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Essigs Essenzen (Archiv) / Archiv | Beitrag vom 21.11.2008

Die Flinte ins Korn werfen …

Von Rolf-Bernhard Essig

Diesmal geht es um die Redensarten: Die Flinte ins Korn werfen, Honig um den Bart schmieren, Dann ist Holland in Not, Etwas auf dem Kerbholz haben, Etwas ist nagelneu u.a.

Die Flinte ins Korn werfen

Die schöne Redensart über das Aufgeben einer Sache ist schon sehr alt und kommt von den Soldaten her, die aus dem Gefecht flohen. Damit sie schneller flüchten und weniger leicht als Soldaten erkannt werden konnten, schließlich waren im 16. Jahrhundert Uniformen eher selten, warfen die Deserteure ihre Schießprügel ins nächste Feld. Ein Kornfeld bot sich besonders an, weil die Flinte zwischen den Halmen vollkommen verschwand.

Honig um den Bart / ums Maul schmieren

Eine derbe Schmeichelei beschreibt die Redensart. Die hat mit der Gleichsetzung von Honigsüße mit süßen Worten zu tun, die man einem anderen wie Honig serviert.
Dabei konnte Honigsüße ursprünglich auch eine positive Redenergabe beschreiben. So nannte man den Heiligen Bernhard von Clairvaux "pater mellifluus", also der "Vater Honigfließend", weil er so wunderbar süße Worte predigte, wie Honigseim.
Bei den Schmeichlern ist das nun anders. Ihre süßen Worte betrügen, weshalb man sie schon im Hohen Mittelalter als Taktik beschrieben hat. Erst schmiere der Schmeichler Honig ums Maul. Wenn der Gelobte danach schlecke, träufe man Galle in den geöffneten Mund: ein perfides Verfahren!
Diese Redensart verknüpfte sich dann oft mit einer antiken Schmeichelgeste, die ebenfalls redensartlich war, "jemandem um den Bart gehen". Das bezeichnete das Kraulen eines anderen in der Bartgegend, der mit dieser zärtlich bittenden Geste im eigenen Sinne beeinflusst werden soll. Das kam in Mythen und Geschichten öfters vor, wobei die Kraulenden immer weiblich waren.

Dann ist Holland in Not!

Der Ausdruck erinnert sehr an "Jetzt ist Polen offen!". Beide Redensarten bezeichnen schlimme Folgen einer Tat. Im ersten Fall steht sie noch bevor und sollte besser nicht geschehen, im zweiten ist sie schon geschehen, wird aber empört kommentiert.
An Erklärungsversuchen für die Hollandredensart, die auf Niederländisch "Holland is in last" lautet, mangelt es nicht. Natürlich denkt man an die Gefährdung des Landes durchs Meer. Mehrfach standen nach katastrophalen Sturmfluten weite Teile des Landes unter Wasser. Meistens schützte aber ihre ausgefuchste Deich- und Pumpkunst die Bewohner. Sie nutzten allerdings auch die Macht der Fluten, um Feinde zu schädigen, so als Ludwig XIV. das Land mit Krieg überzog, die Holländer aber die Deiche öffneten oder zerstörten, womit die feindlichen Soldaten ertränkt werden sollten, am Marsch gehindert und an der Versorgung aus einem Land, das plötzlich zum Meer geworden war.
Das Problem all dieser Erklärungen ist, dass es im Niederländischen bereits im 16. Jahrhundert einen Beleg für die redensartliche Verwendung gibt: "Bijt him een vloo, soo is Holland in last". Hier macht man sich über jemanden lustig, der bei der kleinstmöglichen Unannehmlichkeit eines Flohbisses gleich so schreit, als sei Holland in Not. Es wird also um die allgemeine und häufige Bedrohung des Landes durch die Flut und – nicht zu vergessen – fremde Heere gehen, die immer wieder die Bevölkerung quälten.

Etwas auf dem Kerbholz haben

Wie führte man vor den Büchern Buch? Mit Hilfe des Kerbholzes. Das war meist ein Holzstab, der in der Mitte gespalten wurde. Zwei Leute, die miteinander etwas abzurechnen hatten, bekamen je einen Teil. Wenn einer dem anderen Geld lieh oder Waren lieferte, so konnte man das mit Kerben im Kerbholz fixieren. Dazu legte man die beiden Hälfen genau zusammen und versah sie mit einer für beide eindeutigen Kerbe. Dann nahm wieder jeder seine Hälfte. Auf diese Weise konnte keiner etwas manipulieren, denn beim nächsten Zusammenlegen wäre ja aufgefallen, dass sich eine Markierung nur auf einer Hälfte befand. Früher konnte man auch noch hören "aufs Kerbholz reden", womit leere Versprechungen gemeint waren. Später vereinheitlichte sich der Sinn erst in Richtung "Schulden haben", heute fast ausschließlich "ein Vergehen begangen haben", "eine Eintragung im Sündenregister haben".
Es gab noch wesentlich mehr Varianten von Kerbhölzern, die innerhalb der Volkskunde einen eigenen kleinen Forschungsbereich bilden.

