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Zeitreisen / Archiv | Beitrag vom 08.04.2009

Die Eigenzeit der DDR

Geschichte einer Atomuhr

Von Carolin Pirich

Die Atomuhr CS2 der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig (AP)
Die Atomuhr CS2 der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig (AP)

Wenn man sie als Uhr bezeichnet, trifft das genau zu und ist doch unpräzise, denn sie war mehr als etwas, das den Menschen anzeigte, wie spät es ist. Für die drei Männer, die an ihr arbeiteten, war sie Lebenssinn, der wegbrach, als die Zeit sich wandelte. Das Land, in dem sie entwickelt wurde, wollte sich mit ihr unabhängig machen von der Zeit des Westens. Aber bevor die DDR mit ihrer Atomuhr eine Sekunde messen konnte, war es zu spät. Nach der Wiedervereinigung wurde das Entwicklungslabor in Berlin-Friedrichshagen aufgelöst. Die Väter der DDR-Atomuhr mussten feststellen, dass das Ergebnis ihrer jahrelangen Arbeit nicht mehr gebraucht wurde. Unsere Zeitreise erzählt die Geschichte.

Dietrich Kahnt: "Zeit ist der Ordnungsfaktor in unserem Leben."

Andreas Bauch: "Wir sind Ordnungshüter. Wir sagen, wie spät es ist."

Dietrich Kahnt: "Zeit ist das, womit wir leben müssen. Zeit können Sie nicht abschalten. Sie ist eine vierte Dimension."

Ein langer Gang, es riecht nach Essig. Links führt eine Treppe hinab. Eine Tür. Dahinter noch eine Treppe, schmal und steil. Sie führt zum tiefsten Punkt des Gebäudes, schwarze Plastikschläuche hängen von der Decke. Sie strömen gleichmäßig Luft aus, damit die Temperatur bei stabilen 20 Grad Celsius bleibt. Nur ein leises Brummen, sonst ist es still.

Dort steht ein etwa drei Meter langes und eineinhalb Meter hohes Gerät, das den halben Raum einnimmt. Es sieht so aus, als habe man es aus einem Heizungskeller ausgebaut. Rein äußerlich hat dieses Gerät keine Ähnlichkeit mit einer Uhr. Es tickt nicht, rattert nicht, gibt nicht einmal ein feines Surren von sich.

Das Herzstück ist ein grünliches Metallrohr. Es ruht zwischen zwei Edelstahlzylindern, an die wieder kleinere Zylinder geschraubt sind. Kabel ragen aus ihnen heraus, die Enden hängen schlaff herunter. Sie verbanden einmal das Rohr mit einem sonderbaren Kasten, silberglänzend und mannshoch mit Knöpfen, Schaltern und einem Zähler.

Dietrich Kahnt: "Die Uhr hatte das erste mal Piep gesagt, aber es war noch nicht daran zu denken, sie in Dauerbetrieb zu nehmen, als Basis für den Zeitdienst zu nehmen. Da hätten wir noch zwei Jahre gebraucht, wenn es so geblieben wäre, wie Herr Ruppert es gerne hatte, dass er als einsamer spezieller Künstler daran weitergearbeitet hätte. Die Zeit hat es überholt."

Dies ist die Geschichte von Dietrich Kahnt, der bis zur Wiedervereinigung mit zwei Kollegen an der Atomuhr der DDR arbeitete. Sie erzählt von Menschen, die nach Erfüllung in ihrer Arbeit strebten, und sie erzählt von dem Versuch, an der Weltspitze zu stehen. Es ist eine Geschichte vom Lauf ins Leere.

Jahrhunderte lang beobachteten Astronomen die Bahnen der Sterne am Himmel mit Teleskopen, um die Zeit zu messen. Aus der Sternzeit entstand so 1926 die überall gültige Weltzeit. Aber die Zeitmessung war wegen der unregelmäßigen Erdrotation für die moderne Technik nicht präzise genug. Deshalb suchten Wissenschaftler nach zuverlässigeren Messmethoden, nach denen Menschen feststellen konnten, in welcher Zeit sie lebten.

1955 präsentierten zwei Physiker in Großbritannien der Öffentlichkeit ein Gerät, dessen Sekunden stets gleich lang waren: eine Cäsium-Atomuhr. Das war das Ende der Sternenzeit und der Beginn der Atomzeit.

