Die Großen hängt man, die Kleinen lässt man laufen

Die Schweiz gilt als umstrittenes Steuerparadies (hier Zürich). © AP
Zu Gast: Lars P. Feld, Volks- und Finanzwissenschaftler an der Universität Heidelberg · 20.02.2010
Was für ein Coup: Noch hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sein Vorhaben nicht in die Tat umgesetzt, die CD mit den Daten der 1500 Steuersünder zu kaufen, aber die Zahl der reuigen Selbstanzeigen steigt täglich. Nach Angeben der Deutschen Steuergewerkschaft haben sich bundesweit bereits rund 2500 Steuersünder gemeldet.
Im Schnitt seien 100.000 bis 150.000 Euro an Nachzahlungen zu erwarten, ein satter Millionenbetrag für den Fiskus. "Das hat Methode", sagt der Finanzwissenschaftler Lars P. Feld von der Universität Heidelberg. In allen Umfragen und Studien, der er zum Thema Steuerhinterziehung oder Schwarzarbeit gemacht hat, kam heraus: Die Steuerzahler checken ihr persönliches Risiko. Steige die Kontrollintensität oder – wie bei den CDs – die Gefahr entdeckt zu werden, sinke die Bereitschaft, zu betrügen. Mit jedem Tag, an dem der Staat bzw. die Bundesländer die CDs nicht kauften, werde die Zahl der Anzeigen steigen, der Profiteur sei der Staat.

Dennoch gehört Lars Feld zu den Kritikern dieses umstrittenen Kaufs: "Ich sehe ihn ambivalent. Ich sehe den kurzfristigen Erfolg, aber ich sehe auch die rechtlichen Bedenken. Das kann auch zurückschlagen, wenn sich der Staat illegaler Mittel bedient. Was bedeutet es langfristig für unser Rechtssystem?

Der Wirtschaftsexperte beschäftigt sich u. a. mit der Frage, wie die Steuermoral der Bürger mit ihrem Vertrauen in den Staat zusammenhängt.
"Wir haben weniger Hinterziehung, wenn die Steuerzahler das Gefühl haben, ich habe eine direkte Kontrolle, wenn sie ein Wörtchen mitreden können, wenn sie das Gefühl haben, mein Geld wird nicht verschleudert."

Umgekehrt reagierten Steuerzahler verärgert, wenn sie das Gefühl hätten, der Staat betreibe Klientelpolitik und verschleudere Steuergelder. "Sehen Sie sich z.B. an, wie viele Eltern in Eigeninitiative die Schulen ihrer Kinder renovieren. Die sagen zu recht: Wofür bezahlen wir eigentlich Steuern?"

Diese und andere Erkenntnisse liefert auch eine aktuelle Studie, die Lars Feld gemeinsam mit dem Ökonomen und Schwarzarbeits-Experten Prof. Dr. Friedrich Schneider durchgeführt hat. Ihr Titel: "Guter Staat – Böse Bürger?
Schattenwirtschaft und Steuerhinterziehung".

Jenseits der spektakulären millionenschweren Fälle scheint die Hinterziehung aber auch bei den kleinen Steuerzahlern zum Volkssport zu werden: Pendler, die auf dem Papier ihren Arbeitsweg um ein paar Kilometer verlängern, Unternehmer, die ein Abendessen mit Freunden als Geschäftsessen tarnen oder Bücherfreunde, die den Krimi zur "Fachliteratur" umwidmen. Auch sie tragen zu den geschätzten rund 30 Milliarden Euro bei, die jedes Jahr allein in Deutschland am Fiskus vorbei hinterzogen werden. Und zur Schattenwirtschaft – die jährlich über 350 Milliarden Euro ausmacht – gehört auch die private Putzhilfe, der Gärtner oder die Altenpflegerin, die schwarz beschäftigt werden.

"Die Großen hängt man, die Kleinen lässt man laufen - Sind wir ein Volk von Steuerhinterziehern?" Darüber diskutiert Dieter Kassel heute gemeinsam mit dem Finanzwissenschaftler Lars Feld. Hörerinnen und Hörer können sich beteiligen unter der Telefonnummer 00800 / 2254 2254 oder per E-Mail unter gespraech@dradio.de.

Informationen im Internet
Über Prof. Dr. Lars P. Feld
Über die Studie "Guter Staat – Böser Bürger? Schattenwirtschaft und Steuerhinterziehung"