Reformpädagogik

Die dunkle Seite der Maria Montessori

Historische Aufnahme von Maria Montessori und einem Mann.
Noch kurz vor ihrem Tod befürwortete Maria Montessori die Errichtung eines „Ministry of Race“. „Man könnte es übersetzen mit ‚Ministerium zur Verbesserung der menschlichen Rasse‘“, so die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Seichter. © IMAGO / piemags / IMAGO
29.01.2024
Kindergärten und Schulen, die nach dem Montessori-Ansatz arbeiten, stellen das individuelle, positive Lernerlebnis in den Mittelpunkt. Darum sind sie beliebt. Doch Maria Montessoris pädagogische Gedankenwelt erscheint in einem ganz anderen Licht.
Mit der Montessori-Pädagogik verbindet man meistens Schlagworte wie „selbstbestimmtes und soziales Lernen“ oder „Kinder als Baumeister ihrer selbst“. Montessori-Schulen verzichten weitgehend auf Frontalunterricht, setzen auf selbständige Gruppen- und Projektarbeiten und führen ihren Unterricht in altersgemischten, jahrgangsübergreifenden Klassen durch. 
Doch das Konzept, mit dem man so viel Positives verbindet, ist nicht unumstritten. Vor allem dessen Namensgeberin, die italienische Ärztin und Biologin Maria Montessori (1870 - 1952), erscheint in einem bedenklichen Licht, wenn man sich ihre Schriften anschaut.
Das vor Kurzem erschienene Sachbuch der österreichischen Pädagogikprofessorin Sabine Seichter, „Der lange Schatten Maria Montessoris. Der Traum vom perfekten Kind“, offenbart die dunkle Seite der montessorischen Gedankenwelt, ihr Eintreten für Eugenik und die sogenannte Rassentheorie. Thematisiert wird dies in der Öffentlichkeit bislang aber kaum.

Warum ist die Montessori-Pädagogik so beliebt?

Entwickelt hat Maria Montessori ihr pädagogisches Konzept als junge Ärztin. Dafür begleitete und beobachtete sie Kinder mit erhöhtem Förderbedarf und geistigen Behinderungen. Auf dieser Grundlage entwickelte sie ihre ersten Lernmaterialien. Daraus entstanden die Grundzüge der Pädagogik, die heute nach ihr benannt ist.
Auf der Webseite von Montessori Deutschland kann man diese Grundsätze nachlesen: „Das Ziel der Montessori-Pädagogik ist, das individuelle Wachstum von Kindern und Jugendlichen so zu fördern, dass sie in einem hohen Maß frei und ganzheitlich lernen und gleichzeitig ihren Platz in der Welt erkennen. Außerdem sollen sie sich die Fähigkeit aneignen, Verantwortung für sich zu übernehmen und am Frieden in der Gesellschaft mitzuwirken.“
Ein Zitat von Maria Montessori an der  Lloyd Barbee Montessori School in Milwaukee, Wisconsin: Es lautet: The child is both - a hope and a promise for mankind.
„Das perfekte Kind ist für Montessori ‚das Kind einer perfekten Rasse‘“, erklärt die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Seichter. Unter diesem Aspekt bekommt das Zitat an der Wand eine andere Bedeutung.© IMAGO / USA TODAY Network / IMAGO / Julie Grace Immink / Milwaukee Journal Sentinel
Der Aufbau eines guten Lern- und Arbeitsverhaltens gelingt nach Auffassung Maria Montessoris am besten in einer altersgemischten Gruppe. Diese sei die natürlichste Form einer menschlichen Gemeinschaft – wie eine Familie, in der immer Menschen verschiedenen Alters zusammenlebten.