Etwas ist nagelneu

Nägel waren früher recht kostbares und teuer, natürlich nicht unbedingt die kleinen und unscheinbaren, doch für viele Zwecke brauchte man sie und zahlte gut dafür. Nagelschmiede gab es überall, deren Kunst gefragt war.
Wer erst ein Lehrling war oder hohe Stückzahlen billiger Standardnägel herstellte, der verlegte sich auf Drahttifte oder andere Nägel, die keinen Kopf hatten. Ein guter Nagelschmied stellte dagegen gute "Nägel mit Köpfen" her; daher auch die Redensart. Schließlich sind eigentlich nur die mit Köpfen richtige, vollgültige, schöne Nägel. "Nagelneu" nannte man nun etwas, das gerade erst zusammengenagelt war. Es gibt freilich noch die Behauptung, es komme von "funkelnagelneu" und bezeichne Nägel, die gerade vom Schmied fertiggestellt worden seien und noch funkelten. Wahrscheinlicher ist das erste.

Das geht aus wie das Hornberger Schießen
Die Bedeutung ist klar, aus großem Getöse und vielen Umständen kommt nichts heraus. Es gibt volkstümliche Schwänke, die in verschiedener Weise von einem Schildbürgerstreich erzählen.
Der eine handelt von dem damals schwäbischen Ort Hornberg, den der Herzog besuchen wollte. Um diesen zu ehren, besorgte man Pulver und reaktivierte ein altes Geschütz. Als ein prächtiger Zug daherzog, schoss man Salut, doch stellte sich heraus, dass es nur die Vorhut war, so dass, als der Herzog einzog, das Pulver verschossen war.
Die zweite Variante erzählt davon, Hornberg habe zu einem großen Schützenfest und Schießen landauf, landab eingeladen. Üblicherweise stellte der Einladende für alle das Pulver. Doch als es losgehen sollte, stellte man fest, dass man an alles, nur nicht ans Pulver gedacht hatte.
Beide Geschichten wirken aber, zumal sie nicht besonders alt sind, als wären sie nachträglich erfunden worden, um die beliebte Wendung zu erklären. Eine historisch belegte Begebenheit ist nicht nachzuweisen. Vielleicht ist es hier aber auch umgekehrt, dass man eine nette Geschichte erfindet, die dann erst die Redensart begründet.

Spiel doch nicht die beleidigte Leberwurst

Warum nicht der Schinken? Die Blutwurst? Die Salami? Warum die Leberwurst? Nun, die Leber galt der antiken Säftetheorie und Heilkunst als Sitz der Seele, auch der Stimmungen. "Ist dir etwas über die Leber gelaufen", kommt auch daher. Wurst als Gemengsel von wenig klar erkennbaren Inhaltsstoffen bürgerte sich in allerlei Verbindungen als negatives Wort ein. So konnte ein Mensch mit mieser Laune zur Leberwurst werden, zumal es ja außerdem "Hanswurst" gab: So heißt die lustige Harlekin- oder Kasperfigur in alten komischen Theaterstücken. Die gleichlautenden "L" taten ein übriges, das "beleidigte" hinzuzufügen. Und das "spielen" hat einerseits mit dem erwähnten Hanswurst zu tun und damit, dass man hofft, jemanden mit so einer lustigen Bemerkung aus der Miesepeterei zu befreien.

An jemandem einen Narren gefressen haben

Die Vorstellung, dass es Dämonen gebe, war früher fest verankert in der Bevölkerung. Man machte sie für alles mögliche verantwortlich, besonders aber für die Verrücktheiten der Menschen. Nun wusste man, wie Pferde oder Kühe vom Fressen bestimmter giftiger Pflanzen zu verrückten Handlungen getrieben wurden. Da lag es nahe, jemanden, der sich närrisch verhielt, zu unterstellen, er habe wohl einen Narren gefressen. Das konnte ein Buch-Narr sein, wenn jemand Bücher unmäßig liebte, ein Fress-Narr, wenn jemand über dem Essen alles andere vergaß, und ein Liebes-Narr, wenn jemand verrückt nach jemandem war. Die Liebe verglich man ja schon immer mit dem Wahnsinn.
So sagte man im Mittelalter "ich hab einen Narren gefressen", um seine wahnsinnige Liebe auszudrücken. Weil die sich aber auf einen bestimmten Menschen bezog, änderte sich schon im späten Mittelalter die Redewendung zu unserer Form: "Ich hab an dir einen Narren gefressen."

In die Hose gehen

Wieder einmal geht es um den Schließmuskel und dessen Anfälligkeit für Angstsituationen. Hat man Schiss, also richtig Angst, kommt es leicht zu Durchfall und einer ebenso peinlichen wie unangenehmen Fehllenkung des Stuhlgangs. Weil hier etwas in die Hose gegangen ist, nicht ins Klo oder aufs Feld, wie eigentlich erwünscht, weitete sich die Bedeutung des Ausdrucks auf Fehlschläge überhaupt aus; selbst wenn sie weniger peinlich waren.

Damit ist es Essig

Gar zu schnell kippt ein Wein, der grad noch so gut gemundet hat, um. Häufiger noch geschieht das bei der Weinherstellung. Die falschen Bakterien lassen das Getränk zu Essig werden. Und von diesem unerwünschten Weinwandel, der wegen der weniger hygienischen Produktionsmethoden alter Zeit häufig vorkam, stammt die Redensart.

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