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Das politische Buch / Archiv | Beitrag vom 23.12.2005

Die geistigen Vorläufer des Nationalsozialismus

Fritz Stern: Kulturpessimismus als politische Gefahr

Rezensiert von Matthias Kamann

Der amerikanische Historiker Fritz Stern (AP Archiv)
Der amerikanische Historiker Fritz Stern (AP Archiv)

In seinem 1953 erstmals erschienenen Buch "Kulturpessimismus als politische Gefahr" porträtiert der amerikanische Historiker Fritz Stern die geistigen Vorläufer des Nationalsozialismus: Paul de Lagarde, Julius Langbehn und Arthur Moeller van den Bruck. Deren Bücher waren gekennzeichnet von einem Hass auf alles Liberale und Demokratische und einer Sehnsucht nach einem starken Führer und einer neuen Nationalreligion.

Wie selbstverständlich den Deutschen ihre demokratische Ordnung geworden ist, zeigt sich auch daran, dass kaum noch jemand die Namen Paul de Lagarde, Julius Langbehn und Arthur Moeller van den Bruck kennt. Längst versunken wirkt deren Sehnsucht nach dem autoritären Reich eines charismatischen Führers, der Osteuropa unter das Beglückungsregime überlegener Germanen zwingt.

Die Manifeste solchen Fantasierens, die in Kaiserzeit und Weimarer Republik Bestseller waren und weite Teile des Bürgertums elektrisierten - Lagardes "Deutsche Schriften", Langbehns "Rembrandt als Erzieher" und Moellers "Das Dritte Reich" - diese Werke wirken heute eher befremdlich als gefährlich, kaum noch vorstellen kann man sich den Hass, den Fritz Stern in jenen Büchern fand.

"Vor allem hassten diese Männer den Liberalismus: Lagarde und Moeller sahen in ihm die Ursache und Verkörperung allen Übels ... Alles, was sie fürchteten, schien in ihm zu wurzeln: die Bourgeoisie, das Manchestertum, der Materialismus, der Parlamentarismus und das Parteiwesen, der Mangel an politischer Führung. Ja, sie machten den Liberalismus für all das verantwortlich, worunter sie im Innersten litten. Ihr Ressentiment entsprang ihrer Vereinsamung; ihr ganzes Sehnen war auf einen neuen Glauben gerichtet, auf eine neue Glaubensgemeinschaft, eine Welt mit festen Werten und ohne Zweifel, eine neue nationale Religion, die alle Deutschen einen sollte."

Als der Historiker Fritz Stern dies über Lagarde, Langbehn und Moeller schrieb, in seinem 1953 zuerst erschienenen Buch "Kulturpessimismus als politische Gefahr" - da freilich waren diese drei Denker in Deutschland überaus präsent. Zum einen lebten ja noch viele, die sich rund um den Ersten Weltkrieg begeistert hatten für deren Parolen von Deutschlands Erhebung aus dem Sumpf des Relativismus und des Unglaubens, die daher deren Verachtung des Kaiserreiches und der Weimarer Republik geteilt hatten und entsprechend empfänglich waren für die politische Religion der Nazis.

Zum andern gab es in den fünfziger Jahren viele, die zwar den Nationalsozialismus als Barbarei bereuten, aber weiterhin meinten, dass westlicher Liberalismus nicht zu deutscher Kultur passe.

Insofern hatte das Buch des jungen Fritz Stern, der 1926 in Breslau geboren worden und 1938 nach Amerika geflohen war, eine doppelte Stoßrichtung: Erstens wollte er die geistige Vorgeschichte des Nationalsozialismus seinen Zeitgenossen erläutern, indem er drei ihrer früheren intellektuellen Stars porträtierte. Zweitens richtete sich das Buch gegen die immer noch manifeste Verachtung der parlamentarischen Demokratie, des freien Marktes, der wissenschaftlichen Vernunft.

Verwirklicht indes hat Stern dieses Programm in bester deutscher Bildungstradition, in der Form intellektuell-biographischer Porträts, eben von Lagarde, Langbehn und Moeller, sowie in der Ausdeutung ihrer Schriften.

Fritz Stern: Kulturpessimismus als politische Gefahr (Cover) (Klett-Cotta Verlag)Fritz Stern: Kulturpessimismus als politische Gefahr (Cover) (Klett-Cotta Verlag)Wie inspiriert Stern politische Kritik und hermeneutische Einfühlung verband, zeigt sich an seinen Ausführungen über den 1827 geborenen und 1891 gestorbenen Paul de Lagarde, der für eine neue deutsche Religion aus Mystik und Rasse kämpfte. Stern bescheinigt Lagarde einen klaren Blick für den Niedergang des deutschen Protestantismus, aber zugleich zeigt Stern, dass just diese Krise auch Lagardes neue Nationalreligion infiziert hatte und dass zudem sein Evangelium des Führers mit Lagardes persönlichem Schicksal als missverstandenem Einzelgänger verbunden war.

