen Mitteln hocheffektiv. Kneipp, Herz-Kreislauf, Natur und das andere: Koordination und ja, Meditation. Spätestens jetzt nach diesen Anwendungen ist man erst mal für den ganzen Tag fit. Man steht anders, man bewegt sich anders."

Beendet wird die Stunde mit dem "Tyrannen", einer Tai Chi-Übung, die barfuß auf der Wiese ausgeführt wird:  

"Acht Mal auf der Stelle: 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8. Sieben Schritte: 1, 2 …"

Tai Chi, Qi Gong, Pilates und Yoga gehören zu den Sport-Präventionskursen, die der Kneippverein Berlin anbietet. Zudem gibt es Wandergruppen. Und:  

"Dann haben wir als Prävention die Wirbelsäulenkurse und ganz allgemein Nordic Walking beispielsweise. Wir haben Schwimmen, Schwimmkurse, Wassergymnastik, sehr wichtig. Wir haben die Gymnastik für ältere Menschen mit Musik und leichten Geräten, auch das könnte man als Prävention noch bezeichnen für Menschen im Alter. Und das machen wir hier schon seit Jahrzehnten."

Gesundheitskonzept aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

Gudrun Beckmann, seit 1980 Vorsitzende des Berliner Kneipp-Vereins, hat sich intensiv mit der Lehre von Sebastian Kneipp beschäftigt. Kneipp, der 1897 starb, entwickelte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sein ganzheitliches Gesundheitskonzept. In jungen Jahren war Kneipp, der später Priester wurde und schon zu Lebzeiten als Wasser- und Kräuterdoktor Berühmtheit erlangte, ein schwerkranker Mann. Er litt an offener Tuberkulose:

"Durch das große Glück, dass ihm ein Buch über die Wirkung des Wassers innen und außen, des kalten Wassers, von schlesischen Ärzten geschrieben, in die Hand fiel, machte er Eigenversuche und dann ist er im November in die eiskalte Donau gestiegen in Villingen, hat da kurze Tauchbäder genommen als Student und nach einigen Monaten hat man festgestellt, dass die Tuberkulose ausheilte und dass es ihm wieder gut ging."

Auch, weil Kneipp nach seinen Bädern so schnell er konnte zum Kloster zurückgelaufen war, um wieder warm zu werden. Intuitiv hatte er genau das Richtige getan.

"Das ist eigentlich ein grundlegendes Prinzip, das nennt man Reiz-Reaktions-Prinzip oder neu-wissenschaftlich nennt man es Hormesis. Wann immer wir den Körper stimulieren, trainieren, tut es ihm im Prinzip gut wenn wir ihn nicht überanstrengen. Das kennen wir vom Sport, da hat es jeder auch irgendwie erfahren und das gibt es eben auch mit Wärme und Kälte und nichts anderes ist die Kneipptherapie. Die stimuliert den Körper und das führt dann eben zu der Vielzahl von guten Wirkungen bei verschiedensten Erkrankungen."     

Professor Doktor Andreas Michalsen ist Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Berliner Immanuel-Krankenhaus. In seiner Klinik gehören alle fünf Säulen der Kneipp'schen Lehre zum ganzheitlichen Gesundheits- und Behandlungskonzept:

"Wenn wir diese Reiz-Reaktions-Therapie oder dieses Prinzip anschauen dann war Kneipp eben natürlich so klug, dass er nicht nur über Wasser nachgedacht hat und das angewandt hat, er hat natürlich genauso die Bewegung immer im Vordergrund gesehen, hat das auch manchmal verbunden beim Tautreten oder eben bei erfrischenden Spaziergängen oder beim Wassertreten, also Bewegung plus Wärme, Kälte und natürlich ist Bewegung und natürlich auch die Ernährung, das ist ein immanenter Bestandteil der traditionellen Kneipptherapie und damit eben der Naturheilverfahren auch."

