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Thema / Archiv | Beitrag vom 12.08.2013

Die FDP-Jugend und die Pädophilie

Warum Sex mit Kindern vor 30 Jahren anders diskutiert wurde

Stephan Klecha im Gespräch mit Stephan Karkowsky

Missbrauch: In den 1980er-Jahren gerieten im links-alternativen Milieu die Grenzen zwischen freier Sexualität und Pädophilie durcheinander. (picture alliance / dpa / David Ebener)
Missbrauch: In den 1980er-Jahren gerieten im links-alternativen Milieu die Grenzen zwischen freier Sexualität und Pädophilie durcheinander. (picture alliance / dpa / David Ebener)

Die Rechtfertigung von Pädophilie in links-alternativen Kreisen der 1980er-Jahre stellt der Sozialwissenschaftler Stephan Klecha in Zusammenhang mit dem Wunsch nach einer freieren Gesellschaft. Damals sei selbst Homosexualität noch ein Straftatbestand gewesen, was erst 1994 korrigiert wurde.

Stephan Karkowsky: Man schüttelt den Kopf und begreift es nicht. Mit Pädophilie, also Sex mit Kindern unter 14 Jahren, liebäugelte offenbar nicht nur das linksalternative Milieu der frisch gegründeten Grünen. Im Jahr 1980 votierte auch die Jugendorganisation der FDP für eine Änderung des Strafrechts zugunsten Pädophiler.

Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" berichtet, selbst der damalige FDP-Generalsekretär Günter Verheugen hielt persönlich eine Revision des Pädophilie-Strafrechts für möglich. Erklären lassen wollen wir uns das von Doktor Stephan Klecha. Er hat das rausgefunden in einer Studie, die er gemeinsam mit Franz Walter erstellt am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Herr Klecha, guten Tag!

Stephan Klecha: Guten Tag!

Karkowsky: Würden Sie denn auch die Jungen Demokraten zum alternativen Milieu zählen, obwohl die bis 1982 die Jugendorganisation der FDP stellten?

Klecha: In der damaligen Zeit sicherlich schon. Die Jungdemokraten hatten sich Ende der 70er-Jahre Schritt für Schritt von der FDP abgelöst, aber sie waren 1980 immer noch die offiziell anerkannte Jugendorganisation der FDP. Aber im Zuge dann der Bonner Wende von 1982 verlassen ja auch die Jungdemokraten die FDP, und die FDP hat dann mit den Jungen Liberalen eine neue Jugendorganisation. Insofern ist es nicht ganz falsch, damals ins linke Lager reinzurechnen die Jungdemokraten, aber sie waren eben auch nicht wirklich dieses links-alternative Lager, was dann zu den Grünen wurde.

Karkowsky: Was war das für ein Verband? Im Internet wird diese FDP-Jugendorganisation als radikaldemokratisch beschrieben, und die Mitgliederliste liest sich imposant. Da waren unter anderem dabei die heutige Grünen-Chefin Claudia Roth, Günter Verheugen, Gerhardt Baum oder auch der spätere RAF-Terrorist Christian Klar.

Klecha: Ja, in der Tat, die Jungdemokraten waren eine Organisation, die auch verschiedene Wendungen und Häutungen in ihrer Geschichte hatte, und sie galten in den 70er-Jahren lange Zeit als Speerspitze auch des Linksliberalismus in der FDP oder waren einer der zentralen Akteure. Aber sie haben sich im Zuge eines Radikalisierungsprozesses Ende der 70er-Jahre dann doch sehr deutlich radikalisiert und es kommt zwischen erheblichen Spannungen zwischen der FDP-Führung und den Jungdemokraten.

Auf dem einen Kongress der Jungdemokraten 1980 bleibt also auch die Parteiführung der FDP dieser Konferenz fern. Und nun beginnt ab 1978 auch Stück für Stück mit dem Aufbau der Jungen Liberalen als Gegenorganisation quasi zu den Jungdemokraten, aber in den ganzen Satzungen und Gremienregelungen waren die Jungdemokraten natürlich vertreten. Sie waren eben auch über einen längeren Zeitraum die entscheidende Personalrekrutierungsebene für die FDP.

Karkowsky: Würden Sie daraus ableiten, dass Pädophilie-Gedanken in der frühen FDP, zumindest bei der Jugendorganisation noch stärker in die Struktur der Partei hineinwirkten, als es bei den Grünen der Fall war?

