Die Kirchen und die 68er

Von Michael Hollenbach |
40 Jahre nach 1968 wird heftig diskutiert und gerichtet, was damals geschah und wie das Erbe der 68er-Bewegung zu bewerten ist. Spuren haben die 68er auch in den Kirchen hinterlassen. "Unter den Talaren - der Muff von 1000 Jahren" - das war nicht nur die Kritik an den Ordinarien der Universitäten, sondern richtete sich auch gegen Bischöfe, Prälaten oder Oberlandeskirchenräte.
"Ich bin in meiner erste Gemeinde nach Hannover-Vahrenheide gekommen, ein riesiges Neubaugebiet, damals waren fast noch alle Menschen Mitglied der Kirche, obwohl sie sich gar nicht kümmerten. Wir hatten – glaube ich – insgesamt 300 Konfirmanden, eine riesige Kirche, und ich habe immer das Gefühl gehabt, wenn die Kirche morgen nicht mehr da ist, dann merkt das keiner."

Herbert Erchinger, heute pensionierter Pfarrer, trat 1968 seine erste Pfarrstelle an:

"Die 68er Bewegung hat mir auch geholfen, den Begriff Volkskirche mit einem ganz neuen Sinn zu füllen, weil wir uns immer bewusst waren, die paar, die zur Kirche kommen, das kann es nicht sein, wir haben eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe als Kirche."

Benedict: "Was wir versucht haben: kritische Theorie mit Theologie und Aufklärung zu verbinden."

Hans-Jürgen Benedict, 66 Jahre alt, war 1968 wissenschaftlicher Assistenz an der Theologischen Fakultät in Bochum. Er gehörte zu den jungen Theologen, die ihre Kirche radikal verändern wollten.

"Das ging in die Richtung: Gottesdienst muss Gottesdienst sein, der öffentlicher Gottesdienst ist, der auf der Höhe der Zeit ist, (der auch kritische Themen aufnimmt, wie das auch gleichzeitig im politischen Nachtgebet in Köln geschehen ist.) Er muss auch das thematisieren, was die Ideologie verschweigt. Pastoren müssen in ihrer Praxis die Probleme vor Ort aufgreifen, wenn es da Randgruppen gibt, wenn es da Arbeitskonflikte gibt, wenn ein Gemeinwesen schlecht entwickelt ist, dann muss der Pastor als Gemeinwesenentwickler in die Bresche springen."

Erchinger: "Es war bis zur persönlichen Gefährdung, wir hatten einen Garagenclub gegründet mit randständigen Jugendlichen, da kann ich mich an Situationen erinnern, das war richtig gefährlich, wenn dann einer randalierte und ich ging dann rein, und dann sagte mir auch ein Jugendlicher: na, Herbert, da sahst du ja nicht gut aus. Mit dem hättest du es aber nicht wirklich aufgenommen. Aber es ist alles gut gegangen."

"Es gab Situationen, dass eine Mutter mit ihrem Sohn, der mein Konfirmand gewesen war, zu mir kam mit der Bild-Zeitung, und sagte: Hier, das war er. Was machen wir nun? Da habe ich denen natürlich geraten, sich zu stellen, der hatte einen Kindergarten abgefackelt, so was kam dauernd vor."

"Es war alles auch ein bisschen naiv. Und dann habe ich - das zeigt, dass ich meinen theologischen Bezug immer suchte – bei diesen harten Jugendlichen habe ich darüber geschrieben: Jesus ist die Tür zum Leben."

Benedict: "Gottesdienststörungen waren vor allem vor dem Hintergrund des mangelnden Protestes der kirchenoffiziellen Gremien zum Vietnam-Krieg, das war ja ein ganz entscheidender Politisierungsfaktor gewesen, für mich auch, zu erfahren, dass unsere Schutzmacht USA einen schmutzigen Krieg führt mit Flächenbombardements und wir als diese Generation, die gesagt hat: Nie wieder Auschwitz, sahen da auf einmal Parallelen. Da stimmte ja so nicht, dass das vergleichbar war, aber wir sahen diese Parallelen und wir sahen die Bilder der leidenden Kinder, die da unter den Flächenbombardements leiden mussten und da erwarteten wir natürlich auch von den Kirchenleitungen Proteste."

"Die Rolle der Kirche als Stabilisierungsfaktor im Spätkapitalismus, die durch ihre Amtshandlungen, durch Tröstungen, Seelsorge das Leiden, das da ist an den spätkapitalistischen Verhältnissen zudeckt und die kritischen Theologen haben gesagt: daran wollen wir uns nicht mehr beteiligen, das war der Ansatz der Celler Konferenz gewesen."

Auf einem Treffen in Celle im Oktober 1968 gingen linke Theologen mit ihrer Kirche hart ins Gericht:

"Eine empirisch-rationale Ableitung kirchlicher Theorie müsste bei den gesellschaftlich relevanten Funktionen der Kirche einsetzen. Wir gehen dabei von der These aus, dass die wichtigste Funktion der Kirche im Spätkapitalismus darin besteht, Leid und Frustration therapeutisch zu behandeln, ohne die Ursachen zu bekämpfen. (...) In ihren Amtshandlungen soll die Kirche an neuralgischen Stellen unserer Gesellschaft therapeutische Arbeit leisten, um die Krisen des Spätkapitalismus zu verdecken. Sie verwaltet das Sterben und hält die Menschen von einer rationalen Auseinandersetzung mit dem Tod ab."