"Aus der medizinischen Versorgung herausgeschmissen"

Bis in die 80er Jahre des letzten Jahrhunderts war die Lehre von Sebastian Kneipp ein anerkanntes Heilverfahren. In den meisten Krankenhäusern gab es Bäderabteilungen und auch in Arztpraxen wurden Behandlungen mit Wasser durchgeführt. Heute gehört die Hydrotherapie kaum noch zur medizinischen Versorgung, da die Krankenkassen die personal- und zeitintensiven Behandlungen entweder gar nicht oder nicht adäquat bezahlen. Und das, obwohl wissenschaftliche Studien deren Wirksamkeit belegen.  

"Das ist eine Entwicklung, die ich ganz stark kritisiere, es gibt kaum mehr eine Arztpraxis, wo so was gemacht wird, weil es sich nicht lohnt. Es gibt kaum mehr Krankenhäuser, die so was machen, man hat es im Prinzip leider Gottes aus der medizinischen Versorgung herausgeschmissen und das ist genau das Falsche."

Dabei kann Kneipp helfen, gesund zu bleiben oder Krankheitssymptome zu lindern. Sogar bei chronischen Leiden wie Arthrose, Rheuma oder Diabetes. Anders als viele Medikamente, die dauerhaft eingenommen werden, hat Kneipp keine schädlichen Nebenwirkungen. Folgerichtig gehören auch Rehabilitationskurse zu den Bewegungsangeboten des Berliner Kneipp-Vereins:

"Da haben wir zum Beispiel die Arthrose-Kurse, die Rückenkurse, spezielle Sitzgymnastik, das alles ist Rehabilitation."

Wer Arthrose hat, Knie-, Hüftbeschwerden oder Rückenprobleme, ist im Reha-Sport-Kurs von Tim richtig. Auch heute ist es sonnig und sommerlich warm, also trifft man sich gleich im Garten. Nur der starke Wind und laute Verkehrsgeräusche stören die Idylle. Im Reha-Sportkurs wird zweimal gekneippt. Am Ende gibt es Kniegüsse und zu Beginn ein Armbad. Ein echter Wachmacher. Von den Kneippianern deshalb gerne auch als Espresso bezeichnet:

"Hochkrempeln was stören würde und bis die Ellenbogen verschwinden, wer möchte kann noch ein bisschen pumpen mit den Händen?"

Nach dem Armbad beginnt die Reha-Gymnastik:  

"Die Unterarme über Kreuz vor dem Brustkorb, öffnen und schließen und die Arme zur Seite gehen, Schulterblätter zusammen, Fingerspitzen nach hinten."

Tim hat alle Teilnehmerinnen und deren individuellen Bedürfnisse im Blick, wiederholt geduldig, was zu tun ist und korrigiert - wenn nötig:

"Die Hände wieder schulterbreit, spannen, die Spannung aufrecht halten, lange Arme nach vorne."

Eine Frau macht eine Yoga-Übung. (dpa / picture alliance / Sebastian Gollnow)Yoga gehört neben Tai Chi, Qi Gong und Pilates zu den Sport-Präventionskursen, die der Kneippverein Berlin anbietet. (dpa / picture alliance / Sebastian Gollnow)
Voraussetzung für die Teilnahme an einem Reha-Sportkurs ist eine Verordnung von Arzt oder Ärztin und das Okay der Krankenkasse.

"Beim Einatmen zur Mitte kommen, beim nächsten Ausatmen zur anderen Seite."

Gisela Kent hat die ersten 50 Bewegungseinheiten schon hinter sich:  

"Ich habe Arthrose und Lendenwirbel- und Hüftprobleme, mir gefällt es sehr gut, ich habe die 50 ersten Einheiten hinter mir und die zweite Runde verschrieben gekriegt und freue mich, dass das so gekommen ist, denn mir gefällt das sehr gut. Ich finde auch, dass der Trainer freundlich ist, lustig, spaßig, so dass es immer Freude macht, wieder mitzumachen, er macht einem Mut, korrigiert einen und das gefällt mir auch. Mit dem Kneippen, ja das finde ich auch sehr gut, ich fühl mich ein bisschen erfrischt, muss ich sagen."

