Die deutsche Flucht ins Grüne

Von Andreas Möller · 05.03.2013
Warum schmücken wir uns gerne mit grünen Ideen und suchen scheinbar heile Zufluchtsorte der Vergangenheit auf? Immer öfter wird die Natur zu einer Metapher für Werte, die wir in einer hoch technisierten Gesellschaft zunehmend vermissen, meint der Buchautor Andreas Möller.
Die Deutschen und die Natur: Das ist seit jeher eine besonders emotionale Beziehung. In welchem anderen Land spielen der Umwelt- und Klimaschutz eine ähnliche Rolle wie hier? Wo sonst ist der Widerstand gegen Technologien wie die Kernkraft, die grüne Gentechnik oder aktuell das Fracking so ausgeprägt? Die Deutschen lieben nicht nur die Natur, sie lieben auch ihre "Green German Angst": Selbst Leitungen für Ökostrom können nicht mehr in die Landschaft gebaut werden, ohne dass man Runde Tische einberuft. Oder sind das alles nur Klischees?

Die Indizien für die These vom grünen Sonderweg häufen sich: der rasche, vom Ausland mit Bewunderung und Unmut wahrgenommene Atomausstieg, die Dauerpräsenz der Klimadebatte und vor allem immer mehr grün-geprägte Landesregierungen im Wahljahr 2013.

Der Siegeszug der Grünen hat dabei weniger mit Fukushima zu tun als mit dem Entstehen einer neuen bürgerlichen Klientel. Diese übt nicht nur Kritik an übermäßigem Wachstum, sondern sehnt sich vor allem nach Sicherheit.

Wie eng die Sehnsucht nach unberührter Natur mit dem Wunsch nach Kontrolle zusammenhängt, hat jüngst das Beispiel Niedersachsen gezeigt: Mit der Kritik an der industriellen Landwirtschaft lassen sich wieder Wahlen gewinnen. Insbesondere in den Städten sie trifft auf offene Ohren – also dort, wo man nicht von Acker und Viehzucht leben muss und sich gefahrenlos ins Trugbild des vormodernen Landlebens flüchten kann. Schöne grüne Welt. Dass es nun ausgerechnet Bio-Höfe sind, die wegen ihrer Praxis bei der Geflügelzucht am Pranger stehen, ist eine bittere Ironie.

Das gute Gefühl der Natur hat viel mit Wohlstand und Bildung zu tun. Der grüne Lifestyle muss nicht mehr mühsam mit Verzicht erkauft werden, ganz im Gegenteil. Photovoltaikanlagen bringen dank staatlicher Garantien Traumrenditen, die an den Kapitalmärkten nicht zu erzielen sind. Zeitschriften wie "Landlust" erreichen Millionenauflagen. Täglich streifen unsere Augen unzählige Bio- und Öko-Label. Unser ganzes Leben soll nachhaltiger werden, aber bitte, ohne dass wir verzichten müssten.

Es ließe sich lange über diese Widersprüche unseres Lebensstils streiten. Spannender ist jedoch die Frage, warum die Natur heute wieder so hoch im Kurs steht, zumal in einer Zeit, die technischer ist als je zuvor.

Vielleicht gerade deshalb.

Vielleicht liegt es an unserer Entfremdung von praktischen Naturerfahrungen – daran, dass Schulkinder mehr über das mediale Phänomen des Klimawandels wissen als über die Hauptgetreidesorten. Vielleicht auch daran, dass die Nachhaltigkeit längst zu einer sozialen Unterscheidungsformel geworden ist, da das Materielle diskreditiert erscheint.

Wir schmücken uns gern mit grünen Ideen und suchen die scheinbar heilen Zeiten der Vergangenheit wie virtuelle Zufluchtsorte auf. Die Natur wird immer öfter zu einer Metapher für Werte, die wir in der Gesellschaft zunehmend vermissen: Beständigkeit, Stabilität, Einfachheit. Beim Wort "Klimawandel" schwingt nicht zufällig auch die Angst vor Veränderung mit: Die Natur soll unveränderlich sein – ganz anders eben als die technische Welt.

Das Dauergespräch über Natur und Klima sollte uns darum nachdenklich stimmen und zu Fragen ganz anderer Art führen. Warum ängstigen uns die Beschleunigung und Komplexität des modernen Lebens? Woran orientieren wir uns in einer säkularen Zeit, die von privaten Bindungen bis zur Karriereplanung nichts so sehr propagiert wie Individualität und Selbstbestimmung? Es ist merkwürdig: Allein beim Thema Nachhaltigkeit sind wir zunehmend bereit, Normen und Grenzen zu akzeptieren.

Sind wir am Ende auf der Suche nach Ordnung in einer fragilen Welt?

Die Flucht in Bilder der Natur ist stets ein Seismograph für den Wunsch nach Sicherheit und für das Unbehagen an der Gegenwart gewesen. Der Rückzug ins Grüne war immer dann populär, wenn die Zeiten sich änderten. Nicht nur, aber gerade in Deutschland.

Andreas Möller, 1974 in Rostock geboren, promovierte an der Humboldt-Universität in Berlin über die Wissenschafts- und Technikkritik der Weimarer Republik. Seine Bücher beschäftigen sich mit unserem Verhältnis zur Natur: "Das grüne Gewissen. Wenn die Natur zur Ersatzreligion wird" (Carl Hanser Verlag, 2013) sowie "Traumfang. Eine Geschichte vom Angeln" (Ullstein Verlag, 2009). Andreas Möller lebt in Berlin.
Andreas Möller
Andreas Möller© privat
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