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Interpretationen | Beitrag vom 14.02.2021

Die Hamburger Sinfonien von Carl Philipp Emanuel BachFrischluft für die Fantasie

Moderation: Ulrike Timm

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Zeitgenössisches, geziechnetes Porträt Carl Philipp Emanuel Bachs, das ihn mit Perücke und edlem Mantel zeigt. (imago images / imagebroker)
Lakai und Genie, höfischer Dunstkreis und urbane Innovation: In der Persönlichkeit Carl Philipp Emanuel Bachs verkörpern sich die Spannungen des 18. Jahrhunderts. (imago images / imagebroker)

Hamburg und Berlin machten sich schon vor dem Bau der Elbphilharmonie musikalisch Konkurrenz. Nachdem Carl Philipp Emanuel Bach 1768 von der Spree an die Alster umgezogen war, ließ er in seinen Hamburger Sinfonien reichlich frischen Wind wehen.

In Hamburg bekam Carl Philipp Emanuel Bach endlich wieder Luft: 1768 hatte der zweitälteste Sohn Johann Sebastian Bachs das Leben eines Lakaien am Hofe Friedrichs II. in Berlin eingetauscht gegen das eines Bürgers der Freien und Hansestadt Hamburg und den Posten eines Kammercembalisten gegen den des städtischen Musikdirektors der fünf Hauptkirchen von Hamburg.

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

Die Musik des ehemals kunstbegeisterten Preußenkönigs in Berlin war längst zur harmlosen Abendunterhaltung verflacht, der Kunstgeschmack dort hieß "modest, deutlich und nett", was den 299 Flötenkonzerten seines Lieblingskomponisten Quantz entsprach, die Friedrich II. immer wieder aufs Neue höchstpersönlich abblies – wobei für die Hofgesellschaft selbstverständlich Applauszwang herrschte. Ein musikalischer Feuerkopf wie C. P. E. Bach, der es liebte, der allgemeinen Ordnung die Geistesblitze des Einzelnen entgegen zu schleudern, stand hier zunehmend auf verlorenem Posten.

Sturm und Drang

In Hamburg gibt Bach junior die auferlegte Zurückhaltung auf; kraftvoll, impulsiv und bisweilen exzentrisch stürmen seine neuen Sinfonien voran. Umstürzlerische Musik, die in Kontrasten spricht. Jede Farbe, jede Geste wird, kaum dass sie aufgetaucht ist, prompt wieder umgeworfen. Die Werke spiegeln das Wesen eines Komponisten, der sich stärker als bislang üblich als Individuum versteht. Sie sind modern, Ausdruck einer Zeit, die des Absolutismus langsam müde wird – und die sich zu wehren beginnt.

Musikalisch reflektieren die Sinfonien die beiden wichtigsten Strömungen jener Epoche: die Empfindsamkeit mit ihrer Forderung, Musik solle das Herz rühren, und den Sturm und Drang, der die Exzentrik und Extreme der Stimmungen zum Ideal erhebt. Ihre Entstehung in den Jahren 1773-1776 fällt genau in die Zeit des Erscheinens von Goethes "Werther"-Roman (1774), der für die Literatur und das Lebensgefühl dieser Jahre bahnbrechend ist.

Stadtluft macht frei: Barocker Lageplan von Hamburg (imago images / imagebroker)Stadtluft macht frei: Barocker Lageplan von Hamburg (imago images / imagebroker)

So erlangte auch Carl Philipp Emanuel Bach in diesen Jahren den Ruf eines Originalgenies, seine kompositorische Sprache beeindruckte seine Kollegen Haydn und Mozart tief: "Er ist der Vater, wir sind die Bubn. Wer von uns was Rechts kann, hats von ihm gelernt", sagte Mozart anerkennend.

Das Vergessen nach dem Ruhm

Doch ein Vierteljahrhundert später war es mit dem Ruhm vorbei; der Geschmack hatte sich grundlegend gewandelt. "Könnten Sie mir die Bachsachen nicht einfach schenken?", fragte Beethoven 1812 bei Bachs Verleger Breitkopf in Leipzig an. Die "Bachsachen" würden doch sonst sowieso nur "vermodern"…

Aus heutiger Sicht zeichnen sich besonders die Eröffnungssätze der Bachschen Sinfonien durch Spontaneität und Kontraste aus, dagegen wirken die Schlüsse der durchweg dreisätzigen Sinfonien oft ein wenig entschuldigend für das, was bis dahin "vorgefallen" ist. Die hohe Spannung lässt staunen, trägt aber bisweilen naturgemäß etwas Unfertiges und Kurzatmiges in sich. Sie kennzeichnet eine Musik, die in ihrer Zeit steht und sich doch an genau dieser Zeit auch wieder reibt.

Kultraum und gute Stube der Stadt: Der Hamburger Michel, Wirkungs- und Begräbnisstätte von Carl Philipp Emanuel Bach (imago images / imagebroker)Kultraum und gute Stube der Stadt: Der Hamburger Michel, Wirkungs- und Begräbnisstätte von Carl Philipp Emanuel Bach (imago images / imagebroker)

Möglicherweise rührt dieser Eindruck von der "Innenspannung" des Komponisten her: Carl Philipp Emanuel Bach war stets stolz darauf, nie einen anderen Lehrmeister gehabt zu haben als seinen Vater Johann Sebastian Bach.

Der Stilwandel, den der alte Bach in seinem letzten Lebensjahrzehnt noch kennen lernte, markiert letztlich auch einen Generationenkonflikt. Und die Hamburger Sinfonien, die der Sohn nach dem Tod des Vaters komponierte, gerieten sogar ungleich rasanter in Vergessenheit.

Esprit und Eigenheit

Was früher Revoluzzertum war, begegnet unseren heutigen Ohren eher als espritvoll, überraschend, unterhaltsam. Im Zuge der historisch orientierten Aufführungspraxis erhielten die Orchestersinfonien ihren eigentümlichen Stellenwert auch auf dem Konzertpodium und im Aufnahmestudio zurück.

In der hanseatischen Wahlheimat Carl Philipp Emanuel Bachs trägt das Ensemble Resonanz heute zu einer Wiederbelebung dieser ungewöhnlichen Orchestermusik bei.

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