Bis dahin war die Sekunde der Bruchteil eines Tages. Seitdem ist sie die Dauer von 9.192.631.770 Perioden einer Schwingung des Cäsium-Atoms 133.

Andreas Bauch: "Uhren haben es geschafft, dass der Mensch sein Leben planen kann, dass es industrielle Prozesse geben kann, in denen zu gewissen Zeiten an bestimmten Orten bestimmte Dinge sein müssen, all das erfordert die Zeit. Die Entwicklung der Uhr über die letzten 400, 500, 600 Jahre ging immer dahin, die Uhren zuverlässiger zu machen und hauptsächlich genauer zu machen."

Andreas Bauch ist als Chef des Instituts für Zeit und Frequenz der Physikalisch Technischen Bundesanstalt zuständig, die Zeit für Deutschland darzustellen und zu verbreiten. Er ist ein Mann von kleiner Statur mit Vollbart und runder Brille. In seinem Büro hängt ein Poster mit dem Satz: "Alles hat seine Zeit - und alles Tun unter dem Himmel hat seine Stunde."

Andreas Bauch: "Die Atomuhr war ein Schritt, der alles in den Schatten gestellt hat, was bis dahin entwickelt worden war. Unser ganzes Rundfunkwesen, so wie wir es heute kennen, unsere Telekommunikation oder auch ein Satellitennavigationssystem, was den einen oder anderen durch die Gegend führt, das wäre ohne Atomuhren undenkbar."

Aus dem Mittelwert von vielen Atomuhren, die auf der ganzen Welt verteilt stehen, setzt sich die Weltzeit zusammen. Es gibt etwa 270 kleinere Atomuhren, die etwa so groß wie Aktenkoffer sind. Aber es gibt nur zwölf große, hochpräzise Apparaturen, die Wissenschaftler in den Zeitinstituten von Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Japan und den USA entwickelt haben. Sie sind die genauesten aller Uhren; Primärnormale. Sie geben allen anderen Uhren den Takt vor, weshalb man sie auch Mutteruhren nennt.

Für den Zeitdienst eines Landes würden die kleineren Atomuhren eigentlich ausreichen. Aber jedes Land, das es sich leisten kann, will die Atomsekunde auch selbst erzeugen und dafür sein eigenes Primärnormal entwickeln.

Wenn man Wissenschaftler nach dem Grund für die Suche nach der präzisesten aller Sekunden fragt, dann sprechen sie von der zivilen Nutzung der Atomuhr, von Navigationssystemen, von Telekommunikation, der Wissenschaft, der Industrie, von der Weltzeit.

Ursprünglich aber ging es um Macht. Das Militär brauchte Atomuhren für die Satellitensteuerung von Raketen; in den USA entstand so das Global Positioning System, kurz GPS. Das sowjetische Pendent hieß Globalnaja Nawigazionnaja Sputnikowaja Sistema, kurz: Glonass.

Andreas Bauch: "Die beiden Systeme, die heute existieren, GPS und Glonass sind militärische Systeme: Zu wissen wo man ist, um zu wissen, wo man hinschießen muss, salopp gesagt."

Annette Vogt: "Atomphysik war ein Gebiet, das in beiden deutschen Teilstaaten per alliiertem Kontrollratsgesetz verboten war, das besagte, das jegliche Forschung die während des Zweiten Weltkrieges für Kriegszwecke verwendet wurde, nicht erlaubt ist. Das galt de facto, de jure bis 1955."

Annette Vogt ist Wissenschaftshistorikerin am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin-Dahlem.

Annette Vogt: "Und dazu gehörte Raketenforschung, Atomforschung, Computerentwicklung, so dass für die DDR und die alte Bundesrepublik Forschungen erst möglich wurden nach 1955."

Da hatten die Briten bereits ihre erste Atomuhr gebaut. In der Bundesrepublik begannen die Wissenschaftler in den 60er Jahren mit der Entwicklung eines eigenen Primärnormals. Einige Jahre später, Ende der 70er Jahre, erhielten die Wissenschaftler in der DDR den Auftrag, eine eigene solche Atomuhr zu bauen.

