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Religionen | Beitrag vom 13.10.2019

Die katholische Kirche und die Wahl in PolenZwischen Macht und Missbrauch

Von Margarete Wohlan

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Gläubige auf dem Warschauer Rosenkranz-Marsch tragen Kruzifixe, Marienbildnisse und polnische Nationalflaggen. (Picture Alliance / ZUMA Press / Attila Husejnow)
Über 500 Gläubige aus ganz Polen nahmen am 5. Oktober 2019 in Warschau am Rosenkranz-Marsch teil, den die Kirche und die rechtspopulistische PiS-Partei gemeinsam organisiert hatten. (Picture Alliance / ZUMA Press / Attila Husejnow)

Polen ist eines der am stärksten von der katholischen Kirche geprägten Länder in Europa. Ein Film über sexuellen Missbrauch hat das Vertrauen in die Kirche erschüttert. Das hat, kurz vor den Wahlen, auch Auswirkungen auf die Politik.

Sonntagmorgen im Zentrum Poznans, einer Stadt in Westpolen mit 540.000 Einwohnern. Über Lautsprecher wird der Gottesdienst nach draußen übertragen. Alltag in Polen. Seit fünf Jahren hat Poznan einen bekennenden Atheisten als Bürgermeister: Jacek Jaskowiak. Das ist ungewöhnlich für polnische Verhältnisse. Seine Haltung aber ist typisch für Polen, wo auch Atheisten die Bibel lesen.

"Ich bin heute Atheist, obwohl ich früher zu den Jesuiten wollte. Auf meinem Schreibtisch liegt die Bibel, in der ich mehrmals die Woche nachschlage – neben der Thora und dem Koran. Ich bin befreundet mit Priestern, mit Dominikanern und Jesuiten. Und gleichgültig, was die Kirche in der Politik heute anstellt, die Zusammenarbeit mit der Kirche vor Ort ist mir sehr wichtig. Bei der Hilfe für Obdachlose zum Beispiel – mit der Caritas verteilen wir 1.500 Mahlzeiten an sie und andere sozial Benachteiligte, wir bieten zusammen ärztliche Versorgung für Obdachlose an."

Der gute Ruf war unverwüstlich

"Was die Kirche in der Politik anstellt" – damit meint Jaskowiak: Frontalattacken der Kirche gegen andere Konfessionen, andere Ethnien und andere sexuelle Orientierungen. Und – nicht zuletzt – den sexuellen Missbrauch von Kindern.

Über Missbrauchsskandale in der römisch-katholischen Kirche weltweit wird seit Jahrzehnten berichtet. In Polen wurde lange Zeit nichts dergleichen bekannt. Der gute Ruf der Kirche, erworben nicht zuletzt in der Zeit des kommunistischen Regimes, war nahezu unverwüstlich. Bis zu dem Dokumentarfilm "Sag es niemandem".

(Ausschnitt aus dem Film) "Er berührte meine Brüste, masturbierte mit meinen Händen, küsste mich. Ich würde ihm gern klar machen, dass er mit dem, was er getan hat, mein Leben zerstört hat. Für mich verdient er es nicht, Priester genannt zu werden."

Ein Film schockiert die Nation

Sätze von einer Offenheit, die es in Polen bislang kaum gab. Anna Misiewicz ist eines von vielen Opfern, die im Film auftreten. Als sie sechs Jahre alt war, begann der Priester aus ihrem Dorf sie zu missbrauchen. Mit acht hörte es auf. Im Film ist sie 39. Regisseur Tomasz Sekielski finanzierte den Film über Crowdfunding. Als er im Mai auf Youtube veröffentlicht wurde, schlug er ein wie eine Bombe.

"Man kann die Wirkung des Films gar nicht überschätzen", sagt Roman Bielecki vom Dominikaner-Orden in Poznan. Er ist einer der wenigen Kirchenvertreter, die zu einem Interview bereit sind.