"Ach gut. Wunderbar, jetzt sind wir wieder frisch. Sehr schön, danke, Tim."

Die Kneipp-Gesundheitstrainer, aber auch das Personal in Seniorenheimen oder Kindertagesstätten, die nach dem ganzheitlichen Gesundheitskonzept von Kneipp arbeiten und entsprechend zertifiziert sind, müssen eine spezielle Zusatzausbildung und regelmäßige Fortbildungen nachweisen. Ginge es nach Professor Doktor Andreas Michalsen, würde Kneipp flächendeckend angeboten:   

"Wir haben ja ein gravierendes, ein hochdramatisches Problem. Dass wir mehr präventiv was tun sollten, liegt ja auf der Hand und insofern, glaube ich, reicht es nicht mehr aus, den einzelnen zu informieren oder zu motivieren, sondern es muss in die Struktur rein. Und das Beste wäre natürlich in die Schulen, in die Kindergärten, damit unsere Kinder von vornherein auch dafür ein Bewusstsein entwickeln und auch sehen, dass das Spaß macht und dass das nichts Doofes ist."

Kneipp-Kita im Berliner Bezirk Spandau

Dass Kneippen schon Kindern Spaß macht, ist in der Kneipp-Kita im Berliner Bezirk Spandau mitzuerleben. Die Kneipp-Kita unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht von anderen Kindertagesstätten. Vor der Kita befinden sich große Sandflächen, Spielgeräte zum Wippen, Schaukeln und Balancieren und eine Torwand. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt auf der rechten Seite einen Kräutergarten und auf der linken eine Fass-Sauna. Alle Kinder gehen einmal pro Woche in die runde Schwitzhütte. Kita-Leiter Rico Lüttke:

"Wir arbeiten hier nach dem Kneipp-Konzept, das heißt dass unser Gesundheitskonzept auf dem Kneipp-Konzept basiert. Die Kinder haben viele Möglichkeiten sich hier frei zu bewegen. Und so ein Kita-Alltag, ja, der ist gar nicht so anders als in anderen Kitas, nur dass wir eben am Vormittag die Kneipp-Anwendungen noch mit drin haben."

Gekneippt wird jeden Tag. Im wöchentlichen Wechsel gibt es kalte Gesichtsgüsse, Armbäder, Kniegüsse oder Wassertreten. Ungewöhnlich ist deshalb auch die Ausstattung der Badezimmer. Dort befinden sich Wassertretbecken und flache Badewannen für die Allerkleinsten:

"Bei den ganz Kleinen, also U3-Bereich, beginnen wir spielerisch. Da kriegen die Kinder eben nicht gleich einen Schlauch ins Gesicht oder in die Hand, da stellen wir Schüsseln auf oder machen Duftbäder, dass die Kinder einfach mit Wasser in Berührung kommen. Die planschen, die spielen, es werden Farben reingegeben, Duftzusätze, Kräuter, Spiele werden mit Wasser gemacht und dann sind die ab drei eigentlich waschechte Kneippianer."

Die Vorschulkinder aus der Gruppe von Rita Meyer sind bereits waschechte Kneippianer. In dieser Woche ist der Knieguss an der Reihe. Die Kinder haben im Nebenraum schon Schuhe und Strümpfe ausgezogen und kommen barfuß ins Badezimmer. Dort wartet die fünfjährige Natalia in einem weiten blauen Umhang:

"Wir machen Kneipp mit den Kindern. Ich habe extra ein Kleid angezogen, damit ich nicht so nass werde."

In der Hand hält Natalia einen Duschschlauch. An dessen Ende steckt aber kein Brausekopf, sondern ein circa 20 Zentimeter langes Gießrohr:

"Rechter Fuß hoch, warte mal, geh mal ein bisschen nach links."

Die Fünfjährige weiß genau, was zu tun ist und warum mit dem rechten Fuß begonnen wird:

"Damit das Herz sich nicht erschreckt."