Benedict: "Also an dieser funktionellen Stabilisierung über Predigt, Seelsorge, Amtshandlung wollen wir uns nicht mehr beteiligen. Wir wollen eine andere Kirche, die auch die Finger in die Wunden legt. (...) das war das Thema der Celler Konferenz."

"Es war sicherlich eine Aufbruchstimmung, aber man konnte auch sehen, dass wir nicht unbedingt die große Mehrheit waren, bei der ersten Konferenz stand dann – glaube ich – 60 Assistenten Studenten und wissenschaftliche Mitarbeiter haben sic in Celle versammelt und geben dann folgende Presseerklärung heraus."

Wenn es gelingt, größere Gruppen von Pfarrern zu organisieren, ist erwiesen, dass wir in der Kirche bleiben können, ohne gesellschaftlich sinnlose Tätigkeiten auszuführen und aus Erfolglosigkeit frustriert zu werden.

Einer der Pfarrer, der gesellschaftlich sinnvolle Arbeit leisten wollte, war Herbert Erchinger. In seiner Plattenbaugemeinde in Hannover hatte er sich damals statt des traditionellen Erntedankfestes eine neue Variante ausgedacht:

"Auf dem Altar – das waren natürlich auch pubertäre Sachen – haben wir Autoreifen gestapelt, weil wir gesagt haben, wir sind doch keine Agrargesellschaft mehr, die mit Kürbissen und Äpfel und Blumenkohl. Das ist doch Nostalgie, das ist nicht unsere Lebenssituation. Wir leben von VW und Conti, und davon leben wir, und dann stellen wir das auch auf den Altar.
Dann haben wir die Anti-Babypille auf den Altar gelegt, so haben wir Erntedankfest gefeiert. Au weia."

"Martin Luther King hat eine ganz große Rolle gespielt, und I have a dream, darüber haben wir auch Gottesdienste gemacht, das haben wir auch gepredigt; und die Befreiungsbewegung der Schwarzen in Amerika, das wollten wir auf unsere Kirche übertragen, für uns waren die Arbeiter die Schwarzen. Ob sie es wirklich waren? Lachen. Da war auch Sozialromantik dabei."

"Das war ja auch so ein Selbstbetrug: wir haben ja ganz stark die Arbeiterschaft gestreichelt und die Unterdrückten usw., das war ja gar nicht unsere Klientel."

1968: Alles sollte anders werden: auch die Musik in der Kirche.

"Wir haben das kirchliche Geld für den Posaunenchor eingesackt und damit ein Jazzband aufgemacht."

"Wir haben das Glück gehabt, dass wir in meinen ersten Amtsjahren einen neuen jungen Kirchenmusiker bekommen haben (...). Der hat mit uns eine Jazzband aufgebaut. (...) mit einem Kamm hat es angefangen, und dann habe ich gesagt: ich habe eine Posaune, eine Gitarre, so haben wir eine Jazzband aufgebaut, (...) und da haben wir natürlich auch manchmal an der Gemeinde vorbeigearbeitet. Das war nicht das, was die wollten."

"Das erste, was mir der Superintendent sagte: das dürfte nicht passieren, sie hätten einen Organisten rausschmeißen müssen, der hätte als Vorspiel die Frechheit gehabt, die Internationale zu spielen. Fand ich gar nicht so schlecht. (...)"

Fernsehpfarrer Jürgen Fliege erlebte als junger Theologiestudent in Tübingen die verqueren Bemühungen seiner Kommilitonen, sich - passend zur 1. Mai-Demo - mit der Arbeiterklasse zu verbrüdern:

"Am 30. April wurde in der Mensa von Tübingen, abgefüllt mit rheinischen und westfälischen Pietisten, auch aus Lippe-Detmold waren einige vertreten, und zwar all die, die Posaune und Trompete spielen konnten, und normalerweise nur auf Emporen zu finden waren zum Lobe des Herrn, und die übten am 30. April a. die Internationale mit ihren Instrumenten und b. versuchten sie dabei zu marschieren, das war eine doppelte Herausforderung, die der normale Landpietist nicht gewachsen schien."

Erchinger: "Und der Höhepunkt meiner 68er-Karriere war, dass ich während der Rote-Punkt-Aktion in Hannover (...) eine Rede hielt vor dem Opernhaus, wir haben ja damals die Straßenbahn blockiert und sind schwarz gefahren und die Üstra gezwungen, die Tarife runterzusetzen.
Ich habe auch einmal – da bin ich auch im Talar zur Demo gegangen, das waren die kleinen Widersprüche, dass wir eigentlich mit unserem Talar gar nichts mehr am Hut hatten."

