Die dunkle Seite des Tages

26.02.2008
Elisabeth Bronfen zeigt in ihrer "Kulturgeschichte der Nacht", dass das Hauptmerkmal der Nacht ihre Ambivalenz ist: Sie löst Furcht und Faszination aus und verbirgt und erhellt zugleich. Diese Doppelrolle der Nacht findet Bronfen in der antiken Mythologie, in der Romantik, in unserer Zeit. Die Nacht spiegelt und kommentiert das Tagesgeschehen, so Bronfens These.
"Sie war meine erste Königin der Nacht", berichtet im Prolog ihres neuen Buches die Literatur-und Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen über ihre Mutter. Durch sie bekam die Autorin als Kind eine erste Ahnung davon, dass die Nacht nicht allein zum Schlafen da ist, dass es die Faszination eines "Nachtlebens" gibt, einen Zeitraum, in dem alltägliche Grenzen verschwimmen und Verborgenes, auch Unheimliches, plötzlich Gestalt annimmt.

Persönlich ist der Einstieg in Bronfens "Kulturgeschichte der Nacht" und sinnlich, wenn sie beschreibt, dass Parfümhauch und Rascheln der mütterlichen Abendgarderobe dem Kind, das ins Bett und zum Schlafen muss, zum Versprechen eines anderen Lebens wird, sollte es selbst einmal erwachsen sein. Flüchtig und verheißungsvoll waren diese Auftritte der Mutter, bemerkt Bronfen, intim und scheinbar endlos hingegen die späteren, nächtlichen Gespräche mit ihr. Man sprach aus, was man am Tag verschwieg.

Die Nacht trennt oder vereint. Dualität und Ambivalenz führt so die Autorin gleich zu Beginn ihrer über sechshundert Seiten starken Untersuchung über die Nacht als deren Charakteristikum ein. Furcht und Faszination löst sie aus, verbirgt und verhüllt auf der einen Seite, offenbart und erhellt auf der anderen.

Beispiele für die Doppelrolle der Nacht findet Bronfen zuerst in der Mythologie der Griechen und der christlichen Tradition. Von dort aus arbeitet sie sich - mehr oder weniger chronologisch - durch Aufklärung und Romantik, in die Gegenwart vor. Nicht das Phänomen Nacht als reales Erlebnis einer Tageszeit steht im Vordergrund ihrer Ausführungen, sondern das von Menschen in Literatur, Philosophie, Malerei, auf Bühne und im Film visuell und sprachlich erzeugte Bild der Nacht.

Die Professorin der Universität Zürich klärt darüber auf, was "Nacht" als Motiv in unterschiedlichen Epochen bedeutet und welche Entwicklung sie als Denkfigur vor allem in literarischen Texten nimmt. Bestimmend für Bronfens Lesart der Nacht ist der Foucaultsche Begriff der Heterotopie - eines vom Alltagsleben unterschiedenen Ortes, an dem dieses jedoch repräsentiert, bestritten, suspendiert oder umgekehrt wird. Anhand zahlreicher Beispiele zeichnet Bronfen die Nacht als beunruhigende Bühne jenseits des Tages - die Tagesgeschehen kommentiert und spiegelt. "Man muss die Nacht gesehen haben, bevor man den Tag begreift", zitiert sie die amerikanische Dichterin Anne Sexton.

Von dieser Erkenntnis systematisch Gebrauch gemacht habe die Psychoanalyse: Wer Dunkelheit und Desorientierung durchschreite, die Angst vor der Nachtseite des eigenen Geistes und seiner widersprüchlichen Phantasie überwinde, habe die Möglichkeit zu tieferer, heilender Erkenntnis, zu Erleuchtung und Offenbarung - eine These, die Bronfen nicht nur anhand von Freuds Traumdeutung, sondern auch Shakespeares "Sommernachtstraum", Mozarts "Zauberflöte" oder der "Aurora" des mittelalterlichen Mystikers Jakob Böhme stützt.

Der Leser begibt sich mit der Lektüre dieser "Kulturgeschichte der Nacht" auf eine erhellende Bildungsreise. Das Licht der Vernunft und der Glanz der Theorie lassen kein Geheimnis unberührt. Ein gelehrtes Buch ohne Schattenseiten, eine immense Fleißarbeit, die den Gegenstand ihres Interesses so gezielt ausleuchtet, dass die Nacht fast heller als der Tag erscheint.

Rezensiert von Carsten Hueck

Elisabeth Bronfen: Tiefer als der Tag gedacht. Eine Kulturgeschichte der Nacht.
Carl Hanser Verlag, München 2008
638 Seiten. 29,90 EUR