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Tonart | Beitrag vom 01.08.2017

Die Hitmacher – Folge 2Das Prinzip der Arbeitsteilung im Pop

Von Ina Plodroch

Rihanna performs during "The Concert for Valor" on the National Mall November 11, 2014 in Washington,  (AFP / Brendan Smialowski)
Songs aus fremder Feder? Wann soll Rihanna denn auch noch ihre Songs schreiben? (AFP / Brendan Smialowski)

Schon Frank Sinatra ließ seine Songs von Profis schreiben. Heutzutage baut ein "Tracker" das Grundgerüst für einen Song, der nächste baut die sogenannte Hook, schließlich schreibt jemand einen Text und ganz am Schluss kommt der Star und singt.

"What do you think: How do songs get created?"

Fragte sich der US-Journalist John Seabrook zu Beginn seiner Recherchen für das Buch "The Song Machine". Wer schreibt eigentlich die Songs der Superstars?

"Das war doch immer schon so. Es gab doch schon immer Performer: Frank Sinatra – und große Songwriter dahinter, die eher im Hintergrund waren."

Keshav Purushotham aus Köln. Er ist Musiker, der mit seinen eigenen Songs auf die Bühne geht. Und der Beats für zum Beispiel Casper bastelt. Arbeitsteilung im Pop-Business, eine alte Nummer. Schon in den 1890er-Jahre schreiben die Komponisten auf der Tin Pan Alley in New York Musik, die sie nicht interpretieren.

Ein paar Jahrzehnte später knüpft das Brill Building in Manhattan daran an. Eine Hit-Fabrik, in der meistens Songwriter-Duos Songs wie am Fließband komponieren und dafür nicht besser bezahlt werden als die Vorzimmerdame.

"Writing room" statt Hinterzimmer

Industriemusik, wohl kalkuliert, im Grunde unromantisch. Das hätte ewig so weiter gehen können: Performer auf der Bühne, Songschreiber im muffigen Hinterzimmer.

Wären da nicht Bob Dylan und Carole King gewesen, die irgendwann genug davon hatte, anderen Leuten den Ruhm auf den Leib zu schreiben. Die Singer/Songwriter-Ära beginnt Ende der 1960er-Jahre und hätte die Musik, die oben in den Charts landet, ändern können: Weg vom Industrie-Pop hin zu Musikern, die ihre eigenen Songs, Gefühle, Ideen darstellen.

Aber es kam anders: Noch ein paar Jahre nach vorn. In Schweden haben Denniz PoP und Max Martin in den Cheiron Studios das Songwriter-Prinzip der 50er- und 60er-Jahre weiterentwickelt. Noch mal der Buchautor John Seabrook:

"Eigentlich haben zwei Leute einen Song geschrieben. Aber wenn man sich heute die Credits eines Rihanna Songs anschaut, dann stehen da sechs, acht oder zwölf Namen. Und das liegt an den Schweden: Denniz Pop und Max Martin haben die Idee des 'Writing Rooms' etabliert. Bei TV-Serien ist das ja total verbreitet. Aber im Song-Business gibt’s das erst, als die beiden Schweden damit angefangen haben."

"Erst ganz zum Schluss kommt der Text"

Und noch etwas. Die Schweden haben den Arbeitsablauf aus dem Brill Building auf den Kopf gestellt:

"Alles beginnt mit der Produktion, also dem elektronischen Track. Er ist quasi das Instrument und wird am Computer generiert. Da sind keine Musiker im Raum. Ich habe noch nie einen Musiker an einem Instrument gesehen."

Seabrook nennt es das "Track’n’Hook"-Verfahren. Ein sogenannter Tracker produziert das elektronische Gerüst. Dann kommt der Topliner.

"Die Topliner gehen ins Studio, hören sich den vorher produzierten elektronischen Track an und dann entwickeln sie einen Hook, also eine kleine Melodie oder so. Und erst ganz zum Schluss kommt der Text. Das alles wird an den Künstler geschickt, der bisher noch nichts zu diesem Song beigesteuert hat, weil er vielleicht gerade eh auf Tour ist."

Der Musiker als Genie? Längst überholt!

Ein Popsong des 21. Jahrhunderts beinhaltet so viel wie ein ganzes Album in den 80ern: Songschreiber, Tracker, Hooker, Topliner pressen ihre Beats und Pre-Refrains, Hooks, Drops und Refrains in drei Songminuten. Da wirken die Duos aus dem Brill Building der 50er fast schon wieder niedlich.

Aber es komme nicht unbedingt auf die Anzahl der Beteiligten an, meint der Kölner Musiker Keshav Purushotham. Er hat schon an mehreren Songwriting-Camps teilgenommen, sozusagen dem Brill-Building-Schnellkochtopf der Gegenwart. Und da liegt nach seiner Meinung das Problem.

"Ich würde fast so weit gehen, zu sagen, dass diese Songwriter Camps dafür verantwortlich sind, dass populäre Musik oft so gleich klingt und langweilig klingt. Es kommt ja durchaus vor, dass ein Nummer-Eins-Song aufregend ist, meistens wird danach ein Camp veranstaltet, um in dem Stil Songs zu schreiben."

Gegen Arbeitsteilung ist nichts einzuwenden. Wenn aber so viele Songschreiber an einem Song rumdoktorn und jeder seinen Senf dazu gibt, ist das nicht möglicherweise etwas viel? Auf der anderen Seite: Wann sollen Katy Perry, Rihanna und Justin Bieber denn auch noch ihre Songs schreiben?

Das Bild des Musikers als Genie, das alles nur aus sich heraus schöpft, hat sich längst überholt – zumindest bei den Superstars. Schlimm wird es allenfalls dann, wenn diese behaupten, ihre Songs ganz allein geschrieben zu haben.

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