Wenn Pfarrer in ihrem schwarzen Talar auf die Straße gingen, sah die Landeskirche rot, erinnert sich der damalige hannoversche Landesbischof Eduard Lohse:

"Das haben wir verschiedentlich gehabt: etwa bei der Roten-Punkt-Demonstration in Hannover, gegen die Erhöhung von Fahrpreisen, sind einzelne Pastoren im Talar in der Protestdemonstration mitgezogen, wir haben das aufs Deutlichste missbilligt, Talare sind nicht dazu da, für politische Demonstrationen verwendet zu werden, sondern er gehört in den Gottesdienst."

Erchinger: "Meine Jugendgottesdienste habe ich natürlich ohne Talar gemacht."
Lohse: "Witzigerweise war es gleichzeitig so, dass Gruppen, die zu dieser Bewegung gehörten, den Talar im Gottesdienst nicht mehr wollten, sondern das für obsolet und altertümlich erklärten, da stand das Auftreten in der politischen Demonstration in einem Gegensatz, der nicht plausibel war."

Erchinger: "Und dieser Spruch: Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren, das war unser Evangelium. Und das war – denke ich – damals eine berechtigte Entritualisierung der Kirche, heute denke ich anders darüber, ich finde Rituale ganz wichtig."

Pfarrer Herbert Erchinger übernahm Anfang der 70er Jahre in seiner Gemeinde ein neues Ritual, das 1968 auf dem Essener Katholikentag aus der Taufe gehoben wurde: das politische Nachtgebet. Vor allem die evangelische Theologin Dorothee Sölle und ihr späterer Mann Fulbert Steffensky haben das politische Nachtgebet entwickelt:

Steffensky: "Wir waren natürlich auch streitlustig, wir waren jung und viel Feind, viel Ehr, aber es war auch ein auszufechtender Streit, es war zum ersten mal der Gedanke: nicht nur Kirche hat etwas zu tun, es ist eine Aufgabe, ihre Kritik an gesellschaftlichen Zuständen, sondern das muss auch ein Thema des Gebetes, des Gottesdienstes, das war natürlich auch ungewöhnlich."

"Ich glaube an Gott,
der die Welt nicht fertig geschaffen hat
wie ein Ding, das immer so bleiben muss,
der nicht nach ewigen Gesetzen regiert,
die unabänderlich gelten,
nicht nach natürlichen Ordnungen
von Armen und Reichen,
Sachverständigen und Uninformierten,
Herrschenden und Ausgelieferten."

Steffensky: "Wir hatten nur daran gedacht, gesellschaftliche Zustände ins Gebet und in die Meditation und in die kritische Überlegung zu bringen in einen Gottesdienst, also als erstes die Information, unsere Voraussetzung: man kann nur beten, wenn man informiert ist, zweitens die Meditation mit biblischen Texten oder Gebeten, die Diskussion und nach Möglichkeit auch ein Aktionsvorschlag."

"Ich glaube an Gott,
der den Widerspruch des Lebendigen will
und die Veränderung aller Zustände
durch unsere Arbeit,
durch unsere Politik."

"Da gab es immer eine Frage: Soll denn auch gebetet werden im Nachtgebet? Meine Frau hat darauf gedrungen, dass Gebete gesprochen wird, Meditation, dass eine Predigt gehalten wird, das mussten wir aber sehr verteidigen, es gab einfach die Religionsdistanz oder Religionsfeindlichkeit der Linken, das ist eine typisch deutsche Tradition, etwa ganz anders als die amerikanische, wo Protest sehr oft mit Religion verbunden war und von ihr ausgeht."

"Es war ja auch eine Lust an der Provokation und auch an einer uneingeschränkten Solidarisierung mit manchem, was nicht so solidarisierungswürdig war, das muss man ja auch einfach sehen, also dieses Antiautoritäre."

So wie Hans-Jürgen Benedict verspürte auch Jürgen Fliege eine Lust an der Provokation: zum Beispiel bei seinem theologischen Examen:

"Als dann noch bei der Prüfungskommission alle Kandidaten vorgestellt wurden: Das ist der Sohn von Superintendent Soundso, das ist der Sohn von Professor Soundso, habe ich dann schnell das Wort ergriffen und gesagt: Das ist Jürgen Fliege, Vater unbekannt. Das fand ich in der Nachfolge Jesu die einzig vernünftige Antwort, was die Vaterfrage angeht. Aber das waren Dinge, die man nicht mal schmunzelnd hinnehmen wollte, während mir ging es manchmal um den Gag, und die Wahrheit, die im Gag auftaucht, aber man hat mich da sehr ernst genommen."

Soviel Humor hatte die Kirchenleitung damals nicht: Jürgen Fliege wurde erst nach heftigen Protesten von Studenten und Pfarrern ins Vikariat übernommen.
Aber er wurde übernommen – und in dieser Bereitschaft zum Dialog mit den politisierten Jungtheologen sieht Herbert Erchinger im Nachhinein einen großen Verdienst der Kirche:

"Ich glaube, das hat die Kirche geleistet gegenüber vielen radikalisierten Schülern und Studenten: die mussten den Weg der RAF, der Gewalt nicht beschreiten, weil es Institutionen, Gruppen, Gemeinden, Pfarrer gab, die sie ernst genommen haben und das in ein gewaltfreies Engagement münden ließen."