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Interview | Beitrag vom 16.09.2021

Die heilende Kraft von MusikEinfach mal alles rausschreien

Melanie Wald-Fuhrmann im Gespräch mit Nicole Dittmer

Ein Mann mit kurzen blonden Haaren steht auf einer Bühne und schreit in ein Mikrofon. (mago images / ITAR-TASS)
Kurz vor dem Lockdown: Scooter am 12. März 2020 bei seinem Konzert in Moskau. (mago images / ITAR-TASS)

Es ist amtlich: Scooters Song „FCK 2020“ hat Menschen während der Pandemie geholfen, negative Gefühle zu verarbeiten. Eine internationale Studie, an der das Max-Planck-Institut beteiligt war, hat die positive Wirkung von Musik während Corona festgestellt.

Zur emotionalen und gesellschaftlichen Stabilisierung einzelner Menschen und Gruppen weltweit hat Musik während der Coronakrise eine große Rolle gespielt. Das sagt die Musikwissenschaftlerin Melanie Wald-Fuhrmann, Direktorin am Max-Planck-Institut für empirische Ästhetik in Frankfurt am Main.

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Für ihre internationale Studie hätten sie unterschieden zwischen Menschen, die Musik hören und Menschen, die Musik selbst machen. So würden Personen, denen es während des Lockdowns schlecht gegangen sei, eher Musik hören, sagt Melanie Wald-Fuhrmann. "Sie nutzen Musik als eine Art Trostmittel und als Ersatz für ein soziales Miteinander."

Das gemeinsame Musizieren über virtuelle Kanäle

Die Untersuchung habe außerdem ergeben, dass während der Pandemie ein eigenes Corona-Genre entstanden sei. Zum einen würden Menschen gemeinsam über virtuelle Kanäle musizieren, zum anderen seien im Kontext von Corona komplett neue "musikalische Repertoires" bzw. neue Coronasongs entstanden wie der Song "Machen wir das Beste draus" von der Band Silbermond.

Wie bei diesem Lied handele es sich bei den "Corona-Liedern" um ein Zusammenwirken von Text, Musik und Musizierform, so Melanie Wald-Fuhrmann. Zu Beginn des Songs erkenne die Band Silbermond die "traurigen und bedrückenden Umstände" der Pandemie an, die Band teile die Situation mit den Fans, aber zunehmend würden Text und Song hoffnungsvoller werden.

"Die Musik hellt sich auf, wird intensiver, kraftvoller. Und das ist im Grunde so ein emotionaler Weg von der Hoffnungslosigkeit und Bedrücktheit hin zu Hoffnung, Trost und damit auch gestärkt sein."
Der Musiker Scooter schrie in seinem Song "FCK 2020" seinen Coronafrust einfach heraus. Und dieses Herauslassen von negativen Gefühlen sei in der Psychologie auch eine erfolgreiche Strategie gegen negative Zustände, sagt Melanie Wald-Fuhrmann.

Humor und Kreativität sind gut für die Stimmung

Der US-amerikanische Singer-Songwriter Chris Mann parodierte wiederum den Song von The Knack "My Sharona" und dichtete kurzerhand den Song "My Corona".

Der Humor und die Kreativität, die hinter solchen Parodien stehe, würde die Stimmung aufhellen. Mit diesen Songs habe man ein "positives, ästhetisches Erlebnis" und das sei mitentscheidend für die Wirkung. "Musik funktioniert nur, wenn sie uns auch gut schmeckt."

Die Wirkung von Musik in Krisenzeiten

Die Untersuchung haben insgesamt ergeben, dass die Musik als hilfreich empfunden worden sei, die sich speziell mit der Krise auseinandergesetzt habe, sagt Melanie Wald-Fuhrmann.

Das sei eine Erkenntnis, die man auch für andere gesellschaftliche Bereiche und Krisen nutzen könne. Musik sei nicht nur ein Konsum- oder Unterhaltungsmittel, sondern wenn Musiker und Musikerinnen Themen ansprechen, die alle Menschen in einem bestimmten Moment umtreibt, können sie in Krisensituation etwas Positives beitragen. "Musik kann dann ein kraftvolles Medium sein."

(jde)

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