Immer herzfern auf der rechten Körperseite beginnen!

Damit das Herz sich nicht erschreckt, wird mit den Kneipp-Güssen immer herzfern auf der rechten Körperseite begonnen. Mit dem Wasserstrahl, der durch das am Ende gekrümmte Giessrohr gebündelt wird, beginnt Natalia an der Außenseite des rechten Fußes. Danach wird der Strahl bis hoch zum Knie geführt und dann über die Beininnenseite wieder zum Fuß zurück.

"Rechter Fuß hoch. Anderer. Umdrehen."

Nach dem Knieguss auf der Körpervorderseite, ist die Rückseite dran und die Prozedur beginnt von vorn. Von rechts nach links, von unten nach oben, von außen nach innen: So lautet das Kneipp'sche Mantra. Nach dem Guss wird das Wasser von Beinen und Füßen nur mit den Händen abgestreift, Handtücher zum Abtrocknen gibt es nicht. Das Wasser soll auf der Haut verdunsten. Auch dadurch werden Stoffwechsel und Kreislauf angeregt. Damit die Füße wieder warm werden, hüpfen die Kinder:

"Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, eine Bauersfrau kocht Rüben, eine Bauersfrau kocht Speck und alle Kinder sind jetzt weg."

Die Erzieherinnen und Erzieher, die in einer Kneipp-Kita arbeiten, sind speziell aus- beziehungsweise fortgebildet. Und sie leben den Kindern, das, was sie vermitteln, auch vor, betont Rita Meyer:

"Kinder merken schon ob das authentisch ist, was man da mit ihnen macht, ob man das lebt oder ob das wirklich nur ein Angebot für den Tag ist. Und das ist auch wichtig für diese Arbeit, gerade für diese Arbeit, dass man wirklich selber davon überzeugt ist und dass man das dann auch leben kann und dass ist dann auch viel einfacher. Weil man spürt einfach wie gut es einem tut und was es bei den Kindern bewirkt und dann ist das eigentlich so ein Selbstläufer; dann ergeben sich viele Ideen, viele Möglichkeiten, die man auch in die Kitaarbeit miteinbringen kann und man merkt dann wie es Spaß macht und dass ist dann eigentlich der Erfolg der Arbeit, dass die Kinder Spaß daran haben. Natürlich ist es manchmal auch anstrengend, weil gerade im Winter, wenn alle Kinder ihre Strumpfhose ausziehen müssen, um Wassertreten zu machen oder um Kniegüsse zu machen, dann bedarf es natürlich auch einiger Überzeugungsarbeit und Unterstützung, dass man das dann jeden Tag auch wirklich durchsetzt und jeden Tag macht, weil es ist natürlich auch mit viel Arbeit und Aufwand verbunden. Aber der Erfolg zeigt uns, dass es richtig ist."


Kneipp-Kinder werden seltener krank und sind robuster:

"Ganz normale Erkältungskrankheiten, die sind doch stark zurückgegangen in den letzten Jahren und vor allem der Verlauf ist sehr viel kürzer, also dass der Schnodder nicht so entzündet ist und gelblich und grün, das dauert ein, zwei Tage und dann ist das auch erledigt."

Ein geregelter Tagesablauf, der Wechsel von Aktivität und Entspannung, gesundes Essen, und der geübte Umgang mit Heilkräutern gehören für die Kinder zum Kita-Alltag. Und natürlich Bewegung.

Kitaleiter Rico Lüttke: "Uns ist wichtig, dass die Kinder ihrem eigenen Bewegungsbedürfnis nachkommen können, also, dass wir uns jetzt in `ne Reihe stellen jetzt machen alle `ne Rolle oder so was, so was ist bei uns nicht so gern gesehen; viele Gemeinschaftsspiele, wenig Konkurrenzspiele, das ist uns auch ganz wichtig, das ist eigentlich die Grundlage."

Die Kinder sollen lernen sich und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen, aber auch, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen, ergänzt seine Kollegin.