Annette Vogt: "Das könnte damit zusammenhängen, dass die DDR in den 70er Jahren davon ausging, dass die beiden deutschen Staaten auf ewig getrennt bleiben und man eine Eigenständigkeit wollte auf diesem Gebiet."

Andreas Bauch: "Die DDR hat den Anspruch gehabt, all das zu tun, was der böse westliche Bruder auch tut.Da hatte man den Ehrgeiz, auch ein solches Primärnormal zu bauen, weil man da auch die gleiche Reputation anstreben konnte, die die Bundesrepublik auch hatte."

Eine eigene Atomuhr sollte die DDR unabhängig machen von der Zeit, die man bis dahin aus dem Westen bezog. Da gab es die Frequenzen der westdeutschen Atomzeit. Seit 1959 empfängt der Sender DCF77 in Mainflingen bei Frankfurt die Signale von der Mutteruhr der Bundesrepublik aus Braunschweig und sendet sie mit einer Reichweite von etwa 1500 Kilometern. Die Nationale Volksarmee hörte diese Frequenzen vom Brocken im Harz aus ab.

Es gab auch die kleineren Atomuhren, aber sie standen auf der Embargoliste, der so genannten Cocom-Liste für den Handel mit den Ostblockstaaten. Deshalb musste die DDR sie heimlich importieren.

Andreas Bauch: "Es ist schon diese Gemengelage. Auf der einen Seite die Reputation, auf der anderen Seite die Notwendigkeit. Man konnte nicht mithalten, weil man bestimmte Dinge nicht kaufen konnte, also musste man sie selber entwickeln."

Regelmäßig trafen sich die Vertreter der Zeitinstitute aller Länder im Bureau International de l'Heure in Paris. Auch Vertreter der sozialistischen Staaten reisten dorthin. Bei diesen Treffen ging es allerdings nicht darum, Arbeitsergebnisse auszutauschen.

Zwar berichten Atomphysiker über ihre Forschungsergebnisse, sagt Andreas Bauch. Aber ihr letztes Geheimnis geben sie damals wie heute nicht preis.

Andreas Bauch: "Eine Veröffentlichung muss hinreichend belegt sein, aber sie ist auch Nachweis, dass man gut ist, und das möchte man auch bleiben, also schreibt man nicht alles rein. Man publiziert keine Bauanleitung, how to make a better clock, oder so. Außer der wissenschaftlichen Transparenz und der Zusammenarbeit gibt es auch auch die Konkurrenz, das heißt man freut sich schon, dass man die beste Uhr hat. Und dem, der es noch nicht kann, dem will man es nicht auf die Nase binden."

Obwohl jede Uhr eine eigene Entwicklung ist, gleichen sie einander im Aufbau. In der Mitte befindet sich ein langes Metallrohr, das weitere Rohre umschließt. Auf der einen Seite verdampfen die Atome in einem Cäsium-Ofen, werden magnetisch sortiert und bestrahlt. Durch einen Mikrowellengenerator werden sie dann angeregt und stabilisieren ihrerseits den Generator auf ihrer Eigenfrequenz. So wird die Atomsekunde gewonnen. Der Puls der Zeit.

Im ASMW, im Amt für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung der DDR in Berlin-Friedrichshagen waren sie damals zu dritt: Dietrich Kahnt, der die Zeit vom Institut nach draußen ins Land gab. Er verglich verschiedene Uhren miteinander und verschickte Zeitsignale über den Fernsehsender der DDR in Adlershof und einen Kurzwellensender in Nauen.

Hansgeorg Ruppert, der die Pläne für die Mutteruhr der DDR zeichnete, die Metallteile zusammenschraubte und mit dem Cäsium umging, das die Uhr zum Laufen brauchte. Die Kollegen nannten ihn den " Künstler ".

Martin Kalau, der das Zeitlabor leitete. Er berichtete über die Forschungsergebnisse in Dokumenten, die nur einem ausgewählten Kreis zugänglich waren. Da er zum Reisekader gehörte, durfte er auch nach Paris fahren.

Die Physiker bauten im Keller von Haus 23 an der Atomuhr.