"In Polen haben den Film mehr als 25 Millionen Menschen gesehen, und das nur in der polnischen Version! Das, was ihn so wertvoll macht, ist, dass er die Opfer sichtbar macht. Sie werden konkret, sind Männer oder Frauen, haben ein Leben, einen Namen, ein Gesicht. Und das ist das, was am meisten in diesem Film schockiert."

Darüberhinaus widerlegt der Film eine in Polen bisher unhinterfragte Annahme, wonach Priester und Bischöfe die besseren Menschen seien.

Priester als Beweis, dass es Gott nicht gibt

Elzbieta Joachiniak ist eine resolute Rentnerin Anfang 70. Sie war ihr Leben lang gläubig, hat ihre Kinder im Glauben erzogen, ging jeden Sonntag in die Kirche und hörte auf das, was der Priester von der Kanzel predigte. Damit ist nun Schluss. In diesem Jahr ist sie aus der Kirche ausgetreten.

"Denn unsere Priester und Bischöfe sind der lebende Beweis dafür, dass es Gott nicht gibt. Wenn diese studierten Menschen, die sich im Glauben und in der Kirche so gut auskennen, keine Angst haben, bestraft zu werden, weil sie Kinder sexuell missbrauchen – dann kann es Gott nicht geben!"

Sie ist nicht nur wütend über den sexuellen Missbrauch von Kindern, sondern auch über die Angriffe der Kirche gegen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender, abgekürzt LGBT. Wählen will sie eine der Oppositionsparteien. Und an die Kirche gewandt sagt sie: "Sie soll sich überhaupt nicht in die Politik einmischen!! Der Staat ist säkular! Und sie soll uns nicht beklauen so wie sie es tut – uns sagt sie, wir sollen den Armen was abgeben, aber selbst lebt sie im Luxus! Mit welchem Recht?"

Kirche soll sich aus der Politik heraushalten

Paulina Dolatowska ist auch dafür, dass sich die Kirche aus dem politischen und öffentlichen Leben heraushält. Ansonsten unterscheidet sie sich sehr von der Rentnerin Elzbieta: sie ist 30 Jahre alt, katholisch und lesbisch.

"Mir gefällt es überhaupt nicht, wenn während der Predigt etwas zur Politik gesagt wird, oder dazu, was gerade abläuft auf der politischen Agenda", sagt sie. "Ich möchte, dass der Priester mir das Evangelium übersetzt oder mir erzählt, wie ich gemäß der Heiligen Schrift leben kann."

Paulina ist Mitglied bei "Glaube und Regenbogen", einer Organisation, die im August 2018 gegründet wurde. Es ist die erste und bisher einzige Gruppe in Polen, die sich als Amtskirchen-kritisch und gleichzeitig gläubig versteht. Paulina fordert: "Ich glaube, die Amtskirche müsste sich öffnen für einen Dialog und sie dürfte niemanden ausschließen. Sie müsste sich Argumenten stellen, und die Heilige Schrift mal anders interpretieren – denn das kann man! Aber ganz wichtig: sie muss sich zu ihren Fehlern bekennen und um Verzeihung bitten."

Der Film spielt Konservativen in die Hände – vorerst

Bislang ist nichts dergleichen geschehen. Auch der Skandal, ausgelöst durch den Dokumentarfilm "Sag es niemandem", schlug sich nicht in den Wahlergebnissen der Europa-Wahl 2019 nieder. Die PiS wurde wieder stärkste Kraft. Poznans Bürgermeister Jacek Jaskowiak hat dafür eine Erklärung:

"Dieser Film, der einen Teil der Polen so schockiert hat, half auf paradoxe Weise der Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit PiS", denn er hat die stark konservative Wählerschaft mobilisiert, die diesen Film als einen Angriff auf die Kirche sah. Doch ich bin überzeugt: Auf lange Sicht werden sowohl dieser Film als auch das Nicht-Handeln der Kirche, die den Kindesmissbrauch toleriert, der Kirche schaden."

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