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Fazit / Archiv | Beitrag vom 13.06.2009

Die Frau als erfolgreiche Politikerin

"Virgin Queen" mit Sandra Hüller an der Berliner Volksbühne

Von Hartmut Krug

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Königin Elisabeth I. von England auf einem Porträt von John Bettes (AP Archiv)
Königin Elisabeth I. von England auf einem Porträt von John Bettes (AP Archiv)

In dem Stück "Virgin Queen - Sandra Hüller spielt und singt Königin Elizabeth I., gestört von 75 Puppen und den Bessie-Singers" schlüpft die Schauspielerin in die Haut der englischen Königin. Furios spielt sie sich durch die historischen und medialen Bilder der Figur. 2006 wurde sie auf der Berlinale als beste Hauptdarstellerin mit dem Silbernen Bären geehrt.

Was der Titel verspricht, hält dieser Abend nicht: Es gibt keine 75, sondern eher ein Dutzend Puppen, und die Bessie-Singers tauchen gar nicht auf. So geht es eben manchmal, wenn eine Regisseurin mit ihrer Hauptdarstellerin ein Stück entwickelt: nicht alles, was man sich vorgenommen und angekündigt hat, findet dann auch statt. Dennoch ist es ein einfallsreicher und unterhaltsamer Abend geworden.

Er beginnt damit, dass sich drei Männer in einer Art Tournee-Theater-Garderobe ihre Wartezeit mit slapstickhaftem Darts-Spiel vertreiben, während aus dem Hintergrund eine Tonbandstimme vom Leben Elizabeth I. erzählt. Wenn Sandra Hüller in Unterwäsche als alte Königin Elizabeth mit dem Tonband im Arm hereinschlurft, bekommen die drei Roadies mächtig Arbeit. Denn die Schauspielerin spielt sich als Elizabeth ganz allein durch deren Leben und die Bilder, die sich die Menschen von ihr machen.

Die Menschen, die ihr im Leben begegnet sind, sind lebensgroße Puppen und werden von den drei Puppenspielern geführt. Zwar sind es nicht 75 wie im Titel dieses skurril-intelligenten Abends behauptet, den die Regisseurin Claudia Bauer ersonnen und inszeniert hat, und auch die Bessie-Singers tauchen nicht auf, doch ihre theatrale Wirkung ist so direkt wie bedeutungsvoll.

Der anderthalbstündige Abend gibt Sandra Hüller in einem furiosen Solo Gelegenheit, ihre enorme Wandlungsfähigkeit und ungeheure Bühnenpräsenz zu demonstrieren. Sandra Hüller begann am Theaterhaus Jena, als dort Claudia Bauer künstlerische Leiterin war und spielte später vor allem in Basel und Stuttgart. Nach ihrer preisgekrönten Opferrolle im Film "Requiem" hat sie sich auf der Bühne der Darstellung starker Frauen verschrieben, sie gab in München Tom Lanoyes "Mamma Medea" und in Freiburg Courtney Love.

Die Schauspielerin, selbst mediale Projektionsfläche, soll deren Entstehung und Funktion erspielen. Doch die Inszenierung erzählt, indem sie die zwei Körper einer erfolgreichen Politikerin aus- und gegeneinander stellt, den politischen und den sogenannten natürlichen, fraulichen, nichts wirklich Neues. Wie allerdings Sandra Hüller sich durch die historischen und medialen Klischeebilder spielt, die es über Elizabeth I. gibt, über eine Frau als erfolgreiche Politikerin, das besitzt viel spielerischen Witz.

Im Bühnenschrank hängen mit den Kleidern die Rollen, die der Film Elizabeth zugewiesen hat. "Mich haben so viele gespielt, ich weiß gar nicht mehr, wer ich bin", sagt Sandra Hüllers Elisabeth und bedient sich der alten Kleider und Rollenzuschreibungen. Sie stülpt sich eine rote Perücke auf, schlüpft in das prächtige Kleid der jungen Cate Blanchett und versagt sich, die jeweilige Landesfahne wedelnd, den Anträgen der Könige, die nicht ihr, sondern ihrer Funktion und Macht gelten. Dann liest sie in einem Romanheftchen von echter Liebe und heftigem Sex, während der angehimmelte, ihre Machtposition anstrebende Puppenmann es sexuell mit der Krone treibt. Doch ihren Thron will sie nicht abgeben, und so entsteht das Bild von der "Virgin Queen".

Als Kämpferin um ihren Thron erscheint sie in der auch von Schiller so angelegten Rolle als frigide, nicht "richtige" Frau gegenüber Maria Stuart, ihr Bild einer "Virgin Queen" verfestigt sich. Politisch aber ist sie erfolgreich. Sie behauptet sich gegen einen Puppen-Philipp, der sie in Anrufen als "protestantische Fotze" beschimpft und ihr die spanische Armada als Papierschiffchen-Flotte vor die Füße schüttet. Im Kampfanzug segelt sie wie eine Siegesgöttin im Sturm daher, und Sandra Hüller tobt dabei mit faszinierender körpersprachlicher Energie durch die Szene.

Wenn diese Königin sich schwach fühlt, ruft sie nach ihrem Volk, das ihr als ein Plastikpaket wedelnder Hände gereicht wird, und ruft, "zeig mir den Tod", - worauf man ihn ihr als Fingerpuppe vorführt. Beides gibt ihr Kraft, auch für ihre live begleiteten Emotional-Lieder. In Rolle und Kostüm von Bette Davis (aus dem Film mit Errol Flynn) gerät sie dann vor der Walter-Raleigh-Puppe fast außer sich. Sich zappelnd aufs Bett werfend, will sie, wieder vergeblich, nicht als Königin, sondern als Frau geliebt werden und piekst der schwangeren Rivalin, der Kammerfrau Bessie, deren Ballonbauch auf. Anschließend versinnlicht die Schauspielerin die absurdesten Erklärungen, dass diese Königin keine richtige Frau gewesen sein kann: weil ein Mann die Rolle der ermordeten Königin übernommen habe, vögelt sie zum Beispiel, mit Brusttoupet und mächtigem Stoffpenis ausgestattet, so heftig wie komisch einen der Puppenspieler.

Zwar endet diese Elisabeth wieder im denunzierenden Klischee, als alte Frau, die einen jungen Mann protegiert und sich lobhudelnde Briefe vorlesen lässt. Doch sie befreit sich mit Madonnas "Like a virgin" in ein jungmädchenhaft weißes Kleidchen und steigt, bevor der Anhauch des Puppen-Todes alle erreicht, in die Hosen der mächtigen Vaterpuppe. Diese Koproduktion zwischen der Berliner Volksbühne, dem Puppentheater Halle und dem Staatstheater Stuttgart ergab zwar keinen großen Abend, aber doch eine zu Recht umjubelte, überzeugende Sandra-Hüller-Personality-Show.

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