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Die Reportage / Archiv | Beitrag vom 24.06.2007

Die Gewächshaus-Sklaven

Von Eberhard Schade

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Treibhäuser in der Nähe von  El Ejido in Südspanien (AP Archiv)
Treibhäuser in der Nähe von El Ejido in Südspanien (AP Archiv)

Lehrer, Bauer, Fischer, Student - egal, welcher Tätigkeit die Immigranten in ihrem Herkunftsland nachgegangen sind, in der spanischen Provinz Almería erwartet alle dasselbe Los. Riesige Treibhaus-Plantagen sind hier das Tor nach Europa.

Täglich warten Tausende Tagelöhner auf einen Job, die meisten von ihnen Immigranten aus Afrika, die in Booten vor den Kanarischen Inseln aufgegriffen werden. Für die Obst- und Gemüse-Produzenten in der Region ein gutes Geschäft. Denn: von offizieller Seite wird geduldet, Illegale zu beschäftigen, Kontrollen gibt es kaum. Die Gewächshaus-Sklaven arbeiten bis zu 16 Stunden am Tag für 36 Euro. Ohne Rechte, ohne Schutz, ohne Zukunft. Eine Reportage von Eberhard Schade.

Keiner da. Auf dem verlassenen Platz, der als Müllabladefläche dient. Auf dem drei zusammengezimmerte Hütten stehen. Aus Holzpaletten und Fetzen von Gewächshausfolie.

"Alle arbeiten", sagt Laaroussi. Der große, kräftige Marokkaner mit dem traurigen Blick. Der 39-Jährige muss es wissen. Er selbst lebt hier ein Jahr lang. Am Stadtrand von El Ejido in der andalusischen Provinz Almería, nicht weit von den Touristenstränden. Ohne Strom, ohne Trinkwasser. Zwischen Pestiziden und Müll. Kaum ist er zurück, sind alle Erinnerungen wieder da.

Hier backen sie Brot, sagt er. "Das ist die Toilette, das die Dusche". Und zeigt auf einen Schlauch im hohen Gras. Gekocht und geduscht wird mit Wasser aus einem Bewässerungskanal. Laaroussi hat die Leitung selbst angezapft. Weiß noch genau, wo sie verläuft.

15 Erntearbeiter hausen hier, weiß Laaroussi. In den chabolas, den Elendsbehausungen. Manche schon seit Jahren. Und arbeiten gleich nebenan, schneiden Gurken und Paprika. "An den Gewächshäusern kommt keiner vorbei", sagt Laaroussi, "sie sind das Tor nach Europa."

Stoisch blickt der Marokkaner auf das "Meer aus Plastik", wie die surreale Landschaft genannt wird. Die 30.000 Hektar, komplett verhüllt mit Folien. Darunter: Paprika, Tomaten, Gurken – aber auch das, was niemand sehen soll. Die Unterkünfte von mittlerweile 80.000 Immigranten, die Hälfte von ihnen ohne Papiere. Meist junge Männer aus Nord- und Schwarzafrika, die in Booten an der andalusischen Küste oder auf den Kanaren stranden. Tagsüber als Tagelöhner arbeiten. In Ghettos am Stadtrand, verfallenen Bauernhäusern oder hier, den chabolas leben. Unsichtbar für Touristen und Spanier.

Plötzlich stolpert Laaroussi über einen Holzpflock, ein Lächeln huscht über sein Gesicht. "Hier spielen sie noch immer Fußball", sagt er. Der Pflock: ein Torpfosten. Angst, entdeckt zu werden, haben die Immigranten offenbar nicht.

"Nein, die Polizei kommt hier nicht her. Weil man sie hier nicht sieht, mitten zwischen den Gewächshäusern."

Viel lieber wäre es Laaroussi, sie kommen mal raus. In die Stadt, ins 30 Kilometer entfernte Almería. Zu ihm und seinen Kollegen von der Landarbeiter-Gewerkschaft SOC. Für die arbeitet der studierte Psychologe seit zwei Jahren.