Dietrich Kahnt: "Da gab es Ausweise, wer welchen Schlüssel bekommen durfte, wenn man früh zum Dienst kam, hören Sie auf! Das waren wirklich Geheimdienste im Staat. Das klingt bös, aber die Zeiten waren so."

Man sicherte den Keller mit einer schweren Tür und einem Code, den auch der Abteilungsleiter nicht kannte. Kein Mensch sollte den Raum zufällig betreten. Menschen sind die unsichersten Faktoren.

Dietrich Kahnt: "Ich habe es immer überspitzt formuliert: Das größte Staatsgeheimnis war das, was wir alles nicht hatten."

Dietrich Kahnt, weißes Haar, hellblaue, eng beieinander liegende Augen, lehnt sich zurück, hebt die Hände und lässt sie wieder sinken. Dabei kichert er, ein breites Kichern, ein Mann von Mitte siebzig, der sich über das Theater des Lebens amüsiert.

Dietrich Kahnt erinnert sich, welche Probleme sie damals im Zeitinstitut der DDR mit dem Primärnormal hatten. Vieles, was die Uhr zum Laufen brauchte, stand auf der Embargo-Liste des Westens und konnte nur mühsam und heimlich beschafft werden.

Dietrich Kahnt: "Diese Apparatur zu bauen war ja schon ein ganz großes Problem, dass wir überhaupt an die Materialien herankamen. Wir hatten zwar einen Betrieb VEB Hochvakuumtechnik in Dresden, aber ich weiß nicht, was wir von denen bekommen haben. Die Pumpen sind meines Wissens Importe aus den USA gewsesen."

Diese Pumpen brauchten die Physiker, um unter Vakuum neues Cäsium in die Uhr einzufüllen. Ohne diese Pumpen...

"... haben sie drei, vier Stunden dagestanden mit der Kanne, immer flüssigen Stickstoff nachfüllen. Das verdampfte, wurde weniger, bis sich das Vakuum aufgebaut hatte. Und dann Geduld haben, bis die Ionengetterpumpen gezündet haben und nun dann auch angefangen haben zu arbeiteten."

Sie brauchten auch den Mikrowellengenerator, der die Atome zum Schwingen brachte. Sie bekamen ihn von den Russen, die ihn einem amerikanischen Modell nachgebaut hatten.

"Das Ding war sehr unzuverlässig, deshalb haben wir dann selber eines gebaut und das steckt alles drin."

Und es gab das Cäsium, das, wenn es mit Luft in Berührung kommt, explodiert. Das Material zu besorgen war die Aufgabe von Martin Kalau, dem Leiter des Zeitlabors. Er bekam es in Moskau und schmuggelte es von dort nach Berlin, erinnert sich Dietrich Kahnt.

"Schön vorsichtig damit umgehen. Das ist aggressiv bis zum Gehtnichtmehr. Also so schlimm auch wieder nicht, das ist keine Bombe in dem Sinne, aber ist mit Vorsicht zu genießen."

Das Cäsium lag in gläsernen Ampullen, die so dick und lang wie ein Daumen waren.

"Das haben unsere Leute in der Hosentasche durch den Zoll gebracht in so kleinen Dingern."

Die Arbeit der DDR-Wissenschaftler wurde nicht nur durch die Behinderungen zwischen Ost und West erschwert. Auch innerhalb des Ostens half man einander nicht immer und unbedingt.

Annette Vogt: "Was die Beziehung innerhalb des RGW betraf, dieses Zusammenschlusses der sich sozialistisch nennenden Länder, so waren die Beziehungen nach außen hin von Freundschaft und Vertrauen getragen, aber in Wirklichkeit waren sie auch Konkurrenten."

Annette Vogt vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte.

"Insbesondere auch die UdSSR und die DDR waren auf einigen Gebieten Konkurrenten, ohne dass das offiziell gesagt worden wäre. Es gibt auch Anzeichen, dass die UdSSR nicht wollte, dass die DDR in bestimmten Bereichen besser ist als die Sowjetunion. Und bezogen auf Atomforschung gab es die Restriktion seitens der Sowjetunion, das müsste man in Archiven recherchieren, was aber nicht geht, weil die Archive nicht zugänglich sind."

Der Eindruck drängt sich auf, die Geschichte der Atomuhr der DDR sei eher der Stoff für ein sonderbares Märchen als eine wahre Geschichte. Aber dieses Gefühl stellt sich bei so manchen Geschichten aus einer anderen Zeit ein.

