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Religionen / Archiv | Beitrag vom 11.08.2012

Die Kathedrale von Chartres neu erforscht

Über die Faszination eines Gotteshauses

Von Thomas Senne

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Die Kathedrale von Chartres (picture alliance / dpa - Gutberlet)
Die Kathedrale von Chartres (picture alliance / dpa - Gutberlet)

Von der Moschee nun zur Kathedrale, oder genauer gesagt: zur Kathedrale im nordfranzösischen Chartres, von der schon Cäsar berichtete. Jetzt hat Roland Halfen den letzten Band seiner insgesamt vierbändigen Chartres-Edition vorgelegt, die sich detailliert mit dem Bau auseinandersetzt.

Sie ist die berühmteste aller französischen Kirchen und die erste Kathedrale der Hochgotik: Chartres. Von jeher war dieses Spitzenwerk mittelalterlicher Baukunst von einem Nimbus tiefer Religiosität umgeben. Errichtet an einem vorchristlichen Kultort, beeindruckt die Marienwallfahrtsstätte auch heute noch durch ihre Architektur, durch ihre umwerfend schönen Glasfenster und ihren reichen Skulpturenschmuck.

Die Kathedrale prägte nicht nur zahlreiche Baumeister und Künstler, sondern war im 12. Jahrhundert mit ihrer Schule zur Ausbildung von Klerikern und den dort lehrenden Persönlichkeiten spirituelles Zentrum und Impulsgeber für das geistig-kulturelle Leben ihrer Zeit: ein Vorläufer späterer Universitäten.

"Das Besondere jetzt im 12. Jahrhundert war, dass sich das noch nicht so weit entwickelt hat wie später dann in Paris, wo man dann schon ne entwickelte Scholastik hat auf der einen Seite, die sich dann von der Mystik so weit entfernt hat, dass man das eigentlich nicht mehr zusammenbringen konnte. Also, das Charakteristische oder Faszinierende von dieser Schule ist, dass man den Eindruck hat: Da wurde was getrieben, was noch vor dieser Differenzierung in Wissenschaft, Kunst, Religion – aus einem gemeinsamen Zentrum her - geübt wurde."

... sagt Roland Halfen, der sich intensiv mit den verschiedensten Facetten dieser Kathedrale auseinandergesetzt hat. Gerade ist das letzte Buch seiner insgesamt vierteiligen Monographie über die Kathedrale von Chartres erschienen: eine immense Fleißarbeit, die Außenstehenden die Grundgedanken dieser Kirche näher bringt.

"Das ist der Geist, den man in Chartres spürt, dieser Integrationswille. Also Vorchristliches, Außerchristliches nicht abzustoßen, sondern zu integrieren, damit zu kommunizieren."

... beispielsweise, indem man auch islamisches Gedankengut nicht von vornherein ausklammert.

"Im größten Westfenster gibt’s eine Darstellung der drei Weisen aus dem Morgenlande, die ihre Gaben bringen. Und das sind nicht Weihrauch und Myrrhe, sondern das sind Münzen. Und auf diesen Münzen sind kufische Schriftzeichen, also arabische Schriftzeichen drauf. Und das hat man entziffern können, was da draufsteht. Und der Satz lautet: 'Es gibt keinen andern Gott als Allah'."

Der Autor legt eine genaue Analyse der verschiedenen Portale vor, erläutert deren Bildprogramm und enträtselt anhand von biblischen Textstellen und ikonographischen Verweisen bislang namenlos gebliebene Monumentalskulpturen: das Resultat langjähriger Forschungen und einer daraus hervorgegangenen Dissertation.

Die Texte berücksichtigen alle bislang gewonnenen wissenschaftlichen Erkenntnisse und ergänzen sie durch neueste Einsichten, etwa über das berühmte Labyrinth im Innern der Kirche. Dass es einst ein ritueller Platz für österliche Reigenspiele zur Erlangung kosmischer Harmonie gewesen sein könnte - in der Tradition antiker Theseustänze -, liegt für den Verfasser durchaus im Bereich des Möglichen.

"Dieses Labyrinth ist eigentlich bis zum 9. Jahrhundert immer negativ besetzt gewesen. Es gibt eigentlich nur bei Plato 'ne Stelle, wo er mal was Anderes sagt. Im 9. Jahrhundert gibt’ s einen Philosophen – Johannes Scotus Eriugena, der gesagt hat: Diese Widersprüche in den Evangelien, in den Schriften, die sind absichtlich so, damit man von der einen Deutung in die andere übergeht, weil die Heilige Schrift selber wie ein Labyrinth aufgebaut ist."

Antike Autoren wie Vergil, Aristoteles oder Boethius spielten für die Denker, Bauherren und Architekten von Chartres eine große Rolle, vor allem Platos Timaios-Dialog. Dieser sieht die Welt durch die Macht der Zahlen und Geometrie, durch "Sphärenharmonie", geordnet - eine philosophische Vorlage für das Bauprogramm der Kathedrale. Der wohlproportionierte Bau als Resultat von Kunst und Wissenschaft, von Philosophie, Religion und Mathematik.

Gründlich kommt vor allem Halfens letztes Buch über "Die Kathedralschule und ihr(en) Umkreis" auch auf bedeutende Protagonisten von Chartres zu sprechen, etwa auf Bischof Lubinus, der vielfach als Begründer dieser Schule angesehen wird, auf Bernhardus Silvestris, Johannes von Salisbury, Alanus ab Insulis oder auch auf Fulbert. Die vier Prachtbände sind eine editorische Meisterleistung des kleinen Stuttgarter Johannes M. Mayer Verlages und belegen detailreich, warum die Kathedrale von Chartres bis heute die Menschen so stark fasziniert.


Literaturtipp:

Roland Halfen: Chartres – Schöpfungsbau und Ideenwelt im Herzen Europas. Edition in vier Bänden
898, zum Teil farbige Abbildungen, 3 Farbtafeln, gebunden
Johannes M. Mayer Verlag
2.072 Seiten, 268,00 Euro

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