Die Fähigkeit zu fühlen verloren

Große Liebe? © AP
Rezensiert von Edelgard Abenstein · 03.04.2006
In "Veras Tochter" greift Elke Schmitter die Handlungsmomente ihres ersten Romans "Frau Sartoris" leicht abgewandelt wieder auf. Dieser hatte der Autorin sechsstellige Verkaufszahlen eingebracht. In dem neuen Roman ist die Protagonistin eine typische Teenagerin im alltagsdrögen Einerlei. Das Scheitern der plötzlich hereinbrechenden großen Liebe entlässt das Mädchen als erwachsene Frau, die nie wieder lieben wird.
Berühmt wurde sie mit einer Ehebruchsgeschichte, die Anna Karenina, Effi Briest und Madame Bovary vom 19. ins 20. Jahrhundert katapultierte. Bei Elke Schmitter hieß die Unglückliche, die sich aus der Langeweile einer Provinzehe in die Passion einer verrückten Liebe stürzt, Frau Sartoris. Doch im Gegensatz zu ihren großen romantischen Vorbildern endet sie nicht im Selbstmord, sondern kehrt ihre Enttäuschung über das nicht eingelöste Versprechen auf ein neues Leben nach außen und begeht einen Mord: Sie überfährt den mutmaßlichen Verführer ihrer halbwüchsigen Tochter.

Dieser Roman brachte seiner Autorin sechsstellige Verkaufszahlen, 17 Übersetzungen und allerorten hymnische Kritiken ein. Allen voran Marcel Reich-Ranicki im Literarischen Quartett, der sein Lob freilich mit einem leichten Vorbehalt versah: der Charakter von Frau Sartoris' Tochter sei zu blass geblieben.

Genau dort knüpft Elke Schmitter mit ihrem neuen Roman an. Wo früher die Mutter im Mittelpunkt stand, wird nun das Geschehen aus der Sicht der Tochter reflektiert. Die krisenhafte Ehe der Eltern in einem Provinznest der 50er und 60er Jahre, der Liebhaber, mit dem die Mutter ihrem Leben entfliehen will und der sie, als es darauf ankommt, einfach sitzen lässt, der Brief, den sie vor der Flucht an ihren Mann schreibt, und den dieser nach ihrer Rückkehr bereits gelesen hat. All diese Handlungsmomente des ersten Romans finden sich leicht abgewandelt wieder.

Und die Protagonistin erhält ein eigenes Leben: das typische Teenager-Dasein zwischen Doppelhaushälften, Jeans, Lateinvokabeln, Ballettunterricht, der Ödnis von Kleinstadtsonntagen und Kellerparties mit Jungen in der Spätpubertät als einzigem, wenig aufregenden Lichtblick. In dieses alltagsdröge Einerlei bricht in Gestalt eines Vorstadtdesperados kometengleich die große Liebe ein, aus der es kein Entrinnen gibt.

Doch so plötzlich und unerklärbar, wie sie begann, endet die Affäre und entlässt das Mädchen als erwachsene Frau, die kaum, dass sie sie gewonnen hat, für immer ihre Weiblichkeit verliert und alle Fähigkeit zu fühlen. Denn lieben wird Veras Tochter ihre späteren Männer in den WGs im Westberlin der 80er Jahre nicht mehr; Trennungen nimmt sie fortan gleichmütig hin.

Unerbittlich gegen sich selbst, voller Ernsthaftigkeit, doch nicht ohne Ironie begibt sich die Ich-Erzählerin auf die Spur, unternimmt die Rückschau auf ihr Leben, um das verborgene Gesetz freizulegen, das ihr Handeln bestimmt. Minutiös vollzieht sich die Zergliederung ihrer Seele, dazwischen strahlen poetische Bilder von zarter Schönheit. Elke Schmitter beobachtet sensibel und genau, mit großer Lakonie breitet sie diese Erziehung des Herzens aus. Ganz aufgedeckt aber werden die Beweggründe für das Drama einer Jugend in der Provinz auch in "Veras Tochter" nicht.

Da der Autorin eine direkte Fortsetzung des ersten Romans möglicherweise zu banal erschienen wäre, bedient sie sich eines dekonstruktivistischen Tricks. Ihre Hauptfigur ist in Wirklichkeit gar nicht Frau Sartoris‘ Tochter, sie heißt Katharina Meininger, stößt per Zufall auf Elke Schmitters Roman aus dem Jahre 2000 und fühlt sich bei dessen Lektüre an ihre Mutter Vera erinnert, die alles außer dem Namen mit der literarischen Erfindung teilt.

Diese Begegnung erst setzt die Erinnerungen in Gang, die den Roman "Veras Tochter" ausmachen. Auf diese Weise vermischen sich Leben und Literatur. Doch was durchaus spielerisch gemeint ist, wirkt plakativ und künstlich gleichermaßen. Wenn am Ende sogar eine Anwältin eingeschaltet wird, die die Persönlichkeitsrechte ihrer Mandantin verletzt sieht, so mag man darin eine Anspielung auf die jüngsten Urheberrechtsprozesse erblicken, in denen Exfrauen gegen Autoren zu Felde ziehen, weil sie sich in deren Texten unangemessen porträtiert fühlen. Doch zu mehr als einem ironischen Hinweis taugt das nicht.

Dabei verspräche das Motiv des Wiedererkennens als dem Urgrund von gelungener Literatur durchaus Gewinn – käme es weniger forciert daher. Davon abgesehen ist Elke Schmitters Roman ein großes Lesevergnügen, zumal auch hier manch eine wie die Romanheldin behaupten kann, die Autorin hätte genau ihre und nur ihre Geschichte aus dem Leben abgeschrieben.

Elke Schmitter: Veras Tochter
Roman. Berlin-Verlag
192 Seiten, 16 Euro