Die Uhr war einmal als Teil eines Systems gedacht, das die sozialistischen Länder unabhängig von der Weltzeit machen sollte. 1984 unterzeichneten die DDR, Bulgarien, Ungarn, Kuba, die Mongolei, Polen und die UdSSR im Rahmen des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe RGW dazu ein Abkommen.

Dort heißt es: Die Republiken vereinbaren "auf der Grundlage der Prinzipien des sozialistischen Internationalismus" und "in Anerkennung der Zweckmäßigkeit eines engeren Zusammenschlusses der Kräfte zur Einheitlichkeit der Zeit- und Frequenzmessungen höchster Genauigkeit", zusammenzuarbeiten "mit dem Ziel der Schaffung eines einheitlichen Zeitdienstes des RGW".

Andreas Bauch kann nicht nachvollziehen, was dieser einheitliche Zeitdienst des RGW bringen sollte.

"Es gab egentlich keinen Grund, dass man sich in den Ostblockländern sich nicht in diesen internationalen Gremien beteiligt und dieses internationale Büro für Maß und Gewicht ist wirklich eine zwischenstaatliche Organisation, die keine politischen Grenzen kennt. Eigentlich war die Idee, eine Ostblockzeit zu gründen, nicht so richtig klug. Aber okay, dass kann man jetzt aus unserer Sicht so leicht sagen. Die Russen wollten sicher auch eine gewisse Dominanz ausüben, so kam das."

Dietrich Kahnt: "Wenn sie mal zwei, drei Tage durchgelaufen war, dann war das schon gut. Dann waren wir schon zufrieden. Aber die Messungen waren noch nicht ganz zufriedenstellend."

Irgendwann lief die Uhr, wenn auch nur ungenau und nur ein paar Tage lang, aber sie lief. Doch bevor sie ihr eine Atomsekunde abgerungen hatten, war es zu spät. Die Mauer fiel, und die Zeit der DDR war abgelaufen.

Dietrich Kahnt: "Alle unsere Geräte, die wir im Lauf der letzten 40 Jahre gebaut hatten, mit denen wir an und für sich zufrieden waren, mit denen wir ganz gut über die Runden gekommen waren, die sollten wir nur noch in einen Container schmeißen, dass sie verschrottet werden."

An einem Abend im Sommer 1990 verließen die Physiker zum letzten Mal Haus 23 auf dem Gelände des Amts für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung der DDR in Berlin-Friedrichshagen.

Dietrich Kahnt: "Wir hatten nur einen Gruß: Der letzte macht das Licht aus. So einfach war das. Dann nahm man seinen Schlüssel und gab ihn bei seinem Pförtner ab. Da hatte man wirklich die Schnauze voll."

Da wäre noch Martin Kalau, mit dem über diese Zeit zu sprechen wäre, dem Mann, der das Zeitlabor leitete. Aber Martin Kalau ist schwer krank. Da wäre auch noch mit Hansgeorg Ruppert zu sprechen, dem Mann, der die Uhr gebaut hatte. Aber Hansgeorg Ruppert ist tot.

Friedrichshagen liegt im Südosten von Berlin, am Müggelsee. Es gibt Bäckereien, in denen belegte Brötchen einen Euro kosten und ein Kino, das einen Film zeigt, der in der Stadtmitte längst schon nicht mehr läuft. Eine Allee führt zwischen verwitterten Villen und einem Wald entlang, dort lag das Zeitinstitut der DDR. Bis auf eine dreischiffige Halle wurden alle Gebäude abgerissen.

Ein hoher Zaun mit Stacheldraht sperrt das Gelände ab. Dort, wo Haus 23 mit der Atomuhr der DDR stand, wird bald ein neuer Bau entstehen. Ein großes Blechschild informiert, dass er ein Magazin der Berliner Staatsbibliothek, des Ibero-Amerikanischen Instituts und des Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz beherbergen soll.