Im Mittelpunkt steht das Kind und nicht das Schulsystem

Was vielen Eltern gut daran gefällt: Das forschende, entdeckende Lernen wird besonders gefördert, im Mittelpunkt steht das Individuum Kind, nicht das Schulsystem. Das geschieht idealerweise in einer freundlich zugewandten Atmosphäre, in der die Kinder ermuntert werden, Probleme eigenständig und kreativ zu lösen.
In der Schule erschließen sie sich zum Beispiel über mehrere Monate ein bestimmtes Thema – Klimawandel, Umweltschutz, Dinosaurier, Europäische Union etc. –, um dieses in einer Projektarbeit aufzubereiten, die sie anschließend präsentieren müssen.
Im Montessori-Schulalltag können die Kinder meistens selbst entscheiden, welche Aufgaben sie wann und wie lösen, ohne den Druck von Schulnoten. Denn ähnlich wie an Waldorfschulen werden statt einer Benotung regelmäßig Einschätzungsgespräche geführt und entsprechende Berichte verfasst.

Rund 40.000 Montessori-Einrichtungen weltweit

Noten wie an anderen Schulen führen viele Montessori-Schulen dann aber doch mit Beginn der Oberstufe, meistens schon etwas früher ein.
Weltweit existieren rund 40.000 Montessori-Einrichtungen, alleine in Deutschland gibt es über 1.000 Kinderhäuser (Kindergärten) und Schulen. Die meisten sind Privateinrichtungen. Die Schulen haben eine staatliche Anerkennung. Alle Schulabschlüsse können dort gemacht werden. In einigen Bundesländern wie etwa in Berlin gibt es auch einige staatliche Kitas und Schulen mit Montessori-Ansatz.
Ein Montessori-Kinderhaus in Neapel, aufgenommen zwishen 1920 und 1930.
Als ihre Verbündeten betrachtete Maria Montessori Mussolini und Hitler. Auf dem Bild: Ein Montessori-Kinderhaus in Neapel.© IMAGO / UIG / IMAGO

Welche Kritik gibt es an Maria Montessori?

So positiv und fortschrittlich Montessoris Ansatz zu ihrer Zeit war und so heute immer noch wahrgenommen wird: Ihr erklärtes Ziel war, das perfekte Kind zu „erschaffen“. Es sollte nicht nur intellektuell und moralisch, sondern auch körperlich vollkommen sein. Das geht aus dem kürzlich erschienenen Buch der Erziehungswissenschaftlerin und Pädagogikprofessorin Sabine Seichter hervor. Sie trägt darin Ansichten und Äußerungen von Montessori zusammen, die im Prinzip schon lange bekannt sind, weil sie in ihren Schriften nachzulesen sind.

Montessoris Rassenwahn

Dazu gehört, dass sich Montessori intensiv mit Eugenik und der sogenannten Rassentheorie beschäftigt hat – und dass sie den Ideen des Faschismus gegenüber nicht abgeneigt war.

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Seichter sagt dazu: „Das perfekte Kind ist für Montessori ‚das Kind einer perfekten Rasse‘. Diese perfekte Rasse ist, kann man fast sagen, natürlich der Inbegriff und das Narrativ des weißen europäischen Mannes. Sie stellt sich ständig griechische Schönheitsstatuen vor, die körperlich makellos sind, ästhetisch vollkommen. Und ihr Traum, ihre Vision, fast schon Obsession war es nun, aus diesen Statuen, die in Marmor gehauen sind, das Kind aus Fleisch und Blut zu erzeugen, zu züchten, also ein Kind, das perfekt ist.”

