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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 05.05.2010

Die "Göttliche Komödie" der Germanen

Vera Zingsem: "Freya, Iduna & Thor", Klöpfer & Meyer, 263 Seiten

Der Gott Wotan (hier auf einem Sammelbild aus dem Jahr 1906) trug eigentlich eine Augenklappe. (Münchner Stadtmuseum)
Der Gott Wotan (hier auf einem Sammelbild aus dem Jahr 1906) trug eigentlich eine Augenklappe. (Münchner Stadtmuseum)

Wer hätte das gedacht. Die Schar der germanischen Götter wird nicht etwa von Wotan dirigiert, dem Gott mit dem mächtigen Wurfspeer. Auch nicht von Thor mit dem Hammer oder Tyr mit dem Schwert. Das Zepter im nordischen Götterhimmel schwingt vielmehr eine Dame im Schwanenkleid: Freya, die Göttin der Liebe und Meisterin der Wahrsagekunst - erklärt Vera Zingsem.

"Dieses Buch ist ein Versuch, die nordisch-germanische Mythologie gegen den Strich zu lesen. Nicht das Heldische, nicht die angebliche Blut -und Bodenmystik stehen im Mittelpunkt, sondern Liebe, Weisheit, Humor und Poesie."

Die Autorin hält, was sie verspricht und schenkt uns ein Lesebuch in 13 Kapiteln. Geschichten über Wanen und Asen, die germanischen Götter-Geschlechter. Über Walhall (das oft fälschlich "Walhalla" genannt wird) und Folkwang, ihre Himmelsburgen. Auch der germanische Schöpfungsmythos kommt zur Sprache. Hier werden die Gottes-Geschöpfe nicht aus Lehm kreiert, wie in der hebräischen Bibel, sondern aus göttlichem Speichel.

Vor Zeiten hatten Wanen und Asen in blutiger Fehde gelegen. Als man sich endlich zum Frieden entschloss, spuckten alle Götter zum Zeichen ihres Einvernehmens gemeinsam in eine Schüssel. Aus dieser Flüssigkeit formen sie dann Kwasir, einen Weisen, der durch die germanischen Lande zieht.

Wer sich in dieses Buch vertieft, erfährt auch, wie germanische Mythen in deutschen Volksmärchen weiterleben. Frau Holle zum Beispiel ist ursprünglich eine Riesin aus der altnordischen Huld-Saga.

"Das Schneekleid der Erde schützt sie im Winter vor dem Austrocknen und hält die Pflanzensamen warm. Frau Holle erkennen wir als die wohltätige Macht von Eis und Schnee, weshalb es von ihr heißt, sie lege während der Winterzeit jeder Blume den Traum vom Frühlingshimmel ins Herz."

Zingsem bietet auch manchen Exkurs in Sachen Sprachgeschichte. Unsere Wochentage sind nach germanischen Göttern benannt. Der Freitag zum Beispiel war Freya geweiht, der Göttin mit dem Schwanenkleid. Und wer behauptet: "Mir schwant etwas ... ", erklärt uns eigentlich, er übe sich in Freyas Kunst: der Wahrsagerei.

Vera Zingsem forscht seit Jahrzehnten über die Göttermythen in aller Welt. So kann sie dem Leser auch manche Ähnlichkeit zwischen den mythischen Bilderwelten der Germanen und denen anderer Kulturen entdecken. Nehmen wir zum Beispiel die Nornen. Nach germanischer Vorstellung wohnen sie am Urbrunnen der Welt und spinnen die Schicksalsfäden der Menschen - ähnlich den römischen Parzen.

"Der Faden lässt sich weiterverfolgen hin zum indischen Raum. Wo der 'Schleier der Maja' nichts anderes bedeutet als das Gewebe der Welt, und auch 'Tantra' nichts anderes als 'Webstuhl' heißt."

Aber in den germanischen Göttermythen wird nicht nur gewoben und gesponnen, gesungen, geliebt. Es wird - wie in anderen Göttermythen auch - heftig gekämpft und gestorben. Das Schlachtengetümmel der germanischen Sagen wird von himmlische Frauen observiert, "Walküren" genannt oder auch "Windsbräute". Mit Schild und Schwert.

"Walküren haben von Berufs wegen mit dem Jenseits zutun. Ist es doch ihre Aufgabe, die in der Schlacht Getöteten in die seligen Gefilde nach Walhall oder Folkwang zu begleiten."

Nach der Schlacht brausen die sagenhaften Walküren über das Leichenfeld und wählen die "ehrenvoll Gefallenen" aus. Nur wer den Heldentod gestorben ist, darf in ihrem Gefolge den Weg nach Walhall antreten: Wotans Himmelsburg.

Ob es denn solche Bilder waren, die Goebbels und Parteigenossen besonders beeindruckt haben, kommt bei Zingsem nicht zur Sprache, es ist einfach nicht ihr Thema. Das Martialische in der germanischen Mythologie beeindruckt die Autorin wenig. Außerdem ist sie der Meinung, da sei manches nicht ganz ernst gemeint. Man betrachte nur die germanischen Göttergestalten:

"Sie sind keineswegs die unanfechtbaren Helden, als die wir sie uns immer vorstellen, sondern samt und sonders Invaliden. Eher 'Weicheier' als Kraftprotze."

Wotan zieht den Hut tief ins Gesicht, um eine Augenklappe zu verbergen. Tyr, dem obersten Kriegsgott, fehlt ausgerechnet die rechte Hand. Und Thor, dem Gott mit dem Hammer, steckt seit dem Kampf mit einem Riesen ein Wetzstein im Kopf, sodass ihm dauernd der Schädel brummt.

Vera Zingsem hat die "Göttliche Komödie" der Germanen entdeckt. Für sich und für uns. Wider das todernste Pathos der nationalsozialistischen Ideologie. Eine Pionierarbeit, die Anerkennung verdient und dem Leser beste Unterhaltung beschert.

Besprochen von Susanne Mack

Vera Zingsem: Freya, Iduna & Thor. Vom Charme der germanischen Göttermythen
Klöpfer&Meyer, Tübingen 2010
263 Seiten, 22 Euro

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