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Religionen / Archiv | Beitrag vom 27.08.2017

Die Inuit-Kirche von WestgrönlandIm Tintenfass Gottes

Von Peter Kaiser

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Das achteckige "Tintenfass Gottes" auf der westgrönlandischen Disko-Insel. (Peter Kaiser)
Das achteckige "Tintenfass Gottes" auf der westgrönlandischen Disko-Insel. (Peter Kaiser)

Die Inuit begrüßen Besucher ihrer achteckigen Kirche mit Trommeln und Gesang. Neben kitschigen Christus-Bildern haben hier auch Bootsmodelle, die Meersgöttin Seda und die Geister der Verstorbenen ihren Platz.

Nur rund 1000 Menschen leben in Qeqertarsuag, dem Hauptort auf der westgrönländischen Disko-Insel, meist Inuit. Warum der Ort trotzdem auch von touristischen Schiffen angelaufen wird, liegt vor allem an der Kirche: Mitten im Städtchen Qeqertarsuaq steht eine achteckige Kirche, von den Bewohnern das "Tintenfass Gottes" genannt.

Langsam schiebt sich das Expeditionsschiff "Sea Spirit" in die Ende Mai noch tief vereiste westgrönländische Diskobucht. Vor dem Schiffsbug wird die Insel Disko größer und größer. Der Name, den die Inuit, die Ureinwohner Grönlands, der Insel gaben, bedeutet so viel wie die "Große Insel". Rund 700 Kilometer Luftlinie vom Nordpol entfernt ist hier der Ort Queqertarsuaq, mit 871 Einwohnern der größte Ort auf der Insel.

Mitten in Qeqertarsuaq steht das "Tintenfass Gottes". Außen ist die vollkommen aus Holz gebaute Kirche rot angestrichen, was eher untypisch für Grönland ist. Denn die Fassadenfarben hatten bei den Inuit früher eine bestimmte Bedeutung. So waren Handelshäuser rot angestrichen, Fischfabriken blau, Krankenhäuser gelb, Polizeiwachen schwarz, und so weiter.

Vor dem roten "Tintenfass Gottes" schlägt jetzt Elisabeth, eine Inuitfrau mittleren Alters, eine Trommel. Wenn Touristen kommen, so wie jetzt, tanzt und singt sie manchmal, berichtet Elisabeth.

Von der Schule zur Kirche

Während sich die Teilnehmer der Grönland-Expeditionsreise vor dem "Tintenfass Gottes" versammeln, um hineinzugehen, schwimmen majestätisch still von innen heraus blau strahlende Eisberge in der Bucht vorbei. Jutta lässt sich Zeit und umrundet die Kirche, bevor sie hingeht. "Ich habe noch nie so eine Kirche gesehen. Und ich frage mich, warum haben die Leute diese Kirche in dieser Form gebaut?"

"Der Grund, warum diese Kirche das Tintenfass Gottes heißt, ist, dass das Haus eine Schule war, bevor es eine Kirche wurde", erklärt Kristin, die wenig entfernt das Heimatmuseum in Qeqertarsuaq betreibt und einen Schlüssel für das "Tintenfass Gottes" hat.

Erste Eindrücke von Jutta: "Also die ist schlicht, so wie die anderen Kirchen hier auch waren. Mit den Leuchten, und natürlich auch die Boote. Ich glaube, das ist das Frauenboot, das da unter der Decke hing. Das ist auffällig hier in Grönland, dass man immer diese Boote sieht."

Der Kircheninnenraum ist blau angestrichen, hell und sauber. Wände, Böden, Bänke, die Decke, der Altar - alles ist aus Holz, nur der Ofen ist gusseisern und das Taufbecken aus Stein. Nahe des Altars hängt ein etwa ein Meter langes hölzernes Bootsmodell mit Frauenfiguren darin von der Decke. Lauritz vom Expeditionsteam weiß, was es damit auf sich hat.

Bootsmodelle neben dem Altar

"Das ist das sogenannte Kono-Boot, also das Frauenboot, also Grönländer waren ja, und sind es zum Teil immer noch, ein Volk, was sehr mobil ist, und von Ortschaft zu Ortschaft gezogen sind, oder von Zeltplatz zu Zeltplatz, und mit diesem Kono-Boot haben die Frauen dann die Materialien mit sich gebracht, und natürlich auch die Kinder. Die Männer waren dann in den kleinen schnellen Kajaks unterwegs."

Aber welche Bedeutung hat es, dass es gleich hier neben dem Altar hängt? "Also, es ist einfach immer noch die tiefe Verwurzelung mit der grönländischen Kultur, die dann auch hier in der Kirche wiedergespiegelt wird."

Um das Jahr 1000 errichteten zum Christentum bekehrte Wikinger auf Grönland die erste Kirche. Doch der alte Inuitglaube, der viel mit Talismännern, Seelenwanderung, und vor allem mit Sedna, der Meeresgöttin zu tun hatte, lebt bis heute fort. Die junge Grönländerin Tuperna berichtet davon: "Als ich ein Kind war, erzählte mir meine Großmutter vom Tupilak. Wir haben den Tupilak. Er beschützt uns in unserem kleinen Ort. Der Tupilak wird geschnitzt, mit seiner Trommel hält der Tupilak den Ort am Leben."

Das Wort Tupilak bedeutet Seele oder Geist eines Verstorbenen. Der Tupilak ist eine Art Talisman oder Amulett, kaum 20 Zentimeter nur groß und oft aus Walknochen geschnitzt. Tupilaks, im Plural Tupilait, gibt es seit über 4000 Jahren auf Grönland. Tuperna sagt: "Er wehrt andere Tupilaks von anderen Orten ab. Und wenn wir nicht freundlich zu ihnen sind, kann deren Tupilak kommen, und Unglück über unseren Ort bringen, etwa einen Brand oder eine Epidemie."

Vom Tupilak zu Jesus Christus

Doch jetzt glauben alle Grönländer an Jesus Christus, sagt Tuperna. Und lächelt. "Als ich ein Kind war, begriff ich schnell, dass wir einen weiteren Gott haben. Natürlich glauben wir an Gott, wir haben uns an den Rest der Welt angepasst, also müssen wir die Vergangenheit hinter uns lassen. Wir wissen, was da früher war, und dass wir das geglaubt haben, und jetzt ist unser Gott Jesus Christ."

Kristin ergänzt: "Jeden Sonntag gibt es hier in der Kirche einen Gottesdienst. Von neun Uhr an, eine Stunde lang, etwa zehn bis 15 Leute kommen jeden Sonntag. Und im Sommer, wenn die Konfirmationen stattfinden, dann ist das Haus voll. Dann kommen bis zu 100 Leute."

Das Christusbild an der Stirnseite der Kirche ist bunt, recht kitschig, aber es strahlt etwas Fröhliches aus. Während Elisabeth vor der Kirche noch trommelt, tanzt und singt, stellt sich der eine oder die Andere vielleicht vor, wie es hier im Winter dunkel ist, monatelang, auch tagsüber, und draußen über minus 20 Grad herrschen. Und wenn die Grönländer dann im "Tintenfass Gottes" singen und beten, denkt mancher vielleicht auch noch an den Tupilak.

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