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Thema / Archiv | Beitrag vom 01.07.2013

"Die Geschichte des Kommunismus ist ein riesiges Rätsel"

Osteuropa-Experte Manfred Sapper über neue Versuche, das rote Imperium zu deuten

Chinesisches Propagandaplakat von 1953 zeigt Mao Tsetung (rechts) und Josef Stalin. (picture alliance / dpa)
Chinesisches Propagandaplakat von 1953 zeigt Mao Tsetung (rechts) und Josef Stalin. (picture alliance / dpa)

1989/91 endete das Zeitalter der großen Ideologien: Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion endete der Versuch, die Welt nach dem Marxismus-Leninismus neu zu gestalten. Seither versuchen Wissenschaftler unterschiedlicher Provenienz, das Phänomen Kommunismus zu verstehen.

Nur Kuba und Nordkorea sind kommunistisch geblieben – und China. Aber herrscht im Riesenreich der Mitte noch die kommunistische Ideologie oder haben wir da nicht einen kapitalistischen Kommunismus oder einen kommunistischen Kapitalismus?

Die Fachzeitschrift osteuropa hat einen Sammelband veröffentlicht, der einen provokanten Titel trägt: "Durchschaut. Der Kommunismus in seiner Epoche" (396 Seiten, 24 Euro). Manfred Sapper ist einer der Herausgeber von osteuropa - ihn hat Klaus Pokatzky zuerst gefragt, ob das kommunistische Zeitalter zu Ende gegangen sei.

"Von Europa aus betrachtet ist die Epoche des Kommunismus beendet", sagte Sapper, da alle Volksrepubliken sowjetischen Typs in Osteuropa nach '89 kollabiert seien. Doch am Beispiel China zeige sich, dass der Kommunismus zwar nicht mehr als Planwirtschaft und umfassend gesteuerte Ökonomie, aber als Herrschaftstyp sehr wohl noch existiere: "Der Machtanspruch des Regimes wird nicht aufgegeben. Es gibt keine pluralistische Demokratie, es gibt eine relativ starke Kontrolle der Öffentlichkeit (...), es gibt eine Kontrolle der Gesellschaft, die bis hin in die Sprachregelungen geht, und Dissidenten, Andersdenkende werden entsprechend verfolgt, sanktioniert und im Zweifelsfalle auch nach wie vor in die Lager gesteckt oder umgebracht."

Auf die Frage, warum der osteuropa-Band den Titel "Durchschaut" trage, antwortete Sapper: "Die Geschichte des Kommunismus ist ein riesiges Rätsel, weil überhaupt nicht mehr klar ist, was das Faszinierende am Kommunismus war. (...) Wir wissen nicht, wie diese Dynamik der kommunistischen Weltbewegung war. Wir wissen nicht, warum zum Beispiel die studentische Linke so blind gegenüber dem war, was in Vietnam, in China an Gewalt, Terror, Massenschlächtereien passiert ist."

Das Interview mit Manfred Sapper können Sie bis zum 2. Dezember 2013 in unserem Audio-on-Demand-Angebot als MP3-Audio hören.

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