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Kompass / Archiv | Beitrag vom 07.06.2005

Die Hip-Hopper von Sarajevo

Kriegskinder prägen die Kultur der Stadt

Von Mirko Schwanitz

Sarajevo im April 1996 (AP Archiv)
Sarajevo im April 1996 (AP Archiv)

Sarajevo - kein anderer Ort wurde seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs länger belagert, kein anderer schlimmer beschossen. Heute scheint sich niemand mehr für Sarajevo und seine Einwohner zu interessieren. Dabei entwickelte sich nach dem Kriegsende eine junge und aufregende Szene. Die, die heute das Kulturleben Sarajevos prägen, saßen während der Belagerung als Kinder in den Katakomben der Stadt.

Sarajevo am Abend. Die Jugend flaniert durchs alte Basarviertel "Bascarscija". Die Mädchen in Miniröcken, die Jungen mit unvermeidlichen Ray-Ban-Brillen. Auch Adis lässt sich hier gerne blicken, doch heute hat er anderes vor.

Adis gehört zur wachsenden Szene der Graffiti-Writer in der Stadt.

Adis Kutkut: "Ich fing während der Belagerung an zu malen. In den Kellern, ich war ja noch ein Kind. "

Sein neuestes Werk zeigt große Buchstaben. die aussehen wie einstürzende Neubauten.

Adis Kutkut: "Mein Großvater ist im Krieg umgekommen, meine Mutter wurde damals verletzt. Ich lebte nur noch in meiner Phantasiewelt. Das hat mir geholfen."

Noch ähneln die Fassaden Sarajevos Dalmatiner-Fellen - dunkle Einschusslöcher in hellen Wänden. Doch zehn Jahre nach dem Krieg swingt und vibriert zwischen Kathedrale und Husref-Beg-Moschee wieder die Lebenslust.

Adis Kutkut: "Ich mache auch Hip-Hop. Meine Texte handeln vom Leben in Sarajevo während des Krieges und heute. "

Seine Hip-Hop-Freunde trifft Adis jeden Abend im Studio einer riesigen Kaserne der ehemaligen jugoslawischen Volksarmee.

"Ich heiße Jasmin Mesanovic, bin 21 und mache hier jeden Freitag eine sehr erfolgreiche Hip-Hop-Sendung - die GP-Radio-Show."

Mit der linken Hand presst Jasmin einen defekten Kopfhörer ans Ohr, mit der rechten schiebt er Regler rauf und runter.

"Im bosnischen Hip-Hop gibt es wie überall Battle, Storytelling und R’n’B. Aber die Texte des bosnischen Hip-Hops sind anders. Mit dem Krieg ist ein anderer Hintergrund da. Alle sind sehr emotional und es ist einfach spannend zu hören, wie die Sänger als Zwölf- oder Dreizehnjährige den Krieg erlebt haben."

Hinter einer Glasscheibe haben sie sich inzwischen versammelt, Sarajevos Hip-Hopper, die sich zur Groups People Crew zusammengeschlossen haben. Jasmin hebt den Finger. Das Rotlicht geht an. Storrytelling live.

Die Politiker bestehen aus Lügen, die Mafiosi horten Waffen, wer entscheidet über Kriege und warum beginnt immer alles auf's Neue - singt Adis.

Die Texte der Hip-Hopper passen nicht jedem der neuen Herren, Die Songs sprechen von Korruption von Arbeitslosigkeit und der Unbestechlichkeit der jungen Generation. Egal welcher Nationalität ein Politiker ist, ob Serbe, Bosnier oder Kroate, kritisiert werden alle. Der neue öffentlich-rechtliche Rundfunk in Bosnien hat es abgelehnt hat, die GP-Radio-Show in sein Programm aufzunehmen.

Adis Kutkut: "Dabei sind die Texte sind nicht immer so direkt. Es sind viele Wortspiele darin, die eigentlich nur Menschen verstehen, die das gleiche durchgemacht haben wie wir."

Nichts funktioniert, aber alles geht, wenn man nur improvisiert. Und so geben Jasmin, Adis und die Crew ihrer Generation eben in einem kleinen Studentensender eine eigene Stimme. Die Zukunft, meint Adis zum Abschied, gehört sowieso uns, weil wir uns nie gegeneinander ausspielen lassen werden.

Adis Kutkut: "Es ist schwer, hier über die Zukunft zu reden. Aber ich bin ein großer Optimist. Also wenn meine Generation in Sarajevo bleibt und sich durchsetzt, dann wird es in 15 Jahren hier gut aussehen."

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