"Die Leute hier sind schwer zu erreichen. Alle wollen zwar, dass sich ihre Situation verbessert, aber nur wenige sind bereit, dafür auch zu kämpfen. Das ist unser Problem bei der SOC. Manchmal kommen Leute, aber da ist keine Kontinuität. Wir müssen ständig nach neuen Mitstreitern suchen."

Laaroussi geht jetzt Richtung Auto. Muss bald los. Zurück nach Almería. Will vorher noch zu einer anderen chabola.

20 Kilometer weiter östlich, am anderen Ende von El Ejido.

Gewächshausführung. Lola lässt noch den letzten zahlenden Touristen hinein. Legt dann los. Auf Spanisch, Englisch. Redet mit Händen und Füßen.
Die kleine Frau mit den wilden blonden Locken ist Gemüsebäuerin in zweiter Generation. Baut auf 1700 Hektar Tomaten, Gurken, Paprika und Zucchini an. Neuerdings bietet sie Führungen durch ihre Gewächshäuser an. Für Studenten, Schulklassen, Touristen.

"Einmal mache ich das, weil es sich rechnet. Und dann, damit alle, die hierher kommen, wissen, was in dem Meer aus Plastik passiert. Wie wir Gemüsebauern anbauen, mit unseren Angestellten umgehen, mit den Ressourcen. Viele denken ja: oh, Gewächshäuser, das ist ja alles künstlich, da wird bestimmt überall Gift gespritzt. Dass das nicht stimmt, nicht der Realität entspricht – das möchte ich mit meinen Touren beweisen."

Im ersten Gewächshaus: traditioneller Anbau. Außenwände und Dach sind aus Plastik. Im Inneren des Gewächshauses ist noch eine zweite Folie gezogen. Die sammelt das Regenwasser, das durch kleine Löcher in der äußeren Haut dringt, leitet es in schmale Bewässerungskanäle. Fenster gibt es keine. Damit die Temperatur drinnen konstant bleibt, muss Lola lüften. "Alles noch Handarbeit", sagt sie und lacht. Denn lüften heißt hier: sie selbst rollt ein Teilstück der Folie ein.

Lola hockt jetzt auf dem Boden, kratzt mit einem Schraubenzieher die oberste Schicht der rund 30 Zentimeter hohen Pflanzenerde ab. Will zeigen, wie locker und luftig sie ist. Wie gut in diesem Boden ihr Gemüse wächst.

Gurken, Paprika, Auberginen, Zucchini, Bohnen, Melonen und Tomaten können in Gewächshäusern wie diesem das ganze Jahr geerntet werden. "Müssen sie auch", sagt Lola, "der Preiskampf ist hart."

"Natürlich ist es schön, wenn die Pflanze draußen, unter freiem Himmel wächst. Aber die Menschen wollen ihr Gemüse zwölf Monate im Jahr auf dem Teller haben. Deshalb brauchen wir Gewächshäuser. Da bin ich Realist."

"Profitmache ist das jedenfalls nicht", sagt sie und schimpft: "Richtig fett verdienen doch nur die ganz Großen." Damit meint Lola Gemüsebauern mit über zehn Hektar Land, die Zwischenhändler und die großen Handelsketten. "Wie kann es sonst sein", fragt sie, "dass ich nur 30 Cent für dasselbe Kilo Paprika bekomme, das bei Euch im Supermarkt ein paar Tage später für drei Euro verkauft wird?"

Lola will weiter, ins zweite Gewächshaus. Die Touristen sind froh. Können draußen kurz Luft schnappen. In den Gewächshäusern ist es schwül, stickig.

Laaroussis Blick schweift langsam über das endlos schmutzig weiße Plastikplanenmeer, das direkt bis an den Stadtrand von El Ejido reicht. Bis an die Villen, vor denen große Geländewagen parken. Die Häuser der patrones, der großen, reichen Gemüsebauern. Keine zehn Autominuten von ihnen entfernt: wieder eine chabola.

"Der Junge, der hier wohnt, ist aus Algerien. Er hat Licht und Wasser, wohl gleich zwei Leitungen angezapft. Deshalb ist er wohl weg, weil er Angst hat, wir sind von der Polizei. Und er keine Papiere hat."

Wieder eine zusammengezimmerte Hütte aus Fetzen von Gewächshausfolie. Drinnen: ein kleiner Vorrat an Konservendosen. Eine Feuerstelle, daneben ein herausgerissener Autositz.

Aus einer rostigen Leitung tropft Wasser. Ein Radio läuft. Gerade noch ist jemand hier gewesen, hat Angst bekommen – und ist weg. Der Mann auf dem Motorrad, der auf der Piste neben den Gewächshäusern immer auf und ab fährt? "Nein", sagt Laaroussi und muss schmunzeln. "Das ist sein Chef, der patrón." Auch er hat Angst, weiß der Marokkaner.

"Der wird nervös, wenn er jemanden sieht, den er nicht kennt. Weil er denkt, das könnten Inspekteure sein. Haben sie gesehen, wie er immer hin und her gefahren ist? Ich wette, der jagt jetzt alle seine illegal Beschäftigten aus den Gewächshäusern. Und steht dann irgendwo hinter der Plane und beobachtet uns."

El Ejido, der Name steht noch immer für ein Klima der Angst, für versteckten Rassismus. "Es ist furchtbar", sagt Laaroussi und geht langsam zurück Richtung Auto. Ganz schlimm, erzählt er, ist es im Februar 2000. Als ein geistig verwirrter Marokkaner eine junge Spanierin tötet, zieht ein aufgebrachter Mob durch den Ort. Brennt die Geschäfte und Hütten von 500 Marokkanern nieder. Und der Bürgermeister guckt zu. Erst nach drei Tagen beenden überregionale Polizeikräfte den Amoklauf.

"Nach den Tumulten fingen wir dann mit den Streiks an", erinnert sich Laaroussi. Und für eine Weile scheint alles besser zu werden. Die patrones machen Zugeständnisse, sagen Stundenlöhne über vier Euro zu. Nur: zahlen sie sie nicht. Bis heute.

Ein Immigrant verdient 30 Euro am Tag, rechnet Laaroussi im Auto vor. Arbeitet oft ohne Vertrag und kann von heute auf morgen auf die Straße gesetzt werden. Doch damit nicht genug. Manche müssen acht Stunden am Tag eine Giftbrühe gegen Schädlinge und Krankheiten sprühen. Ohne Schutzkleidung, ohne Mundschutz. "Für den patrón sind wir eine frei verfügbare Masse", sagt Laaroussi. Nicht weniger, nicht mehr. Blickt dann wieder stoisch auf das "Meer aus Plastik" und sagt: "Wir sind Europas Sklaven von heute."

Lola strahlt. Steht jetzt mit den Touristen im zweiten Gewächshaus. Diesmal ein hochmodernes. Vollverglast mit automatischen Fenstern. Alles computergesteuert. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Schädlingsbestand – alles Werte, die sie vom Bildschirm in ihrem Büro aus kontrollieren kann. Auch der Gemüseanbau hier: hochmodern. Nur noch Hydrokulturen. Kein 30-Zentimeter dicker Erdboden mehr, sondern ein mit Sauerstoff angereicherter Strom von Nährlösungen. Jede Wurzel umhüllt mit einem Mantel aus Basalt, einem vulkanischen Steingemisch aus Eisen, Magnesium und Calcium. Kaum noch Chemie. Dafür gezüchtete Tierchen, die Schädlinge wie die weiße Fliegen fressen.

Ein Fischerboot mit 85 Flüchtlingen kommt im Hafen von Teneriffa an. (AP)Ein Fischerboot mit 85 Flüchtlingen kommt im Hafen von Teneriffa an. (AP)Lola ruft jetzt Mustafa, einen ihrer Mitarbeiter. Er soll ihr einen Trolley bringen, auf dem er Gurken erntet. Einen Wagen, der zwischen den Pflanzen auf Schienen hin und her fährt und sich wie ein Hubwagen bis zu drei Meter in die Höhe schrauben kann, für das Gemüse ganz oben, unterm Gewächshausdach.
Mustafa kann damit aber auch die Gurken ganz unten pflücken. Bequem, im Sitzen, ohne sich dabei den Rücken kaputt zu machen.

Lola setzt sich auf den Trolley, macht es vor. Mustafa steht daneben, lacht. Der große Marokkaner trägt einen weißen Overall, dazu einen Strohhut mit knallrotem Hutband. Ist einer von vier Angestellten bei Lola, einer von drei Afrikanern. Mit Papieren und Arbeitsvertrag.

"Sie können meine Leute ruhig fragen. Sie bekommen jedes Jahr einen neuen Vertrag, leben in Almería, haben dort Familie, ihr Haus oder zahlen Miete für eine Wohnung. Ihre Kinder gehen dort zur Schule. Alles ganz legal."

Lolas Ton: jetzt schärfer. Sie wirkt genervt. So, als wolle sie nicht vom Thema Gurkenernte auf das Thema Immigranten umschwenken.

"Fast jeden Tag kommen welche zu mir und fragen, ob sie in den Gewächshäusern arbeiten können. Ich schicke sie weg, brauche nicht mehr als vier Leute, kann gar nicht mehr bezahlen. Und ich will auch gar keine beschäftigen, die keine Papiere haben."

Denn das ist illegal, auch wenn es längst Teil des Systems ist. Der Reichtum der Region auch mit Hilfe der Einwanderer erwirtschaftet wird. 2006 allein kommen 26.000 Afrikaner auf illegalem Wege ins Land, fünf mal so viel wie im Jahr zuvor.
"So kann das unmöglich weiter gehen", sagt Lola und fleht mit ihrem Blick um ein verständnisvolles Nicken. "Alle, die kommen, können doch nicht hier bleiben und arbeiten?!"

"Das ist aber nicht allein das Problem von El Ejido oder Andalusien. Es ist Europas Problem. Aber für die Deutschen, Engländer und Holländer – ist es weit, weit weg."

Pünktlich um sechs betritt Laaroussi das Gewerkschaftsbüro der SOC. Das sind drei winzige Räume im Erdgeschoss eines Wohnblocks in einem Arbeiterviertel Almerías. Laaroussis Kollegen Spitou und Laura haben alles vorbereitet. Vier Stuhlreihen und zwei Schreibtische zusammengeschoben. Zeitungsartikel und Flugblätter kopiert. Laaroussi blickt zur Uhr, wartet noch. An der Wand: der Aufruf zur Besetzung einer Finca zum 1. Mai, ein Che Guevara-Poster.

Begrüßung durch Spitou. Der gut gelaunte Senegalese in Jeanshemd und Turnschuhen ist eigentlich Professor für Sprachen. Seit fünf Jahren bei der SOC. Freundlich nickt er jedem einzelnen Besucher zu. Vier Männer und zwei Frauen sind gekommen. Alle aus Marokko.

Dann spricht Laura, Laaroussi übersetzt ins Arabische. Die kleine rothaarige Frau hat die neuesten Zahlen. Für acht Stunden Arbeit müssten die patrones euch laut Gesetz mindestens 40 Euro zahlen, sagt sie. Mit der SOC will sie dafür kämpfen, dass das in der Region mit einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen Spaniens endlich mehr wird. Genauso dafür, dass die patrones den Immigranten endlich ihre Überstunden bezahlen. Und sie im Sommer, wenn es in den Gewächshäusern über 50 Grad heiß ist, eine Stunde weniger arbeiten lassen.

Alles Probleme, von denen Hassan, ein 26 Jahre alte Marokkaner in der ersten Reihe, nur träumt. Weil er im April 2004 keinen festen Wohnsitz hat, wird er aus Spanien ausgewiesen, darf eigentlich fünf Jahre lang nicht zurück. Seine Familie aber würde ohne das Geld, das er in den Gewächshäusern verdient, verhungern, sagt er. Deshalb sitzt Hassan schon nach einem Jahr wieder in einem Ruderboot, riskiert sein Leben.

"Ja, ein Ruderboot. Weißt du, wie lange das dauert? Einmal 30, einmal 27 Stunden. Immer nur Wasser um dich herum. Weißt du wie viele Leute? 80. Auf einem neun Meter langen Boot. Und das kostet Geld. Viel Geld. Und das ist alles weg."

Hassan ist aufgewühlt, fingert nervös auf dem Display seines Handy herum. Springt dauernd vom Spanischen ins Arabische. Spitou spürt, wie nervös, wie verzweifelt er ist. Nimmt den jungen Marokkaner in Schutz. "Was soll er sonst tun?" fragt er und hebt beide Arme in die Luft.

"In Afrika ist kein Geld, keine Arbeit. Das Schulsystem funktioniert nicht, das Gesundheitssystem auch nicht. Jungs wie er haben keine Arbeit, sehen dann im Fernsehen Europa. Den Überfluss, den Reichtum. Denken, warum sollen wir uns nicht ein bisschen aus den Ländern, die uns kolonisiert haben, zurückholen?"

Almería oder Spanien ist dabei gar nicht ihr erstes Ziel, sagt Spitou. Das Ziel heißt Europa. Weil in den Nachbarländern die Einwanderungsbedingungen schärfer sind, bleiben die meisten hier hängen.

"Und wenn sie dann hier die Realität sehen – fangen viele an zu weinen. Was glauben Sie, was ich getan habe, als ich mich plötzlich auf dem Tomatenfeld wieder gefunden habe? Ich habe auch geweint."

Lehrer, Bauern, Fischer, Studenten. "Einige zerbrechen daran", sagt Laaroussi leise, "andere kämpfen". Hassan will kämpfen, sagt er. Durchhalten.

"Ich rauche nicht, ich trinke nicht. Arbeite jeden Tag und habe ein gutes Verhältnis zu meinem Chef. Er hat mir sogar schon eine Wohnung angeboten, einen Vertrag. Noch traue ich mich nicht, irgendwas zu unterschreiben, weil ich eigentlich ja nicht hier sein darf. Noch nicht."

Im April 2009 aber, glaubt er, wird endlich alles besser. Mit Arbeitsvertrag und Wohnung bekommt er dann seine Aufenthaltserlaubnis. Und darf nach einem weiteren Jahr im Gewächshaus in ganz Spanien arbeiten. Dann noch mal fünf Jahre, rechnet Spitou vor, und Hassan ist endlich Europäer. Mit 37.

Lola lächelt wieder. Ist alles in allem zufrieden mit der Führung. Genau wie die Touristen. Die sind jetzt, nach dem dritten Gewächshaus, erledigt. Haben keine Fragen mehr. Nur noch Durst und Hunger. Das kennt Lola schon. Führt die Gruppe an zwei runde Stehtische vor ihrem Büro. Dort serviert sie Gurken, Tomaten, Paprika in feinstem Olivenöl. Dazu frisches Brot und Wasser.

An der Bürotür hängt ein Zertifikat. Das attestiert Lola kontrolliert biologischen Anbau, einen guten Umgang mit Arbeitskräften. Natürlich, sagt Lola später, als die Touristen weg sind, ist mein Betrieb nur einer von vielen. Doch glaubt sie, dass sich das Bewusstsein in der Region allmählich ändert.

"Als das anfing mit den Immigranten, natürlich haben sich die Bauern da welche als Erntehelfer geholt. Egal, ob sie Papiere hatten oder nicht. Aber heute ist das unmöglich, weil auf den Farmen täglich Inspektoren kontrollieren, wer dort arbeitet. Viele Gemüsebauern haben mittlerweile auch dieses Qualitäts-Zertifikat. Das beinhaltet nicht nur Qualität im Anbau, sondern auch eine Art soziale Kontrolle, also Richtlinien, wie sie mit ihren Arbeitern umgehen sollten."

Täglich Inspektoren – das ist vielleicht etwas übertrieben, räumt Lola schnell noch ein. Aber immer öfter. Schlägt jemand bei ihr auf, weist sich aus. Will dann zuerst mit Mustafa, den anderen Marokkanern sprechen. Sie fragen, ob sie mit der Bezahlung, ihrer Behandlung zufrieden sind. Dann erst spricht er mit Lola. Prüft wie sie welche Pflanzen anbaut, was für Dünger, welche Chemikalien sie einsetzt. Lola findet das richtig, sagt sie.

"In Almeria gibt es 16.000 Gemüsebauern, ich kann nicht für alle sprechen. Aber ich glaube, die ein oder zwei Prozent, die unerlaubtes Gift spritzen oder Immigranten ausbeuten – dass die, wenn sie so weiter kontrollieren, im nächsten Jahr keine Bauern mehr sind. Und das wäre gut so. Diese Leute gehören ins Gefängnis. Sie sind die, die uns mit hinunter ziehen."

Spitou gähnt. Es ist sieben Uhr am Morgen nach dem Treffen im Gewerkschaftsbüro, als sein kleiner Peugeot Richtung Ortsausgang von Mojonera, unweit von El Ejido, die Landstraße entlang fährt.

Die Bars und Cafés sind noch zu, die Rollläden der Häuser noch geschlossen. Kaum jemand verfolgt das allmorgendliche Szenario.

"Hier, siehst du die beiden Radfahrer. Das sind welche. Die fahren zum Kreisverkehr."

... sagt Spitou und parkt sein Auto unbemerkt ein Stück abseits. Im Kreisverkehr stehen ein, zwei Dutzend Afrikaner. Die Kapuzen ihrer Jacken und Pullover tief ins Gesicht gezogen, stehen sie einfach nur da, an die Hauswand gelehnt und warten. Auf die patrones.

"Hier sind viele. Braucht der patrón vier, fünf von ihnen, holt er sie sich einfach. Für vier, fünf Tage oder einen Monat. Die Immigranten wechseln auch die Orte, stehen heute hier, morgen da.
Kommt ganz darauf an, an welchem Punkt sie mehr Glück haben. So ab halb acht müssten die patrones kommen, sie einladen. Denn sobald die Sonne aufgeht, können sie in den Gewächshäusern arbeiten."

Plötzlich kommt Bewegung in die Gruppe. Ein Jeep nähert sich im Schritttempo. Am Steuer: ein bulliger Mann mit Basecap. Er hält, öffnet das Beifahrerfenster einen Spalt, es folgt ein kurzer Wortwechsel.
Sekunden später ist der Jeep weg – mit drei oder vier Immigranten. Spitou stöhnt, schüttelt den Kopf. Kann nicht glauben, dass alles noch immer genauso abläuft. Wie vor ein paar Jahren.

"In den ersten Wochen, in denen ich hier war, habe ich auch in den Gewächshäusern gearbeitet. Hatte Glück, fand gleich einen Job für drei Monate. Doch so lange blieb ich nicht. Weil ich den Mund aufmachte. Wollte, dass man meine Arbeitszeiten aufschreibt, damit sie mich nachher nicht übers Ohr hauen, wie sie es mit fast allen tun. Das war Grund genug, mich nach ein paar Wochen gleich wieder zu feuern."

Spitou weiß sich zu helfen. Findet mit falschen Papieren immer wieder Arbeit, bis er schließlich lange genug da ist, um eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Ein halbes Jahr geht er auf die kanarischen Inseln, arbeitet erst im Straßenbau, dann in einer Küche. Im Februar 2002 stößt er schließlich zur SOC.

Der Jeep, ein Kleinbus, noch ein Jeep. De Gruppe der Immigranten wird von mal zu mal kleiner. Das System ist einfach, das Szenario leicht durchschaubar. Polizei aber sieht man nirgends.

"Polizisten? Nein! Würden die hier stehen und kontrollieren, könnten sie ja die Gemüsebauern verärgern. Nein, nein. Polizisten sieht man hier nie. Sie sind Teil des Systems."

Bei Anbruch des Tages sind die Immigranten aus der Stadt verschwunden. Und der Blick fällt ganz unfreiwillig auf das große Wahlplakat im Kreisverkehr. Es zeigt den Bürgermeister von El Ejido. Darunter steht: "El Ejido in guten Händen. Gestern, heute und morgen."

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