Seit 10:05 Uhr Lesart

Mittwoch, 18.07.2018
 
Seit 10:05 Uhr Lesart

Aus der jüdischen Welt / Archiv | Beitrag vom 19.04.2013

Die historische Lüge vom feigen Juden

Der jüdische Widerstand gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik im Fokus der Wissenschaft

Von Stefanie Oswalt

Podcast abonnieren
Jüdische Männer im Warschauer Ghetto (picture alliance / dpa)
Jüdische Männer im Warschauer Ghetto (picture alliance / dpa)

Am 19. April 1943 erhoben sich die Juden im Warschauer Ghetto gegen ihre deutschen Besatzer, um der bevorstehenden Deportation in die Vernichtungslager zu entgehen. Eine Tagung in Berlin zeigte nun, dass der jüdische Widerstand gegen die Nazis noch weit vielfältigere Formen hatte.

Musik - Jiddisches Partisanenlied:
"Sog nicht keinmal dass du gehst den letzten Weg"


"Sage niemals, dass du den letzten Weg gehst,
Wenn auch bleierner Himmel den blauen Tag verdeckt.
Kommen wird noch unsere erträumte Stunde,
Dröhnen wird unser Schritt: Wir sind da!"

Mit einem jiddischen Partisanenlied endete der erste Tag der Konferenz über "Jüdischen Widerstand gegen die nationalsozialistische Vernichtungspolitik". Ein heikles Thema, wie Julius Schoeps, Historiker und Direktor des Moses-Mendelssohn-Zentrums, in seinem Eröffnungsvortrag darlegte. Jahrzehntelang sahen sich die Überlebenden mit dem Vorwurf konfrontiert, sich widerstandslos ihrem Schicksal ergeben zu haben und somit gewissermaßen selbst die Schuld an der Vernichtung zu tragen.

Julius Schoeps: "Wer Untergrund, KZ oder Vernichtungslager überstanden hat, den quälen verständlicherweise solche Bemerkungen. Es gibt kaum einen Überlebenden, der sich nicht irgendwann die Frage gestellt hat, wieso gerade er und nicht die vielen anderen überlebt haben."

Erst mit dem Abstand von zwei Generationen sei es nun möglich, die Frage nach dem Widerstand neu zu stellen und zu bewerten.

"Individuellen Widerstand hat es zweifellos quer durch Europa gegeben, aber ein kollektives Sich-zur-Wehr-Setzen indes kaum. Die jüdische Gruppenidentität, das Zusammengehörigkeitsgefühl, das für ein Sich-zur-Wehr-Setzen nötig gewesen wäre, war nur bedingt vorhanden. In Osteuropa mehr, in den Ländern Westeuropas weniger. Problematisch erscheint es mir, nur Aufstand und bewaffneten Widerstand als Widerstand gelten zu lassen. Das ist, wie ich meine, eine traditionelle Sicht."

Referenten aus elf Ländern fragten nach den spezifischen Voraussetzungen von jüdischem Widerstand: Gab es angesichts von Terror und völliger Vereinzelung, der Unwissenheit über die Deportationsziele und Vernichtungsabsichten überhaupt Möglichkeiten, sich widerständig zu verhalten? – und wenn ja: Welche?

Peter Steinbach von der Gedenkstätte Deutscher Widerstand: "Wenn es um die Vorbereitung der absoluten Katastrophe geht, dann sind doch diejenigen, die von dieser Bedrohung betroffen sind, schon in dem Moment widerständig, in dem sie den Nationalsozialisten die Bestimmung von Geschichtsbildern, die in die Zukunft weisen, abnehmen. Indem sie Zeugnisse sammeln vom Schrecken, indem sie Kultur vermitteln, Kultur bewahren, Lieder bewahren, Geschichten weitergeben, im Moment der allergrößten, existenziellen Bedrohung der eigenen Angehörigen versuchen, die Voraussetzungen kultureller, religiöser, ethnischer Nationalität und Selbstbewusstsein und Identität zu bewahren."

Julius Schoeps: "Widerstand konnte zum Beispiel heißen, Gesetze zu missachten, Verordnungen zu unterlaufen oder kulturelle Aktivitäten zu entwickeln, die allein den Zweck hatten, der Selbstbehauptung zu dienen."

Die Tagung zeigte viele konkrete Beispiele widerständigen Handelns. So war etwa von den Fluchten und Fluchtversuchen aus den Deportationszügen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden zu hören, von jüdischen Partisanenkämpfen in Kroatien und Italien, sowie von den verzweifelten Aufständen der Gefangenen in Belzec, Sobibor und Treblinka. Auch wenn viele Juden bei diesen Aktionen ihr Leben verloren, dürfe man ihre Wirkung nicht unterschätzen, so Sara Berger von der Fondazione Museo della Shoah in Rom:

"Erstens konnten die Flüchtlinge zum Zeitpunkt der Verbrechen - also zumindest im Jahr 1942 - die in den Ghettos und jüdischen Wohnbezirken wohnenden Juden über ihr Schicksal informieren und dadurch dazu beitragen, dass es dort – wie etwa im Warschauer Ghetto – zu Widerstand kam oder einige Ghetto-Insassen zumindest den Schritt ins Ungewisse, in die Illegalität und in die Verstecke wagen, wodurch sie ihre Überlebenschancen steigerten."

Zweitens war die Zeugenschaft der Entkommenen für die Prozesse nach dem Krieg unverzichtbar. Besonders beeindruckte der Historiker Martin Dean vom Holocaustmuseum in Washington mit Beispielen für religiösen Widerstand aus Galizien: So entdeckte etwa der jüdische Zwangsarbeiter Meir Rubinstein beim Zuschütten von Massengräbern die Leichen seiner gerade ermordeten Frau und seines Kindes. Rubinstein riskierte sein Leben, um die beiden nach jüdischem Gesetz zu beerdigen:

Martin Dean: "Mitten in der Nacht flüchtete Meir Rubinstein wieder von dem Lager und holte von einem nichtjüdischen Nachbarn einen Spaten und einen großen Sack. Er ging zu Fuß zum Massengrab zurück und holte seine Frau und sein Kind, die Leichen davon. Dann schleppte er diese große Bürde noch vier Kilometer zurück zum jüdischen Friedhof in Sassow, wo er sie dann wieder begraben konnte. Anschließend ist er zum Lager in Sassow zurückgekehrt, erschöpft und völlig verzweifelt."

Die Fülle der Referate machte deutlich: Widerstand hatte nicht nur viele Formen, sondern auch unterschiedlichste Protagonisten – religiöse, zionistische, assimilierte aber auch kommunistische Jüdinnen und Juden. Und: Die Forschung steht erst am Anfang.

Aus der jüdischen Welt

weitere Beiträge

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur