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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 15.04.2009

Die ewige Verlockung der Wiedergeburt

Helmut Obst: "Reinkarnation. Weltgeschichte einer Idee", Beck’sche Reihe 2009, 296 Seiten

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Betende Frau vor einem Buddha in Thailand. Ziel von Buddhisten ist es, aus dem endlosen Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt herauszutreten.  (AP)
Betende Frau vor einem Buddha in Thailand. Ziel von Buddhisten ist es, aus dem endlosen Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt herauszutreten. (AP)

Nicht nur in fernöstlichen Ländern ist die Reinkarnation eine gängige Vorstellung. Auch in Deutschland glauben viele Menschen an ein neues Leben nach dem Tod. Der Religionswissenschaftler Helmut Obst beschäftigt sich in seinem Buch "Reinkarnation. Weltgeschichte einer Idee" mit der verlockenden Lehre und zeigt: Nicht überall ist die ewige Wiederkehr eine positive Vorstellung.

Scheinbar ist die Sache ja einfach. Reinkarnation, Wiedergeburt, das heißt schlicht: Der Tod mag das Ende eines bestimmten Erdenlebens sein, aber für das Individuum ist damit noch lange nicht Schluss. Es kommt als Mensch, Tier oder gar Pflanze zurück für eine neue Runde. Was aber kommt da zurück? Damit hinterfragt Helmut Obst schon die erste Selbstverständlichkeit. Wirklich die Person, wie sie im vorherigen Leben gelebt hat? Eine Art Seelenfunken? Oder eine Ausprägung einer kosmischen Lebenskraft? Wie persönlich ist die Reinkarnation?

Eine zweite oft selbstverständliche Annahme hinterfragt Obst: Ist Reinkarnation wirklich ein positives Konzept? Der Religionswissenschaftler erinnert daran, dass Reinkarnation in den östlichen Religionen als Fluch gesehen wird. Höchstes Ziel ist es, dem Zirkel zu entkommen. Reinkarnation dagegen als Chance zu verstehen, als Weg zur Vervollkommnung, ist eine sehr abendländische Vorstellung.

Hinduismus und Buddhismus lehren das Rad der ewigen Wiederkehr. Von ihnen stammt das Konzept, dass das Individuum den Weg zu seiner Erlösung durch immer neue Zirkel von Tod und Wiedergeburt finden muss – eine leidvolle Vorstellung. Helmut Obst beginnt seinen Gang durch die Geschichte der Reinkarnation bei den östlichen Religionen, aber er zeigt: Diese sind für die europäischen Konzepte nur ein Einfluss, der zudem in vergangenen Zeit nur sehr sporadisch wirksam wurde.

Wichtiger sind antike Vorstellungen. Pythagoras entwickelte im sechsten Jahrhundert vor Christus die Vorstellung, Wiedergeburt diene der Beseelung der Welt. Zyklisch wandern die Seelen und verbinden Mensch und Natur. Platon dagegen bindet die Seelenwanderung in seine ethischen Konzepte ein: In ihr verkörpert sich das Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit und bildet ein Gegengewicht gegen den Egoismus des Einzelnen.

Die jüdische Mystik der Kabbala, islamische Sondergemeinschaften wie die Jeziden oder auch sehr vereinzelte Belege im Neuen Testament zeigen: Auch wenn die monotheistischen Religionen prinzipiell den Gedanken der Wiedergeburt ablehnen, das Konzept findet auch in ihnen immer wieder seine Ausprägungen.

Besonders ausführlich und faszinierend zeigt Obst dies in der Aufnahme in der deutschen Geisteswelt: Die Renaissance entdeckte die Vorstellung der Reinkarnation neu, und zwar die antiken Wurzeln, nicht die hinduistisch-buddhistischen. Von daher wurde Reinkarnation zu einer faszinierenden Möglichkeit der geistigen Vervollkommnung. Gotthold Ephraim Lessing gab der Faszination Ausdruck in seiner Schrift "Die Erziehung des Menschengeschlechts" von 1780. In ihr fragte er: "Warum sollte ich nicht so oft wiederkommen, als ich neue Kenntnisse, neue Fertigkeiten zu erlangen geschickt bin? Bringe ich auf Einmal so viel weg, daß es der Mühe wieder zu kommen etwa nicht lohnet?"

Warum Reinkarnation in allen religiösen Systemen so verlockend wirkt, kann Obst natürlich nicht letztgültig erklären. Seine wichtigste Hypothese: Reinkarnation erscheint schlüssig, auch wenn man keine ausformulierte Religion hat. Und Reinkarnation bietet eine unbarmherzige, aber vernünftige Lösung für die Frage, warum es in der Welt so viel Leid gibt, die sogenannte Theodizee-Frage. Nicht ein undurchschaubarer Gott ist dafür verantwortlich, die Menschen haben sich ihr Los durch vergangene Taten selber eingebrockt. Gegen diese Vorstellung protestieren vor allem die christlichen Kirchen. Aber auch sie, so Obst, sollten versuchen, nach kreativen Verbindungen von christlicher Auferstehung und allgemein-religiöser Reinkarnation zu suchen. Für ihre Gläubigen ist das nämlich schon längst Realität.

Rezensiert von Kirsten Dietrich

Helmut Obst: Reinkarnation. Weltgeschichte einer Idee
Beck’sche Reihe 2009
296 Seiten, 14,95 Euro

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