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Tonart | Beitrag vom 01.09.2016

Die iranische Sängerin Mahsa Vahdat"Meine Stimme ist meine Heimat"

Von Grit Friedrich

Verschleierte Frauen während des Freitagsgebets in Teheran  (imago)
Im Iran dürfen Frauen nur vor einem exklusiv weiblichen Publikum singen. (imago)

Mahsa Vahdat aus Teheran wehrt sich seit Jahren gegen die Gefährdung des iranischen Frauengesangs und gehört zu den bekanntesten Stimmen aus dem Iran. Ihr jüngstes Album "The sun will rise" nimmt Hörer nun mit auf eine "Pilgerfahrt zur Schönheit", wie sie selbst sagt und ist damit sehr erfolgreich.

Mahsa Vahdat: "Wir hatten nicht mal Zeit, die Mikrofone aufzubauen. Wir nahmen direkt auf einen kleinen Recorder auf. Und ich erinnere mich daran, wie ich ein Lied auswählen wollte. Ich habe mich für "The Vow" (Der Schwur) entschieden. Ich war umringt von den Museumswächtern und fing an zu singen. Es war vielleicht die einzige Möglichkeit in meinem Leben, an diesem Ort zu singen."

Mahsa Vahdat singt in der armenischen Akdamar (oder Ahtamar) Kirche des Heiligen Kreuzes. Dieser uralte Sakralbau steht auf einer Insel im Vansee und ist heute ein Museum. Ein heiliger Ort für die Armenier im Schatten des Araratberges. Die Kulturlandschaft im Osten der Türkei hat viele Katastrophen gesehen. Doch genau hierher möchte Mahsa Vahdat sehr gerne noch einmal zurückkehren und singen. Mahsa Vahdat kann sich ein Leben ohne Lieder nicht vorstellen, aber ein Leben ohne den Iran auch nicht. Die religiösen Sittenwächter erlauben dort zwar weibliche Instrumentalisten oder Chorgesang, aber solistisch singen, darf eine Frau im Iran nur vor einem exklusiv weiblichen Publikum.

"Wichtig etwas zu tun, das unmöglich scheint"

Mahsa Vahdat: "Wir wollen solistischen Frauengesang, den man an öffentlichen Orten, bei Konzerten, im Radio und Fernsehen hören kann. Aber das ist nicht der Fall. Ich beobachte trotzdem, dass es viel Enthusiasmus gibt, es ist wichtig etwas zu tun, das unmöglich erscheint. Denn nur dann kann die nächste Generation sehen, man kann etwas machen, obwohl es verboten ist in seinem eigenen Land, aber es wird in der Welt gehört. Ich hoffe, dass dieses Problem eines Tages gelöst wird, aber das passiert nicht, ohne dafür zu kämpfen."

Mahsa Vahdat kämpft seit vielen Jahren für die Sichtbarkeit des persischen Frauengesangs und bekam schon den Freemuse award für ihr Engagement.

Ihr nächstes großes Konzert gibt sie Anfang November in Oslo.

Dort entstand auch die Aufnahme dieses Liedes, über den Schmerz der Liebe. In Oslo ist ihr Label Kirkelig Kulturverksted zuhause und ihr Produzent Erik Hillestadt sucht stets nach exzellent klingenden Aufnahmeräumen. Das Emanuel Vigeland Museum in Oslo gehört dazu. Seine Wände schmücken farbenprächtige Fresken, ein inspirierendes Ambiente für die iranische Sängerin Mahsa Vahdat.

Mahsa Vahdat: "An allen Orten, an denen wir Aufnahmen gemacht haben war die ästhetische Seite sehr wichtig für mich. Es war wie eine Pilgerfahrt zur Schönheit. Die Architektur und die Malereien waren genauso wichtig wie die Akustik. Manchmal änderte ich auch meine Pläne und sang dann ein ganz anderes Lied, das besser zu der Geschichte dieses Ortes passte."

