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Fazit / Archiv | Beitrag vom 04.02.2011

Die Geige aus dem Jenseits

Vertonte Erzählungen der Bayerischen Staatsoper

Von Jörn Florian Fuchs

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Reinste Himmelsmusik ertönt in "Rothschilds Geige" der Bayerischen Staatsoper und des Orchesters Jakobsplatz in München. (AP)
Reinste Himmelsmusik ertönt in "Rothschilds Geige" der Bayerischen Staatsoper und des Orchesters Jakobsplatz in München. (AP)

In München begegnen sich Tschechow, ein Aids-Kranker und Paul Celan in einem Opernprojekt. Die vertonten Erzählungen "Rothschilds Geige" und "Die Entscheidung" sowie Auszüge aus Celan-Briefen bilden einen fast perfekten Abend im Münchner Marstall.

Kann Musik Leben retten? Die von Benjamin Fleischmann ganz gewiss! In München bewahrt sie einen grantigen Sargtischler vor dem Exitus. Der Alte hat Frau und Kind verloren, jetzt sitzt er herum und sinniert über den (Un)Sinn von Liebe, Leben, Tod. Eine Figur wie von Tschechow. Und sie ist von Tschechow, genau wie Meistergeiger Rothschild, der luchst dem Sterbenswilligen nämlich knapp vor Ultimo sein Instrument ab: Plötzlich ertönt reinste Himmelsmusik.

Und nun verwandelt sich auch die vorher triste Bühne mit den alten Möbeln, den Ikonen und wuchtigen Vorhängen. Videoprojektionen erweitern den Raum, virtuelle Fenster öffnen sich, ein spielendes Mädchen flackert vorüber, auch eine reale Tür wird aufgestoßen und lässt gleißendes Licht herein.

An dieser knappen Opernstunde ("Rothschilds Geige") stimmt einfach alles: Miron Hakenbeck inszeniert einfühlsam, präzise, unter die Haut gehend. Daniel Großmann und sein Münchner Jakobsplatz Orchester lassen die wunderbare Partitur sprühen und funkeln, den schreinernden Geigenfan gibt dazu noch ein Weltklasse-Sänger: Sergei Leiferkus. Wer der Musik genau lauscht, der hört in all den spätromantisch opulenten Klängen auch ein paar rauere Walzer-Takte à la Schostakowitsch. Tatsächlich war Schostakowitsch Fleischmanns Lehrer und vollendete die Partitur, sein begabter Schüler fiel im Zweiten Weltkrieg – ohne rettende Geige.

Nach dem violinistischen Jenseitstrip wird es in München bodenständiger, mit der Erzählung "Die Entscheidung" von Hanna Krall. Ein Aids-Kranker will seine eigene Beerdigung miterleben und veranstaltet darob eine Riesenfete mit Fans, Freunden, Familie. Zum Dessert gibt's eine veritable Dosis Gift, der Gastgeber erbleicht, die anderen bleiben irgendwie ratlos zurück. Vorm tödlichen Finale rauschen noch mal Erinnerungen, Träume und diverse durchtrainierte Jungs vorüber, bis eine Stimme aus dem Off dem Ganzen den Garaus macht: Seinen eigenen Tod inszenieren? Das ist doch reinster Kitsch!

Bis dahin ist der Abend wirklich gut, nur auf die jetzt folgende Paul-Celan-Minioper von Sarah Nemtsov hätte man verzichten können bzw. sollen. Der Dichter dunkler Wort- und Lebenswelten briefwechselt mit seiner Gattin, es geht ums Übliche. Die junge Komponistin bettet das Altbekannte in eine biedere, bisweilen aufgeregte Klangkulisse ein. Textpathos trifft auf schwabbelige Musik der mittelmäßigen Moderne. Schade um diesen banalen Schluss!

Rothschilds Geige/Die Entscheidung/Herzland ist eine Koproduktion der Bayerischen Staatsoper mit dem Orchester Jakobsplatz München.

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