Die Entstehung eines Lexikons als Krimi

Rezensentin: Edelgard Abenstein |
Phillip Blom erzählt die Geschichte des größten geistigen Abenteuers des 18. Jahrhunderts spannend wie ein Krimi. Die Herren Diderot, d’Alembert, de Jaucourt und Rousseau schaffen um 1750 die "Große Enzyklopädie". Blom versetzt seine Dokumentation mit reichlich fiktiven Elementen. So wird sein Buch zu einem interessanten Grenzfall zwischen literarischem Essay und einer Biographie mit romanhaften Zügen.
Man schreibt das Jahr 1750: Vier junge Leute wissen nicht genau, wie sie ihre Miete bezahlen werden. Da sie neugierig sind, belesen und unternehmungslustig, auch wenn keiner eine Ausbildung zu Ende gemacht hat, übernehmen sie einen Studentenjob. Sie übersetzen ein simples Lexikon aus dem Englischen. Dass daraus nicht nur das Projekt ihres Lebens, sondern auch das größte geistige Abenteuer des Jahrhunderts würde, ahnen sie anfangs nicht.

An der Zensur, an den Hütern der Kirche vorbei, stets in Lebensgefahr - es drohen Gefängnis, Folter, Hinrichtung - schreiben sie am Ende 28 Bände mit 7200 Artikeln, 16.500 Seiten, und 17 Millionen Wörtern: die Große Enzyklopädie. Sie enthielt nicht nur "alle Kenntnisse des Menschen", sondern sie sollte auch, dem vornehmen Ziel der Aufklärung folgend "die allgemeine Denkweise" verändern.

Den Weg dorthin schildert Philipp Blom wie einen Krimi, versetzt mit gelehrten Abhandlungen über die geistige Situation der Zeit, mit beispielhaften Auszügen aus dem Jahrhundertwerk selbst, aber auch mit lebhaften Tableaus aus dem gesellschaftlichen Leben im Paris des 18. Jahrhunderts.

Diderot, d’Alembert, de Jaucourt, Rousseau und viele andere sind die Helden dieses Buches, das von der Wissenschaft handelt und der Vernunft als dem Maß aller Existenz, aber auch von Liebschaften und tiefen Zerwürfnissen, Eifersucht und Konkurrenz, von Husarenstücken aus List, Esprit und kaltem Mut.

Das Buch ist spannend wie ein Roman, es erzählt von der Wirklichkeit, als wäre sie erfunden. Anhand erstaunlicher Tatsachen ersteht ein schillerndes Psychogramm der vier jungen Drahtzieher und einer Reihe ihrer Weggefährten.

Philipp Blom muss ein kleines Leben lang in der Bibliothek gesessen haben und er hatte wohl viel grauen Archivstaub zu schlucken, bevor er zu der eleganten Souveränität fand, die ihn mit Anekdoten genauso leichthändig hantieren lässt wie mit Daten und Dokumenten. Er ist ein kosmopolitischer Kopf, schreibt seine Bücher, obwohl in Deutschland aufgewachsen, auf Englisch.

In seinem bisher einzigen Roman, "Simmonspapiere", 1995 in London erschienen, 1997 auf deutsch, arbeitet der Held an einem Lexikon, und in seinem vor zwei Jahren publizierten großen Buch "Sammelwunder, Sammelwahn" legte er lehrreich-skurrile Szenen aus der Geschichte einer Leidenschaft vor.

Ins Gewand einer Dokumentation gekleidet, versetzt Blom seine Erzählung über das "vernünftige Ungeheuer" mit genügend spekulativen, fiktiven Elementen, um den hindernisreichen Aufstieg eines Schreibkollektivs, dieser Hasardeure des Geistes, mit Spannung auszubreiten.

Bilderreich und voller Humor, doppelbödig und höchst unterhaltsam lässt er eines der gewaltigsten Unternehmen der Kulturgeschichte mit der Präzision eines großen Coups vor uns ablaufen, was sein Buch zu einem interessanten Grenzfall macht zwischen literarischem Essay und einer Biographie mit romanhaften Zügen.

Philipp Blom: Das vernünftige Ungeheuer
Aus dem Englischen von Michael Bischoff
Eichborn-Verlag, Die andere Bibliothek, 2005,
30 Euro