Kein Lied im Iran aufgenommen

Mahsa Vahdat nahm ihre neuen Lieder zwischen der Türkei, Andalusien, Frankreich und Norwegen auf. Aber kein einziges im Iran. Und sie singt zum ersten Mal auf einer CD alle Lieder A-capella. Darunter eigene Vertonungen von Texten aus der Feder von Sufidichtern wie Rumi oder Hafez, den schon Goethe verehrt hat. In vielen iranischen Haushalten gibt es bis heute den Koran und ein Buch mit den Versen von Hafez. Hafez besang die Liebe wie kaum ein zweiter Dichter im Orient.

Dieses iranische Wiegenlied interpretierte Mahsa Vahdat ebenfalls in der Türkei, in ihrer Lieblingsstadt Istanbul. Dort wählte sie mit ihrem Produzenten Erik Hillestadt die Krim Gedenkkirche im belebten Stadtteil Beyoğlu unweit vom Taksimplatz als temporäres Studio aus. In Istanbul hat Mahsa Vahdat viele Freunde. "The Secret Ensemble" heißt ihr neuestes Projekt mit Musikern aus der Metropole zwischen Orient und Okzident.

Mahsa Vahdat wurde außerhalb ihrer Heimat mit einem Album schlagartig bekannt, das sie mit ihrer Schwester Marjan im Garten einer Botschaft aufgenommen hat. Mitten in Teheran. "Songs From A Persian Garden" hieß diese CD der Vahdat-Schwestern. 2008 folgte "I Am Eve", eine Begegnung persischer und norwegischer Musiker oder auch eine Begegnung mit dem amerikanischen Bluessänger Mighty Sam McClain. Jede dieser Aufnahmen zeigte neue Facetten der bei uns viel zu wenig bekannten persischen Vokalmusik. Doch am minimalistischsten klingt die neue CD, für "The sun will rise" hat sich Mahsa Vahdat ganz bewusst auf den Klang ihrer Stimme konzentriert.

Hinter den Mauern viel Leben

Mahsa Vahdat: "Genau so etwas hatte ich vor, ich wollte mich selbst herausfordern. Ich wollte sehen, ob ich damit umgehen kann, wenn die ganze Verantwortung auf den Schultern des Gesangs liegt. Diese Idee, diese Lieder an ganz unterschiedlichen Orten aufzunehmen, war für mich ebenfalls sehr interessant. Und irgendwie habe ich gedacht, all diese Orte, mit ihrer unterschiedlichen Akustik, könnten so etwas wie ein Orchester für mich sein."

Räume als musikalische Partner und so sang Mahsa Vahdat ihre neuen Lieder häufig in sakralen Bauten ein. Auch diese Aufnahmen werden ihren Weg in den Iran finden. Denn Musik kennt keine Grenzen. Und im Iran ist hinter den Mauern viel Leben. Mahsa Vahdat hat so viele Schülerinnen wie nie zuvor. Frauen, die viel Zeit und Kraft investieren, um die hohe Kunst des persischen Gesangs zu lernen. Das macht Hoffnung, genau wie jedes einzelne A-capella Lied auf dem neuen Mahsa Vahdat Album "The sun will rise". Ein beeindruckendes Statement für den Mut iranischer Frauen und die Schönheit ihrer Lieder.

Mahsa Vahdat: "Meine Stimme ist meine Identität und mein Land. Ich lebe immer noch in Teheran, aber ich reise viel. Also ist meine Stimme ins Exil gegangen. Ich habe in meinem Leben viel für meine Identität, meine Kunst und die Bewahrung der Traditionen gekämpft. Dafür, diese Kunst und den Gesang auch zeigen zu können. Es war nie einfach für mich zu singen. Ich bin keine Pessimistin, ich bin selbst in den schwierigsten Situationen immer optimistisch geblieben. Ich kann immer das Licht der Hoffnung sehen. Das Lied 'The sun will rise' vermittelt genau dieses Licht oder wenigstens einen Hoffnungsfunken."

Tonart

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