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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 19.04.2013

Die Erneuerer des Islam

Katajun Amirpur: "Den Islam neu denken", Verlag C. H. Beck, 243 Seiten

Die Hände betender Muslime in der "Mevlana-Moschee" in Berlin-Kreuzberg (AP)
Die Hände betender Muslime in der "Mevlana-Moschee" in Berlin-Kreuzberg (AP)

Katajun Amirpur stellt die einflussreichsten Erneuerer des Islams vor. Mit ihrem Buch will sie eine ebenso sachliche wie theologisch informierte Debatte über die Muslime im 21. Jahrhundert anstoßen.

"Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte". Auf den ersten Blick ein eigenartiger Untertitel für Katajun Amirpurs neues Buch "Den Islam neu denken". Doch der Name ist Programm. Amirpur versteht den "Dschihad" in seiner ursprünglichen Bedeutung als "sich Mühen auf dem Weg Gottes" und gibt so die Richtung ihres Buches vor: Sie will eine ebenso sachliche wie theologisch informierte Debatte über den Islam im 21. Jahrhundert anstoßen. Ohne Kampfbegriffe, ohne fanatische Ideologien.

Die Deutsch-Iranerin Katajun Amirpur, die Islamische Studien an der Universität Hamburg lehrt, will zeigen, dass der vermeintlich fortschrittsfeindliche Islam durchaus reformiert werden kann: Dschihad und Demokratie müssen keine Gegensätze sein.

"Der Islam ist so rein wie Regenwasser"

Anhand von sechs reformorientierten Denkern zeigt Amirpur, wie vielfältig und zeitgemäß der Koran ausgelegt werden kann. Dafür taucht sie tief in islamwissenschaftliche Diskussionen ein und veranschaulicht nebenbei, wie ernsthaft sich die muslimischen Denker mit ihrem Glauben auseinandersetzen.

Schon die ersten Kapitel, die eine historische Einführung in den Reformislam liefern, fördern eine Erkenntnis zu Tage: Eigentlich gab es "den Islam" nie, nur "die Islame" und "die Korane". Mit anderen Worten: "Der Islam ist so rein wie Regenwasser, und er hat, als er in der Geschichte an unterschiedlichen Orten Gestalt gewann, die verschiedenen Farben, Geschmäcker und Gerüche der Tradition angenommen, auf die er traf. Das wird auch jetzt wieder geschehen." Alles eine Frage der Interpretation.

Besonders spannend liest sich die Koran-Auslegung der Afroamerikanerin und früheren Buddhistin Amina Wadud, die dafür plädiert, Gottes Wort eben nicht wörtlich zu nehmen, sondern die Grundgedanken des Korans auf die heutige Zeit anzuwenden. Da der Koran Frauen, die in vorkoranischen Zeiten rechtlos waren, durchaus Rechte eingeräumt habe, sei er im Kern eine emanzipatorische Schrift. Frauen, die zuvor als Eigentum der Männer galten, bekamen nun das Recht auf Eigentum, Erbschaft und Scheidung.

Mitunter minutiös zeichnet Amirpur die einzelnen Argumente nach und veranschaulicht so, inwiefern die tatsächliche Höherstellung von Männern in islamischen Gesellschaften auf einer sprachlichen Fehlinterpretation im Arabischen beruht. Amirpurs Akribie könnte auf Dauer ermüdend wirken, förderte sie nicht so häufig spannende Thesen zu Tage - wie die, dass der Koran die Muslime nicht als auserwähltes Volk sehe; oder dass der Islam ursprünglich weniger lustfeindlich gewesen sei als Judentum und Christentum.

Thesen verschiedener Denker

Die gläubige Wissenschaftlerin Amirpur verkauft in diesem Buch keine perfekte Fertigbackmischung für den Islam im 21. Jahrhundert, sondern sucht nach frischen Zutaten. Davon präsentiert sie viele. Noch frischer würden diese wirken, wenn Amirpur sie spannender erzählt hätte. So wird ein Denker nach dem anderen biografisch eingeführt und seine Thesen vorgestellt.

Doch Amirpurs Buch gewinnt besonders an den Stellen, an denen es die Argumente von Reformdenkern wie Mohammad Shabestari (*1936), Abdolkarim Soroush (*1945) und Nasr Hamid Abu Zaid (1943-2010) miteinander konfrontiert oder verwebt. Ungewohnt in der öffentlichen Debatte und zugleich gewinnbringend ist, dass Amirpur oft theologisch argumentiert: Der Koran müsse demokratisch gedeutet werden, weil er selbst eine gute Absicht bei der Auslegung fordere. Eine moderne Interpretation könne also gar nicht rückwärtsgewandt sein, weil man dem Koran sonst Unrecht täte.

Auf eigene Vorschläge verzichtet Katajun Amirpur in diesem Buch. Doch man erkennt darin unschwer ihren eigenen, westlich gefärbten Dschihad für Demokratie als ein beständiges Bemühen, den Islam des 21. Jahrhunderts in einer offenen Debatte neu auszuhandeln - nach den Bedürfnissen von Männern wie Frauen.

Besprochen von Stephanie Rohde

Katajun Amirpur: Den Islam neu denken. Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte
Verlag C. H. Beck, München 2013
243 Seiten, 14,95 Euro

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