Die DDR wollte keine Kinderstars

Zu DDR-Zeiten: der Fernsehturm am Alexanderplatz in Berlin © dradio.de
28.06.2011
So manches Filmkind, das in DEFA-Klassikern wie "Der Kleine Muck" oder "Alfons Zitterbacke" vor der Kamera stand, wusste gar nicht, wie berühmt es war. Die meisten von ihnen wurden später nicht Schauspieler, sondern wählten einen ganz anderen Beruf. Knut Elstermann hat die vergessenen Stars wiedergetroffen und eindrucksvoll porträtiert.
Der Filmjournalist Knut Elstermann hat sich mit diesem Sachbuch dem DDR- Kinder- und Jugendfilm und seinen jüngsten Darstellern verschrieben. Vierzehn ehemalige Filmkinder aus bekannten DEFA-Klassikern wie "Der Kleine Muck", "Alfons Zitterbacke" oder "Sabine Kleist, 7 Jahre" stehen im Mittelpunkt.

Dabei weist der Autor auf ein ungeschriebenes Gesetz hin. Keiner sollte zum Kinderstar werden und so drehten viele nur einen Film. Knut Elstermann hat sich mit den einstigen Filmkindern für dieses Buch getroffen. Einige kannte er schon länger.

Besonders bewegend ist das Kapitel über Thomas Schmidt. Er war der "Kleine Muck". Dieser DEFA-Farbfilm von Regisseur Wolfgang Staudte entwickelte sich mit weltweit 11 Millionen Zuschauern zum erfolgreichsten DDR-Film aller Zeiten. Thomas Schmidt bekam davon lange nichts mit. Er verließ mit seiner Familie 1955 die DDR, wurde später Arzt und Wissenschaftler. Erst nach der Wende erkannte Thomas Schmidt die Popularität seines Films. 2008 verstarb er an Leukämie.

Es ist die Mischung aus Filmhistorie und Privatleben, die Elstermann immer wieder unterhaltsam miteinander verzahnt. Viele der Filme bildeten den DDR-Alltag ab und sind so heute auch historische Dokumente. Vor allem ab den 1980er-Jahren setzten sich DEFA-Kinder- und Jugendfilme auch kritischer mit der DDR-Realität auseinander. Besonders gelungen ist in diesem Zusammenhang das Kapitel über Vivian Hanjohr, die als 17-Jährige die Hauptrolle in "Erscheinen Pflicht" spielte.

Dort verkörpert sie die Tochter eines verstorbenen Parteifunktionärs. Nach seinem Tod entdeckt das Mädchen eine ganz andere DDR-Realität. Berühmt wurde der Satz: "Ihr habt uns immer erzählt, im Sozialismus scheint immer die Sonne. Ich bin schon ganz blind vor lauter Licht". Der Film löste in Testvorführungen für Lehrer und FDJ-Sekretäre starke Kontroversen aus und wurde nur eingeschränkt aufgeführt. Im Bezirk Dresden lief er nie. Der heute 43-jährigen Vivian Hanjohr gab der Film viel Selbstbewusstsein. Sie wuchs sehr behütet bei einer weltoffenen Großmutter auf. Heute ist sie Musikerin.

"Erscheinen Pflicht" kommt, wie viele DEFA-Filme, nicht ohne pädagogischen Zeigefinger aus. Dank der natürlichen Hauptdarsteller bleibt dieser Film jedoch im Gedächtnis und steht damit exemplarisch für Stärken und Schwächen des DEFA Kinder- und Jugendfilms. Zwischen 1946 und 1990 wurden 150 Kinderfilme produziert, davon 60 Märchenfilme. Für viele Filmemacher war der Kinderfilm eine Nische, in der es mehr Freiräume gab.

Knut Elstermann sah als Kind viele dieser Filme und hat seinen Fanblick behalten. Dennoch ist sein Buch neben aller Bewunderung nie unkritisch oder ein reiner Lobgesang auf die DEFA. Gerade weil viele der einstigen Kinderdarsteller ganz andere Berufe ausübten, die nichts mit der Filmwelt gemein haben, wird sein Buch auch zu einer Zeitreise durch das geteilte und nun wiedervereinte Deutschland. Die Ausgabe ist reich bebildert und lädt zum Entdecken und Wiederentdecken vieler bekannter und vergessener Klassiker des ostdeutschen Kinderfilms ein.

Besprochen von Jörg Taszman

Knut Elstermann: Früher war ich Filmkind - Die DEFA und ihre Jüngsten Darsteller
Das neue Berlin, Berlin 2011
224 Seiten, 19,95 Euro