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Fazit / Archiv | Beitrag vom 25.05.2015

Die Hebräische Universität in JerusalemUnklarheit über die Erneuerung der deutschen Wissenschaft

Von Ruth Kinet

Studenten im Hörsaal (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)
Studenten im Hörsaal (picture alliance / dpa / Fredrik von Erichsen)

Nach dem Krieg und der Verfolgung und Ermordung von Millionen Juden war die Wissenschaftler-Community in Israel gespalten über Kooperationen mit deutschen Unis und Instituten. Vor allem an der Hebräischen Universität in Jerusalem war die Kontroverse groß.

Jerusalem, Ende Juni 1965, anderthalb Monate nach Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Deutschland. Mehr als 1000 Studenten sind zum Gedenken an die Opfer der Shoah auf dem Campus der Hebräischen Universität zusammengekommen. Mehrere Reden werden gehalten. Eine allerdings, sorgt für Furore: Nathan Rothenstreich, Professor für Philosophie und Träger des Israel-Preises, tritt auf und sagt:

"Die Tatsache, dass Deutschland Israel nur politisch und nicht moralisch anerkannt hat, deutet darauf hin, dass die moralische Erneuerung des deutschen Volkes noch fraglich ist."

Die Wirkung dieses Satzes war beträchtlich. Yonathan Shiloh-Dayan ist Doktorand am Franz-Rosenzweig-Minerva-Zentrum der Hebräischen Universität und erforscht unter anderem, was nach der Rede geschah. Shiloh-Dayan spricht von der "Affäre Rothenstreich":

"Rothenstreich äußerte damals Zweifel an der moralischen Erneuerung des deutschen Volkes. Er tat das zu einer Zeit als die Universität sich schon sehr ernsthaft auf Kooperationen mit deutschen Institutionen eingelassen hatte. Diese Institutionen reagierten sehr verstimmt auf Rothenstreichs Äußerungen. Die deutsche Presse interpretierte die Rede Rothenstreichs, der zu diesem Zeitpunkt schon als Rektor der Universität nominiert war, sein Amt aber noch nicht angetreten hatte, als Plädoyer gegen die diplomatischen Beziehungen Israels zu Deutschland und gegen eine 'Normalisierung'."

Unklarheit über die Erneuerung an den deutschen Akademien

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und nach der Gründung des Staates Israel rangen Professoren und Vertreter der Universitätsverwaltung immer wieder um ihr Verhältnis zu Deutschland im Allgemeinen und im Besonderen um die Frage, ob an der Hebräischen Universität Deutsch gelehrt werden und Lehrstühle für deutsche Literaturwissenschaft und deutsche Geschichte eingeführt werden sollten. Irene Aue-Ben David, promovierte Historikerin und Lehrbeauftragte am Franz-Rosenzweig-Zentrum der Hebräischen Universität, erforscht den Verlauf dieser Debatten:

"Ein Grund dagegen war, dass man besorgt war, dass dies ein falsches Signal an Deutschland gibt, dass das eine Normalisierung vorgeben würde, die nicht da ist. Es war auch die Sorge, dass man deutsche Geistesgeschichte, die auch als Teil der NS-Geschichte angesehen wurde, hierher holt. Es bestanden Vorbehalte dagegen, dass auf einmal deutsche Geisteswissenschaftler hierher kommen und man sich mit ihnen direkt auseinandersetzen musste. Es wurde auch empfunden als falsches Signal in die Diaspora. Wo sich die Hebräische Universität schon als der wissenschaftliche und kulturelle Ort des weltweiten Judentums sah."

Yfaat Weiss leitet das Franz-Rosenzweig-Minerva-Forschungszentrum an der Hebräischen Universität Jerusalem, an dem seit 1990 das kulturelle Erbe des deutschen Judentums vom Mittelalter über die Shoah bis heute erforscht wird. Professor Weiss versteht ihre Universität als Ort der Gleichzeitigkeit und Verschränkung von Kontinuität und Bruch, wie sie sagt:

"Es war ganz klar, dass die Beziehungen zu Deutschland gebrochen sind. Und zwar gebrochen auf eine sehr brutale Weise. Es waren viele Leute, die einfach in Deutschland entlassen wurden. Es waren hier auch andere Leute, die schon in den 20ern gekommen sind, weil sie Zionisten waren, dazu gehörte zum Beispiel Gershom Sholem oder Hugo Bergmann, der Prager Jude, der auch sehr früh nach Palästina gekommen ist. Das heißt die Leute, die hierher gekommen sind, waren eine Mischung aus Leuten, die schon früh Zionisten waren und aus Überzeugung hierher gekommen sind und Leuten, die eventuell mit dem Zionismus sympathisierten oder auch nicht, aber unter anderen Umständen nie emigrieren würden. Und die trafen sich alle hier in der Universität. Ich denke, dass sie etwas Gemeinsames hatten, ob sie Zionisten oder Nicht-Zionisten waren, war die Tatsache, dass sie natürlich durch und durch geprägt waren durch deutsche Wissenschaft und Kultur."

"Bei ihm ist es sehr stark spürbar, wie diese Spannung permanent bleibt"

Zum Beispiel Gotthold Weil. Er war ein Berliner Arabist, Turkologe und Bibliothekswissenschaftler. 1934 wird der jüdische Professor in den so genannten Zwangsruhestand versetzt. Ein Jahr später beschließt Weil, nach Palästina auszuwandern. Die habilitierte Historikerin Sabine Mangold-Will, die an der Universität Wuppertal Neuere und Neueste Geschichte lehrt, arbeitet zurzeit an einer Biographie über Gotthold Weil und erforscht seinen Nachlass, der im Archiv der Israelischen Nationalbibliothek aufbewahrt wird. Sie legt die Spannung zwischen Bruch und Kontinuität im Leben des Orientalisten frei:

"Bei ihm ist es sehr stark spürbar, wie diese Spannung permanent bleibt, immer jüdisch und zionistisch sein wollen, aber auch immer deutsch sein wollen. Und jemand, der im Ersten Weltkrieg sich letztlich für das Kaiserreich eingesetzt hat und gleichzeitig kommt er ja hier an und all dieses Deutsche wird ihm auch infrage gestellt. Und trotzdem gibt es dieses 'aber ich kann das nicht ganz aufgeben', weil das bedeuten würde, die eigene Existenz, die eigene Identität komplett aufzugeben und das würde den Ruin bedeuten."

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(Deutschlandradio Kultur, Studio 9, 12.05.2015)

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