Anne Eltermann: "Wichtig ist für uns auch erstmal, dass wir jeden Tag rausgehen, egal wie das Wetter ist, wir sind entweder hier im Garten oder wir gehen in die Umgebung , wir gehen auch mal auf andere Spielplätze, dass die Kinder auch wieder mal andere Bewegungsmöglichkeiten haben, auch so mal Bewegungsparcours, so wo sie ihre Kräfte messen können, was kann ich schon, was kann ich noch nicht so gut."
 
Auch sinnliche Erfahrungen wie Tautreten oder im Winter eine Runde barfuß durch den Schnee laufen zählen zum Erlebnisschatz der Kinder:

"Also, am meisten ist es kalt wenn Schnee da draußen ist. Ja, wir rennen nur eine Runde und dann gehen wir wieder rein."

Rund 600 Kneippvereine in Deutschland

Was Kinder spielerisch lernen, müssen Erwachsene mühsam einüben. Aber zu spät ist es nie. Zum Angebot der rund 600 Kneippvereine in Deutschland gehören Kurse und Vorträge über gesunde Ernährung, über die Wirkung und Anwendung von Heilkräutern und über die kneippschen Bäder, Wickel und Güsse. Im Mittelpunkt stehen aber die Sportkurse, die alle auch Nichtmitgliedern offen stehen:

"Ich liebe den Guss!"

Bernd Lümmen besucht regelmäßig einen der Reha-Sportkurse und zusätzlich jeden Mittwoch den Tai Chi-Kurs von Christiane Groß. Bewegung plus Kneipp - für ihn die ideale Kombination:

 "Ja, das passt gut zusammen, also, ich hab zur Zeit überhaupt keine Beschwerden mehr, das ist das Schöne. Aber man will ja auch keine mehr bekommen und von daher und die Ergänzung ist ganz toll. Eine sehr angesagte Sache, ist glaube ich wieder im Kommen und ich finde die Idee toll, dieses Ganzheitliche, jetzt reden ja immer alle: chinesische Medizin, ganzheitliche Ansätze, ja. Kneipp macht das schon oder hat es schon sehr lange früher gemacht, hier in Deutschland halt auch. Und ich mein klar, die chinesische Tradition ist eine viel, viel ältere. Und deswegen finde ich die Verbindung auch sehr naheliegend.

"Und wer will kann einnen Gesichtsguss kriegen, heute."  

Die Abwehr- und Selbstheilungskräfte stärken und Verantwortung für die eigene Gesundheit übernehmen, so lautet das Kneipp'sche Credo. Kneipp habe aber nichts Rigides oder Dogmatisches, betont die Vorsitzende des Berliner Kneipp-Vereins, Gudrun Beckmann:

"Gesundheit muss Spaß machen. Ich möchte gerne die Menschen mit Kneipp infizieren, dass sie davon überzeugt sind. Aber wir dürfen auch nicht versuchen die Menschen ganz umzudrehen und sie in eine Richtung zu pressen, die ihnen zuwider läuft. Das ist vollkommen unmöglich. Und jeder Mensch muss individuell für sich herausfinden, auch was die Kneipp'schen Anwendungen anbetrifft, was ihm gut tut!"

Christa Badepohl weiß was ihr gut tut. Jeden Montag geht die 85jährige in eine Parkanlage im Süden Berlins. Im Britzer Garten macht sie Qi Gong und nutzt die öffentlich zugängliche Wassertretanlage:   

"Also das Besondere ist das Wasser hier, die Natur, die Bäume, dieses Ringsherum, das ist schon so viel Gutes für die Seele und für den Körper. Wasser ist irgendwie mein Lebenselement. Und vor allem das Beste ist, was ich im Augenblick mache, Gesichtsguss, also wirklich mit dem kalten Wasser morgens und ich bin dann wach, ja, drei Mal, so richtig schön mit Einatmen und das ist wirklich also, das ist so 'ne einfache Sache, die kann man eigentlich jeden Morgen machen, auch wenn man keine Zeit hat. Finde ich klasse, sehr gut."  

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