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Profil / Archiv | Beitrag vom 03.02.2006

Die Frau, die Bücher frisst

Die Buchbesprecherin Doris Maurer

Von Ulli Schauen

Wer soll das nur alles lesen? Doris Maurer hilft bei der Auswahl. (AP)
Wer soll das nur alles lesen? Doris Maurer hilft bei der Auswahl. (AP)

Doris Maurer hat das Lesen und das Sprechen über Bücher zum Beruf gemacht. Seit 16 Jahren ist die Bonner Germanistin ständig auf Achse und stellt einer wachsenden Fangemeinde auf Vorträgen Bücher vor. Eine geschätzte Führerin durch den Berg von rund 85.000 Büchern, die jährlich neu in Deutschland erscheinen. Bezahlt werden die Vorträge von den Buchhandlungen, Volkshochschulen oder Leihbüchereien, die Doris Maurer einladen.

Doris Maurer: "Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie, freue mich, dass Sie gekommen sind, ich habe wie immer Bücher ausgesucht unterschiedlichster Art..."

In der kleinen Rathausbuchhandlung in Wesseling bei Köln. 100 Gäste auf Klappstühlen, hinter der Verkaufstheke Doris Maurer, zum 15. Mal ist sie an diesem Ort, und sie präsentiert ihre persönlichen Favoriten des Bücherherbstes 2006. 40 Bücher in zwei Stunden.

"... ein, zwei Schmöker, literarisch sehr aufwändige, literarisch komplizierte Bücher, ein paar abstruse Geschichten, die braucht der Mensch zwischendrin auch, ein paar Biographien, ein paar Krimis, dann natürlich auch Erzählbände...."

Auf ihren Knien halten ihre Zuhörer zwei A4-Seiten mit der Liste der Buchtitel. Verrisse sind nicht dabei, nur Empfehlungen, gekennzeichnet mit ein bis drei Sternchen. Ein Sternchen für "gut", drei für "unbedingt lesen." Die Zuhörer kennen das schon.

Zuhörerin: "Ich hab die alten Listen nicht mal abgearbeitet, und hiervon möchte ich am liebsten auch jedes Einzelne lesen."

2. Zuhörerin: "Also, wenn wir Zeit haben, sind wir immer dabei, im Frühjahr und im Herbst."

1. Zuhörerin: "Ich arbeite noch den Zettel von 2002/2003 ab, ich kauf mir das dann als Taschenbuch."

Die meisten im Publikum sind Frauen. Einzelbesucherinnen und ganze Literaturkreise kommen zu den Buchvorstellungen. Viele Stammkundinnen. Frauen lesen einfach mehr als Männer, erheblich mehr.

Doris Maurer: "Ich war also ganz wild darauf, in die Schule zu kommen, weil ich unbedingt lesen wollte. Dann gab es also eine kleine Kirchenbücherei, dann bin ich nach dem Gottesdienst dahin gekommen, da war ich furchtbar traurig, da durfte man immer nur ein Buch mitnehmen. Das hatte ich natürlich sonntags nachmittags aus. Da habe ich mich hinter meine Mutter gesteckt, die mit der Leiterin der Bücherei im Kirchenchor sang, da durfte ich drei Bücher mitnehmen, zum Schluss hatte ich mich dann auf zehn gesteigert, das heißt nach einem Jahr hatte ich diese Bücherei durch."

Lesen als Beruf. Doris Maurer liest doppelt so viele Bücher wie sie in ihren Veranstaltungen vorstellt, etwa 160 Bücher im Jahr. Und diese mehrmals.

"Das ist auch ein Goethe'sches Prinzip. Das erste Mal als naiver Leser, also ich les das Buch, weil ich es lesen möchte. Und dann lese ich es ein zweites Mal, mit Stift im Kopf, was ich dann darüber erzähle, also wie ich es präsentiere. Manche Bücher, die kompliziert sind, die lese ich auch dreimal."

Doris Maurer spricht zwei Stunden aus dem Gedächtnis über die Bücher. Kein Wort an Notizen hat sie vor sich, keine Karteikärtchen.

"Ich zwinge mich, dass ich mir das ins Gehirn einbrenne. Und das geht, es geht viel besser als mit den Kärtchen. Ich muss nur den Schutzumschlag sehen, und dann weiß ich Bescheid. Ich muss dann natürlich, wenn das alles vorbei ist, einige Bücher durch das Hirn durchfallen lassen, an die ich mich dann nicht mehr erinnere. Aber die, die ich besonders liebe und mit besonderer Leidenschaft vorstelle, die behalte ich natürlich noch jahrelang. Ich nehm an, es ist Leidenschaft, und die setzt dann Adrenalin frei.

Es ist anstrengend, aber während ich das mache, merke ich das nicht. Ich merk's erst hinterher. Also ich war gestern in Hannover, und wenn ich im Zug sitze, dann merke ich, es ist die Luft raus. Dann muss ich erst einmal eine halbe Stunde gucken, dass ich zur Ruhe komme, und dann kann ich auch wieder lesen."

Es sind nicht die Bestseller, die Doris Maurer vorstellt, sondern einfach nur solche Bücher, die sie selbst beeindruckt haben. Zur einen Hälfte lässt sich die promovierte Germanistin von gutem Schreibhandwerk überzeugen:

"Man muss ehrlicherweise sagen, 50 Prozent ist persönlicher Geschmack. Und jeder Kritiker, wenn er ehrlich ist, müsste das eigentlich auch zugeben." ''

Doris Maurers Lieblingsautorin ist Paula Fox. Dieses Jahr heißt die Hauptperson in ihrem Buch "Luisa".

Doris Maurer: "Sie soll studieren nach dem Willen des Vaters und mit 15 Jahren sagt sie, ich bin es leid, ich geh nicht mehr zur Schule, ich werde das, was ich immer werden wollte, ich werde Dienstmädchen. Zum Entsetzen der Familie.... - Eine Wunderschöne Geschichte über diese Frau, und ich wette mit Ihnen - also dafür brauchen Sie ein Wochenende, je nachdem, was Sie für ein Lesetempo haben - Sie mögen die, und die Luisa werden Sie nicht vergessen. Sehr bedächtig, sehr unaufgeregt erzählt, eine Geschichte, in der nicht viel passiert...

Das entscheidende bei einer Buchvorstellung oder Rezension ist, dass man nicht nur über das 'Was' redet, also über das Thema, - also mich kann ein Thema wahnsinnig interessieren, aber das Buch kann schlecht geschrieben sein - sondern als Hilfe für die Leser auch über das 'Wie' erzählt, also ist das Buch kompliziert geschrieben oder kann ich es so runter lesen, ist es chronologisch geschrieben, oder hat es Zeitensprünge, hat es Perspektivwechsel, haben wir einen Ich-Erzähler, haben wir drei Erzähler, das sind einfach Dinge, die ich ganz ungeheuer wichtig finde."

Doris Maurers letzte Empfehlung: Ein Lyrikkalender.

"...Und dann machen Sie dasselbe, was ich immer mache, hängen Sie ihn in das Badezimmer neben den Spiegel, und jeden Morgen haben Sie als allererstes ein Gedicht, nicht nur ihr eigenes Gesicht, sondern auch ein Gedicht. (lachen)... Danke, dass Sie da waren, bis zum nächsten Jahr."

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