Gesetz über die Zeitbestimmung. Zeitgesetz.
Vom 25. Juli 1978
Der Bundestag hat das folgende Gesetz beschlossen:
Paragraph eins: Gesetzliche Zeit. (1) Im amtlichen und geschäftlichen Verkehr werden Datum und Uhrzeit nach der gesetzlichen Zeit verwendet. (2) Die gesetzliche Zeit ist die mitteleuropäische Zeit. Diese ist bestimmt durch die koordinierte Weltzeit unter Hinzufügung einer Stunde.


Vom 3. Oktober 1990 an sollte es im wiedervereinigten Deutschland nur noch eine Zeit geben, eine gemeinsame und nur einen Ort, der dem Land anzeigt, wie spät es ist.

Die gesetzliche Zeit wird von der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt dargestellt und verbreitet.

Dietrich Kahnt wurde nach der Wende vom Deutschen Kalibrierdienst in Braunschweig übernommen. Seine Arbeit hatte immer noch mit Messwesen zu tun, aber dennoch war es wie eine neue Welt.

"Damals ist die Welt für mich das zweite Mal zusammengebrochen. Als ich merkte, mit unserem Talent zum Improvisieren sind wir auch nichts mehr wert. Wir haben diese ganzen Jahre aus Dreck Gold machen müssen, wir haben improvisieren müssen, wo andere es gar nicht nötig hatten. Das war ja bei uns schon eine Staatsaktion einen Hundertmegaherzzähler zu kriegen. Als ich nachher merkte, mit unserem Talent zum Improvisieren sind wir auch nichts mehr wert, woanders ist es ja gar nicht nötig zu improvisieren. Wenn das Geld da war, da war alles klar."

Das Zeitlabor der Physikalisch Technischen Bundesanstalt liegt am Rande von Braunschweig in einem flachen Backsteinhaus zwischen hohen, alten Bäumen. In einem fensterlosen Raum, zwischen Computern, Wasserstoff-Atomuhren und kommerziellen, kleineren Atomuhren stehen die drei großen Mutteruhren der Bundesrepublik, CS1, CS2 und CSF1. Eine vierte, CSF2, soll 2009 fertig werden.

Schon zur Zeit der Wiedervereinigung hatten die Physikalisch Technische Bundesanstalt zwei Atomuhren, CS1 und CS2, die als die zuverlässigsten und stabilsten weltweit galten. Was hätte man mit der Atomuhr aus Ost-Berlin anfangen können? Das sollte Andreas Bauch von der Physikalisch Technischen Bundesanstalt herausfinden.

"Dann wurden wir hier im Labor, mich eingeschlossen, gebeten, da mal hin zu fahren und zu gucken, was die machen. Und dann haben sie uns auch ihr Primärnormal gezeigt. Und wir haben nur gesagt, wir wollen uns das nicht aufladen, diese Uhr weiterzubauen, wir sind gerade beschäftigt und im Stress, die weiteren fertig zu kriegen. Das heißt, das wäre uns nur ein Klotz am Bein gewesen, dieses Ding zu haben."

"Sehr geehrter Herr Präsident,
in einer Folgerung der Wiedervereinigung von Deutschland wurden wir informiert, dass (...) mehrere ursprüngliche Tätigkeiten vom ASMW sich ändern oder sogar ganz enden."


Am 3. Januar 1991 schreibt Igor Brezina, Präsident des Staatlichen Metrologischen Instituts der Tschechoslowakei einen Brief an die Physikalisch Technische Bundesanstalt. Er bittet darum, seinem Institut das Primärnormal der DDR zu überlassen, dieses "einzigartige Gerät des ASMW". Die langjährige Arbeit von Herrn Kalau und seiner Mitarbeiter seien für sein Institut "außerordentlich wertvoll".
Man werde...

"alles machen, um einen würdigen Nachfolger einer Weiterentwicklung erwähnten Geräte zu sein.
Mit den besten Grüßen
Ihr
Dipl.-Ing. Igor Brezina "


Andreas Bauch: "Da haben wir gesagt: wunderbar. Wenn jemand sagt, er möchte damit gerne arbeiten und möchte sich daran die Zähne ausbeißen, das Ding zum Laufen zu kriegen, dann sollen sie es doch haben. Auf diese Weise hat man dieses Stück Entwicklungsarbeit des ASMW erhalten. Man hat auch Herrn Ruppert noch einige Zeit beschäftigen können."

