Die ganze Skala elegischer Gefühle

Moderation: Uwe Friedrich |
Frédéric Chopin hat das Nocturne zwar nicht erfunden, aber durch lebenslange Beschäftigung zu "seiner" Ausdrucksform gemacht. Deshalb gelten seine Nocturnes vielen Klassikliebhabern bis heute nicht nur als Inbegriff der Gattung, sondern auch als Inbegriff einer melancholischen Romantik, die ihren direkten Ausdruck in diesen Minutenstücken gefunden hat.
Während Chopin nach zwei Versuchen in seiner Jugend keine Klavierkonzerte mehr schrieb und erst spät zur Solosonate fand, komponierte er immer wieder Nocturnes. Hier war nicht der Virtuosenglanz des "style brillante" gefragt, sondern ein subtilerer Einfallsreichtum. Inspiration fand er bei John Field, dem "Erfinder" der Gattung, ebenso wie im Gesangsstil der italienischen Belcanto-Oper, namentlich bei Gioacchino Rossini, den er sehr verehrte. Immer weiter verschob Chopin die Grenzen der klassisch erlaubten Harmonien, fügte Dissonanzen ein und ganze Takte, die sich mit der akademischen Harmonielehre nicht mehr zweifelsfrei bestimmen lassen. In Chopins Lebenszeit fallen auch große Neuerungen im Klavierbau, die er umgehend für seine Kompositionen nutzte. So wurde er beinahe zwangsläufig zum Begründer des modernen Klavierspiels, bei dem nicht mehr nur mit den Fingern, sondern durch die Pedale auch mit den Füßen Musik gemacht wird.

Die polnische Pianistin Ewa Kupiec hat bereits vor etwa zehn Jahren sämtliche Nocturnes von Frédéric Chopin aufgenommen und sich für ihre neue CD "Zal", die in diesen Tagen erscheint, erneut mit den beiden Nocturnes op. 62 beschäftigt.