Die „Jubilee Singers“ in Nashville

    Botschafter für Geist und Seele

    58:39 Minuten
    Auf einer großen Bühne, auf deren Hintergrund der Name des Chores in Großbuchstaben eingeblendet wird, steht der Chor geschlossen mit roten Shirts und singt.
    Die Erfolgsgeschichte der Fisk Jubilee Singers wurde sogar zum Stoff für ein Musical. © Jubilee Singers / Fisk University
    Von Michael Groth · 21.05.2021
    Der Studentenchor der Fisk University wurde gegründet, um durch Konzerteinnahmen die Finanzen seiner Hochschule zu sanieren. In diesem Jahr wird das Ensemble 150 Jahre alt. Für sein letztes Album wurde es mit einem Grammy geehrt.
    Die Fisk-University in Nashville nimmt unter den US-amerikanischen Universitäten einen Sonderstatus ein. Gegründet wurde sie im Januar 1866, als kurz nach dem Ende des Bürgerkriegs der Verband der amerikanischen Missionsgesellschaften in der Hauptstadt des Bundesstaates Tennessee ein Zeichen setzen wollte.
    Er eröffnete eine "Free Colored School" – so nannte man das damals –, in der die Nachfahren der ehemaligen Sklaven erstmals eine gute Ausbildung erhalten sollten.

    Mit Gospel begeistert

    Paul Kwami sitzt in seinem kleinen Büro auf dem Campus der "Fisk University" in Nashville, Tennessee. Seit 1994 leitet der Musikprofessor die "Jubilee Singers", ein Gospel-Ensemble mit Tradition. Der gebürtige Ghanaer ist der erste Afrikaner in dieser Position. Die "Jubilee Singers" beschäftigen sich seit 1871 mit Gospel – wobei, wie Kwami bekräftigt, der Begriff Differenzierungen zulässt.
    "Es ist ein Kulturbegriff. 'Negroe Spiritual' steht für ein bestimmtes Genre. Wer sich mit dieser Bezeichnung nicht wohl fühlt, kann ja 'African-American Spirituals' sagen. Die Musik muss identifizierbar bleiben. Es gibt Leute, die sagen schlicht 'Spiritual'. Das reicht nicht. Was ist das für ein Spiritual? Wo kommt es her? Warum singen wir es heute noch? Diese Fragen müssen wir beantworten."

    Als Laienchor zu höchstem Niveau

    Zur ersten Gruppe der "Jubilee Singers" gehörten elf Studenten. Als die erste Tournee zu Ende ging, waren es nur noch neun. Heute sind 16 Sängerinnen und Sänger im Chor. Jeweils vier Sopran-, Alt-, Tenor- und Bassstimmen. Für jedes Chormitglied gibt es eine Zweitbesetzung. Vorsingen darf jeder. Meist kommen zwischen 25 und 40 Studierende.

    "Rekonstruktion" des Südens

    Der Historiker Reavis Mitchel beschäftigt sich an der Fisk University mit der Geschichte der "Jubilee Singers": "Tennessee wurde zum Labor der sogenannten 'reconstruction'. In Nashville wollte man zeigen, wie der Süden 'rekonstruiert' werden kann. Der 'Freedman´s Act' stellte Mittel bereit, mit denen die ehemaligen Sklaven an ein Leben in Freiheit herangeführt werden sollten. Die wichtigsten Elemente dabei waren die Ausbildung und die medizinische Versorgung. So wurde die Fisk-Universität gegründet, eine Einrichtung für 'befreite Farbige', wie man das damals nannte. Der Gründungsfeier wohnten ausschließlich Weiße bei. Man 'tat' eben etwas für die befreiten Schwarzen."

    Ein Gospel-Chor rettet eine Universität

    General Clinton Bowen Fisk kämpfte in der Nordstaatenarmee. Nach dem Krieg leitete er die Wohlfahrtsbehörde für die befreiten Sklaven in Kentucky und Tennessee. In Nashville sollten diese Menschen einen Ausbildungsplatz erhalten. Fisk stellte ehemalige Militärgebäude am Stadtrand zur Verfügung. Bald, sagt Reavis Mitchel, fehlte Geld:
    "1869/70 liefen die Mittel für den 'Freedman´s Act' aus. Nun baute man Eisenbahnen statt Schulen. Was tun? Der Schatzmeister der Fisk-University, George White – ein Weißer – hörte die Lieder, die die Studenten nach dem Unterricht anstimmten. Er hatte eine verwegene Idee: ein Studentenchor sollte auf Tournee gehen und so die für den Erhalt von Fisk notwendigen Dollars einsammeln."

    Von Nashville nach New York

    Das erste Konzert brachte etwa 15 Dollar. Genug, um eine große Tour zu starten – eine Tour in den Norden. George White brachte seine 17 Musiker zunächst nach Ohio, wenig später gastierten sie in Washington, wo sie vor Präsident Grant sangen.
    Höhepunkt der Tournee war wohl der Auftritt in der Carnegie Hall in New York City – es war der erste Auftritt eines schwarzen Ensembles dort.

    Zu Gast bei Queen Victoria

    Johann Strauß, 1872 nach Boston eingeladen, hörte die Jubilee Singers. Er wurde zum Fan, ebenso wie Mark Twain. Mit Hilfe einer Missionsgesellschaft – schließlich ging es um die Verbreitung religiöser Texte – sollte der Chor nun Europa erobern. In der zweiten Hälfte des Jahres 1873 führte die Reise vor allem nach England und Schottland.
    Reavis Mitchel: "Königin Viktoria wollte sie unbedingt kennenlernen. Das wichtigste Ergebnis des Treffens war ein von der englischen Königin gesponsertes Portrait, das anschließend entstand. Das Bild des Hofmalers Edmund Havell wurde verpackt und nach Nashville geschickt."
    Knapp 20 Menschen in schwarzer Konzertkleidung stehen und sitzen vor einem großformatigem Gemälde, das Vorgänger des Chores zeigt, die in historischer Kleidung in einer arkadischen Landschaft beieinander stehen und sitzen.
    Die Jubilee Singers der Fisk University vor dem Portrait des Chores aus dem Jahr 1873, das Queen Victoria in England bei ihrem Hofmaler in Auftrag gab und dem Chor schenkte. © Jubilee Singers / Fisk University / Bill Steber und Pat Casey Daley
    Ihre Majestät war begeistert. Sie prägte den Spruch, der heute Werbung ist: wer aus Nashville komme, komme aus "Music City, USA".

    Geehrt mit dem Grammy

    2019 brachten es die Fisk Jubilee Singers sogar auf die Theaterbühne. In Washington feierte das Musical "Jubilee" Premiere, das die bewegte Geschichte vertont und bebildert.
    2021 feiert der Chor sein 150. Jubiläum. Das aus diesem Anlass veröffentlichte Album "Celebrating Fisk" erhielt einen Grammy. Die Tradition wird fortgesetzt – soweit die Pandemie es zulässt, werden die jungen Sängerinnen und Sänger auch wieder auf Tournee gehen – hoffentlich auch einmal hierzulande.
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