Hitler und Mussolini sah Montessori als Verbündete

Auch der Pädagoge Heinz-Elmar Tenorth, emeritierter Professor für Historische Erziehungswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität, sieht Montessori und ihr Werk sehr kritisch. Er könne es nach wie vor kaum ertragen, die Schriften mit ihren Gedanken über das perfekte Kind zu lesen, sagt der Forscher. „Dafür hat sie Propaganda gemacht und dafür hat sie Verbündete gesucht von – man muss das ganz deutlich sagen – Hitler bis Mussolini, von denen sie meinte, dass sie die einzigen seien, die ihr helfen könnten, ein solches Kind zu produzieren.“
Zu ihrem 100. Geburtstag wurde Maria Montessori zu Ehren in Indien eine Briefmarke gedruckt. Auf dem Subkontinent verbrachte sie zwischen 1939 und 1949 zehn Jahre ihres Lebens.
Zur Zeit des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges befand sich Maria Montessori in Indien. Auf dem Subkontinent sollte sie schließlich bis 1949 bleiben, ehe sie endgültig nach Europa zurückkehrte.© IMAGO / Panthermedia / zatletic via imago-images.de
Offenbar ist sie von dieser Idee auch nach dem Ende des Faschismus in Italien und Deutschland nicht abgerückt. Noch 1951, kurz vor ihrem Tod, befürwortete sie die Errichtung eines „Ministry of Race“. „Man könnte es übersetzen mit ‚Ministerium zur Verbesserung der menschlichen Rasse‘“, erläutert Sabine Seichter. „Weil sie überzeugt war, dass es nach wie vor einer politischen Steuerung bedurfte, um die Reproduktion, also den Nachwuchs eines Landes, zu steuern und zu planen.”
Deshalb findet Seichter es „grotesk“, wenn Montessori von Anhängern ihrer Pädagogik auch als Vorreiterin der Inklusion betrachtet wird, denn „sogenannte ‚anormale‘ Kinder nannte Montessori unverblümt ‚Monster‘ und ‚Parasiten der Gesellschaft‘“.

Ist der Montessori-Ansatz für alle Kinder geeignet?

Dass es an Montessori-Schulen wie an Waldorfschulen keine Noten gibt, wird häufiger mal kritisiert: Dies widerspreche der rauen Realität der Leistungsgesellschaft, der sich die jungen Menschen spätestens nach dem Schulabschluss stellen müssten, heißt es dann. Da es aber etliche prominente Beispiele von Montessori-Schulabsolventen gibt, die später Unternehmensgründer oder Konzernlenkerin wurden – Jeff Bezos (Amazon), Larry Page (Google), Jimmy Wales (Wikipedia), Simone Bagel-Trah (Henkel) – braucht man sich darum vielleicht keine großen Sorgen zu machen.
Von Schulen, die die Montessori-Lehre eins-zu-eins umsetzen, rät der Pädagoge Heinz-Elmar Tenorth Eltern jedoch aus einem anderen Grund ab, wie er betont: Wie andere reformpädagogische Ansätze hat auch der von Montessori für ihn etwas „Dirigistisches“, das die Kinder „normiert“.

Eltern sollten jede Einrichtung einzeln bewerten

Viele Montessori-Einrichtungen vertreten diese stark reglementierte Pädagogik in der ursprünglichen Form inzwischen nicht mehr oder haben sie gar nicht erst eingeführt, wie Tenorth erklärt: „Zum Glück, würde ich sagen, sind viele Montessori-Kindergärten und -Schulen nicht Stätten einer reinen, puren Montessori-Pädagogik. Sie benutzen den Namen, leben davon, werben auch damit, machen aber eine Pädagogik, die wirklich kinderfreundlich ist“ – weil sie eben nur einige, aber nicht alle Ideen von Montessori im Schul- oder Kitaalltag umsetzen.
Abgesehen davon sind speziell die Montessori-Schulen nicht für alle Kinder gleich gut geeignet. Schülerinnen und Schüler sind dort zwar weniger einem Leistungsdruck ausgesetzt. Doch während ein Schulalltag mit nur wenigen Regeln und kaum festen Strukturen für das eine Kind ideal ist, überfordert es das andere: Wer Lernprobleme hat und sich nicht gut konzentrieren und strukturieren kann, braucht deutlich mehr Begleitung und Anleitung beim Lernen.

mkn
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