Hansgeorg Ruppert hatte die Uhr zusammengebaut, nun baute er sie auseinander. Er verpackte ihre Einzelteile in Kisten, überwachte, wie man sie in einen Lkw hob und 700 Kilometer südöstlich von Berlin in Bratislava wieder auslud. Zusammen mit dem Chef des Tschechoslowakischen Zeitlabors baute Ruppert das Berliner Primärnormal dort wieder auf. Pavol Dorsic, ein freundlicher, kleiner Mann mit dem Bart der Naturwissenschaftler, spricht eine liebenswerte Mischung aus Deutsch und Englisch.

"Früher das war für uns Fundament für wissenschaftliche Arbeit. In dieser Uhr sind viele Tausend Stunden Arbeit. Im Prinzip das war sehr gut für uns."

Auch den Menschen, die an dem Primärnormal gearbeitet hatten, sollte der Transport der Uhr nach Bratislava helfen, sagt Pavol Dorsic.

"Die große Arbeit, viele Tausend Stunden, diese Arbeit hatte Zweck. Herr Ruppert war very happy when he was here und die Uhr funktionierte. Das war die Idee des Transports aus ASMW. Das Kind lebt."

Sie starteten die Elektronik und maßen die Atomschwingungen. Das, was in der DDR in all den Jahren nicht gelungen war, gelang in Bratislava: Die Uhr erzeugte Atomsekunden!

Dieser Erfolg muss für Hansgeorg Ruppert auch ein bitterer gewesen sein. In der DDR hatten sie Jahre lang alles getan, um diese Uhr zum Laufen zubringen. Sie hatten das Warenembargo umgangen, hatten Cäsium eingeschmuggelt, hatten Apparate selbst gebaut, die andere einfach kaufen konnten, und hatten immer wieder probiert, verändert und verbessert. Jetzt war ein ganzes gesellschaftliches System eingestürzt, man transportierte die Uhr in ein anderes Land, und sie funktionierte, zumindest einmal.

Aber nun war es nicht mehr wichtig.

Nach sechs Monaten kehrte Hansgeorg Ruppert nach Berlin zurück. Es hatte wieder Probleme mit der Uhr gegeben, schrieb er in seinem Abschlussbericht. Er wäre gerne bereit, wieder nach Bratislava zu fahren und diese zu beheben. Aber dazu kam es nicht.

In Bratislava hatte man inzwischen diese kleineren Atomuhren kaufen können. Die Technik des Berliner Primärnormals war insgesamt überholt.

Hansgeorg Ruppert ging in den Vorruhestand, erinnert sich Dietrich Kahnt.

"Herr Ruppert war noch drei oder vier Jahre jünger als ich, Jahrgang 1938. Der war auch alleine. Der war nicht verheiratet und hat dann jeden Halt verloren. Den sah man schon früh, wenn die Kneipe aufmachte, auf dem Bahnhof bis in die Nacht hinein."

Als Dietrich Kahnt auf Fotos die Uhr hinter schwarzen Plastikschläuchen erkennt, hellt sich sein Gesicht auf. Zum letzten Mal hatte er die Uhr im Zeitinstitut der DDR gesehen, als Ruppert versucht hatte, ihr Sekunden abzuringen. Das ist jetzt fast 20 Jahre her. Er betrachtet die Fotos genau, es fehlt etwas im unteren Teil des Kastens, der neben der Uhr steht.

Dietrich Kahnt: "Schön, schön. Der Ruppert würde sich freuen, wenn er das noch einmal sehen könnte. Aber der liegt schon einige Jahre unter der Erde."

Im Keller des Staatlichen Metrologischen Instituts der Slowakei hat man nichts weiter an der Uhr verändert. Nicht, als die Tschechoslowakei sich auflöste, und auch nicht, als man beschloss, sie nicht mehr zu benutzen. Auch die Ampullen mit dem Cäsium aus Moskau liegen noch da, in einer braunen, eisernen Schachtel. Wenn man die Gläschen in die Hand nimmt und das Cäsium darin erwärmt, sieht es aus wie flüssiges Gold.

Vielleicht wird sich eines Tages ein Museum für die Uhr interessieren, ein Ort, in dem all das gesammelt wird, was von einer Zeit übrig bleiben soll.

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