Klecha: Diese Argumentation würde ich so nicht aufgreifen, sondern ich würde eher sagen, wir haben einen gesellschaftlichen Zeitgeist, so kritisch man den heute sehen mag, der natürlich auch bestimmten Gruppierungen eine Plattform bot. Weil es ging natürlich ab den 60er-Jahren auch um das Brechen von Tabus und das Ausloten neuer Grenzen. Und eine dieser neuen Grenzen sollte eben in dem Zusammenhang mit Sexualität gefunden werden.

Und wenn Sie sich das damalige Drei-Parteien-System von 1980 angucken: Die Grünen werden ja erst gegründet, und im Bundestag sind die Unionsparteien, die Sozialdemokraten und die FDP vertreten. Und wenn Sie dann Interessen haben, die auf eine Liberalisierung, Entkriminalisierung, Freistellung von bestimmten Straftatbeständen setzen, dann brauchen Sie selbst bei einem Thema wie Homosexualität, was ja in den 70er-Jahren entkriminalisiert worden ist, aber wo es eben noch einen Resttatbestand gab, der Homosexuelle gegenüber Heterosexuellen benachteiligte, da brauchten Sie bei den Christdemokraten der damaligen Zeit nicht anklopfen.

Und bei den Sozialdemokraten stießen Sie auch nicht unbedingt auf große Gegenliebe. Wenn Sie daran Interesse hatten, dann haben Sie sich natürlich für die Bürgerrechtspartei entschieden, und als solche hat sich die FDP profiliert. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass Gruppierungen versuchen, auf die FDP einzuwirken oder auch einzelne Personen einzuwirken, weil sie sich am ehesten in diesem Thema eine Unterstützung versprochen haben.

Karkowsky: Sie hören Doktor Stephan Klecha, er erstellt gemeinsam mit Franz Walter am Göttinger Institut für Demokratieforschung eine Studie, die sich eigentlich beschäftigen soll mit der möglichen Pädophilie-Vergangenheit in den Parteiprogrammen der Grünen. Jetzt sind wir aber auch auf Fälle bei der FDP gestoßen. Herr Klecha, wollte denn die FDP selbst jemals Pädophilie straffrei stellen?

Klecha: Uns ist bisher kein entsprechender Beschluss überliefert. Aber wir sind ja auch noch nicht am Ende unserer Recherchen. Ich glaube aber nicht, dass man dieses vom jetzigen Stand aus finden wird, aber es gab natürlich bei dem einen oder anderen zumindest eine Offenheit, über das Thema zumindest erst mal zu reden.

Karkowsky: Und wie muss man das heute bewerten? Diese Offenheit, darüber zu reden, löst heute ja bereits Kopfschütteln aus. Jeder, der sagt, na ja, das war eine andere Zeit damals, stößt heute auf wenig Verständnis.

Klecha: Ja, und eigentlich auch in der damaligen Zeit – wenn man überlegt, dass es auch damals Fälle von sexuellem Missbrauch ja gab, wundert es schon, dass es eine gewisse Akzeptanz in bestimmten Bereichen genossen hat. Auf der anderen Seite, man bewegte sich an einer Stelle, wo es darum ja auch ging, die Gesellschaft liberaler zu gestalten.

Also, wenn Sie überlegen, es wäre vermutlich 1980 ein politisches Todesurteil für einen Politiker gewesen, wenn er sich offen zu seiner Homosexualität bekannt hätte. Wohlgemerkt Homosexualität, wir reden nicht über Pädophilie dabei. Und diese Entkrampfung von der Gesellschaft, die vollzieht sich – in den 80er-Jahren ist der Gärungsprozess, in den 90ern reift es, und seit zehn Jahren ist das Thema auch mit den Angleichungen im Bereich von Ehe, Familienrecht, Steuerrecht, ist in einem solchen politischen Klima, wo dieses alles gärt, da versuchen natürlich auch randständige Gruppen, die sich bisher unterrepäsentiert fühlten, die sich ausgegrenzt fühlten, die sich diskriminiert fühlten, ihre Interessen auch zu artikulieren. Und das stößt natürlich auf einen gewissen Resonanzraum bei denjenigen, die an anderen Stellen die Interessen vertreten, um Gesellschaft offener, transparenter, freier zu machen. Und dann verbindet sich so etwas, also eine hohe Affinität und Offenheit gegenüber Minderheiten. Das ist dann auch das, was wir bei den frühen Grünen eben antreffen, weswegen dort natürlich so ein Thema diskutiert werden konnte und auch partiell mehrheitsfähig war.