"Er verachtete den politischen Menschen, den in der Wirtschaft stehenden Menschen, den Mann von der Straße und die sich ihm anpassende politische Kultur, und er erschien als Idealist, weil er der Modernität, dem praktisch Durchführbaren den Rücken wandte, weil er lieber Gesetzgeber einer unwahrscheinlichen Zukunft als Reformer einer schwierigen Gegenwart sein wollte. Die Endziele, auf die Lagarde mit seiner Kulturkritik hinsteuerte, wirkten idealistisch, aber die Reformen, die zur Erreichung dieser Ziele notwendig waren, schlossen oft die Anwendung physischer Gewalt, ja Brutalität ein. Auch dies lässt an bestimmte Eigenheiten seiner Lebensgeschichte denken: Seit seiner Kindheit war Lagarde gewohnt, konkret zu hassen, seine Liebe jedoch einem idealen Objekt zu schenken, das tot und unwiederbringlich verloren war."

Es sind allesamt Unglückliche, die Fritz Stern hier interpretiert: Lagarde hatte früh seine Mutter und eine geliebte kleine Schwester verloren, überwarf sich später mit jedem Freund oder Kollegen. Kulturpessimismus als Verachtung der bestehenden Gesellschaft hatte hier genauso ihren individuellen Grund wie bei Julius Langbehn, geboren 1851, gestorben 1907, dem früh beide Eltern starben und der sich alsbald als Hagestolz wahrer Kunsterfahrung gab.

Langbehn legte nur ein nennenswertes Buch vor, "Rembrandt als Erzieher", doch das wurde zur Bibel des reaktionären Bürgertums. Rembrandt in Langbehns Interpretation, das war tiefes Deutschtum ohne Moderne, das war tragische Zerrissenheit, die auf irrationale Weise in höherer Mystik aufgelöst wurde, das war nationale Wiedergeburt aus neuer Jugend.

Diesen Kult um die Jugend und die Übertragung ästhetischer Erregungen ins Politische fand Stern auch bei Arthur Moeller van den Bruck (1876-1925), der in den zwanziger Jahren zum Vordenker der "konservativen Revolutionäre" wurde. Diese zwar mochten Hitler nicht, teilten aber dessen Verachtung der Republik genauso wie seinen Wahn von Führertum und Lebensraum im Osten, von der Überwindung der modernen Kultur durch Volksgemeinschaft, harte Form und germanische Religiosität.

"Lange vor Hitler, lange vor Versailles hatten sich national gesinnte Menschen zutiefst enttäuscht gefühlt, hatte ein quälendes kulturelles Unbehagen bestanden, und dies hatte zu nationalistischen Phantasien und Utopien geführt, denen die Elite der Deutschen bereitwillig zustimmte. Selbst ohne Hitler und ohne politische Katastrophen hätte man bei einer Analyse von Politik und Kultur des modernen Deutschlands mit dem Vorhandensein einer solchen Kraft rechnen müssen. Die Gebildeten hatten sich von völkischer Ideologie schon beeindrucken lassen, als diese erst ein Traum war; ist es da erstaunlich, dass sie erst recht daran glaubten, als sie lebendige politische Wirklichkeit wurde?"

Indem Fritz Stern die jahrzehntelange Vorprägung der dem Nationalsozialismus erlegenen Bürger herausstellt, lässt er implizit deutlich werden, dass solches heute kaum zu befürchten ist. Uns fehlt zum Glück jene lange Schule der Demokratieverachtung, des Kultes um das herrische Genie und der Geringschätzung des Verstandes, die von den Bürgern des Kaiserreiches und der Weimarer Republik durchlaufen worden war.

Daher sollte man vorsichtig sein mit Aktualisierungen des Buches. Allenfalls eine aktuelle Warnung lässt sich daraus ableiten, eine Warnung vor Verfallsfantasien. Wenn heute geraunt wird, die liberalistische Gebärunlust der Deutschen würde das Land in den Niedergang zerren, wenn den Wählern ihr Widerstand gegen Fundamentalreformen als Dekadenz vorgehalten wird oder wenn Neugläubige auf den Werterelativismus schimpfen - dann regt sich eine nörgelnde Gesellschaftsverachtung, ein unfrohes Beleidigtsein, das zwar nicht zu Diktaturen, wohl aber neuerlich dazu führen kann, dass der liberalen Ordnung kluge Köpfe abhanden kommen. Insofern bleibt Sterns Buch eine eindrucksvolle Warnung.


Fritz Stern: Kulturpessimismus als politische Gefahr - Eine Analyse nationaler Ideologie in Deutschland
Aus dem Amerikanischen von Alfred P. Zeller
Mit einem Vorwort von Norbert Frei
Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2005

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