Karkowsky: Die Pädophilen sind also im Windschatten der Homosexuellenbefreiung gesegelt. Sie haben gesagt, da gab es ja auch andere Gesetze. Heterosexuelle Beziehungen mit Kindern unter 14 Jahren waren strafbar, aber bei homosexuellen Beziehungen galt das sogar für Jugendliche unter 18. Was meinen Sie denn, hat die Tatsache, dass die Pädophilen sich da angehängt haben, der homosexuellen Befreiung geschadet?

Klecha: Es gab 1980 einen größeren Kongress in Bonn, oder eine größere Veranstaltung, die im Eklat endete. Da wurde vielen in der Schwulenbewegung deutlich, dass das Zusammenwirken dieser sehr unterschiedlichen Gruppen mit sehr unterschiedlichen Interessen durchaus zu Problemen führt. Und wenn man das aus der heutigen Perspektive verfolgt, stellt man natürlich fest, dadurch, dass das im Windschatten, wie Sie sagten, gesegelt ist, man natürlich viele Debatten in einen Topf werfen konnte. Und das passiert ja bis heute noch. Es ist ganz bezeichnend, dass wir gerade aus Bereichen des Unionslagers … wird immer wieder eine Gesetzesinitiative der Grünen von 1985 thematisiert, die auf die Abschaffung dieses Zustands, den Sie beschrieben haben, zielt. Und das wird als Beispiel dafür angeführt, dass die Grünen dort offen waren. Dabei ist das, was die Grünen 1985 beschlossen haben, das, was 1994 mit den Stimmen der damaligen CDU/CSU/FDP-Mehrheit ins Strafgesetzbuch dann reingeschrieben worden ist.

Also insofern, diese Vermengung von Tatbeständen, die nichts miteinander zu tun haben, hat natürlich dann doch vermutlich sehr nachhaltig in dieser Diskussion auch Ressentiments auf der Gegenseite geschürt und genutzt, die vielleicht sonst anderweitig ... Das ist natürlich spekulativ, weil wir wissen nicht, wie Geschichte gelaufen wäre, wenn sich das an dieser Stelle anders vollzogen hätte.

Karkowsky: Würden Sie denn, aus dem, was Sie jetzt wissen, sagen, dass die Pädophilie-Diskussion von damals genauso zu verurteilen ist wie heute? Oder kann es auch sein, dass die Pädophilenbewegung der 70er, 80er von einem ganz anderen Begriff ausgegangen ist, also Sexualität von Kindern zulassen, aber niemals Gewalt gegen Kinder ausüben?

Klecha: Die Frage ist jetzt etwas schwierig, darauf einzugehen. Weil es ist natürlich ein Teil der Argumentationsfigur von damals gewesen, dass man mit Kinderrechten argumentiert hatte. Und es ist ja Alice Schwarzer, die jetzt auch jüngst wieder darauf hingewiesen hat, die auch 1980 schon das thematisiert hat, dass es vielen aus dieser Bewegung nicht um die Sexualität von Kindern ging, sondern um ihre eigenen Interessen. Und das ist vielleicht damals nicht oder nicht hinreichend dargestellt worden. Und wenn man das in den Blick nimmt, dann hat man natürlich den Blickwinkel, den wir vielleicht heute bei der Fragestellung einnehmen.

Insofern ist es für mich im Augenblick noch nicht abschließend klärbar, wie man es zu bewerten hat. Ich kann es von meinem heutigen Standpunkt aus – schüttele ich da auch nur mit dem Kopf und bin etwas irritiert, was man damals also auch offen diskutiert hat. Auf der anderen Seite, es war eben auch eine Zeit, in der man eben Grenzverletzungen auch begangen hatte, versucht hatte, sie aufzugreifen, Tabubrüche zu begehen. Und möglicherweise, in einem solchen Kontext, passieren dann Dinge, die nicht passieren dürfen, auch aus heutiger Perspektive, auch aus damaliger Perspektive, die aber sozusagen in das Konzept steter Provokationen reingehören.

Karkowsky: Auch die FDP-Jugend liebäugelte in den 80er-Jahren mit der Pädophilie. Sie hörten dazu Dr. Stephan Klecha. Er erstellte eine Studie gemeinsam mit Franz Walter am Göttinger Institut für Demokratieforschung. Herr Klecha, dafür herzlichen Dank!

Klecha: Bitte sehr, gerne!


Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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