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Zeitfragen | Beitrag vom 04.01.2019

Die dänische Schriftstellerin Madame Nielsen„Es muss immer etwas entstehen, das größer ist als ich“

Moderation: Dorothea Westphal

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Sie hat in künstlerischer Mission die Balkanroute abgewandert: Madame Nielsen (rechts) bei ihrer Ankunft in Passau. (Foto: privat)
In künstlerischer Mission wanderte sie einmal die Balkanroute ab: Madame Nielsen bei ihrer Ankunft in Passau. (Foto: privat)

„Der endlose Sommer“ machte die Autorin Madame Nielsen in Dänemark berühmt. Als er erschien, war aus Claus Beck Nielsen gerade Madame Nielsen geworden. Das Annehmen verschiedener Identitäten zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Kunst.

Als das Buch "Der endlose Sommer" 2014 in Dänemark erschien, da war aus Claus Beck Nielsen gerade Madame Nielsen geworden - eine Verwandlung, die damit zu tun hatte, dass die Autorin ein Kleid anprobiert und gefunden hatte, dass sie damit besser aussah als der schmale, ältere Mann, der sie inzwischen ist. Aus Claus Beck Nielsen war damit aber nicht die Frau geworden, die er immer schon hatte sein wollen.

Es geht Madame Nielsen um das Ausprobieren verschiedener Identitäten. Bereits als Mann hatte sie sich verschiedentlich verwandelt zum Beispiel von Claus Nielsen, der symbolisch auf einem Kopenhagener Friedhof beerdigt wurde, in Claus Beck Nielsen und schließlich in einen Mann ohne Namen und ohne Identität. Das Annehmen verschiedener Identitäten zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Kunst und ist für Madame Nielsen mehr als ein Spiel:

"Das Leben ist eine ständige Verwandlung. Und ich finde, die meisten Menschen leben ihr Leben als wäre es nur eine Möglichkeit, ein Leben. Aber in einem Körper, in einer Seele gibt es so viele mögliche Menschen oder nicht nur Menschen, Wesen. Und ich sehe es als meine Aufgabe, nicht nur in der Schrift, sondern auch im tatsächlichen Leben, so viele Daseinsformen wie möglich zu leben."

Zum Schreiben ins Kloster

Der Roman "Der endlose Sommer" beschreibt eine Zeit, in der alles möglich scheint oder sogar ist. Doch auch dieser Sommer wird irgendwann ein Ende haben. Und dieses kündigt sich in Gestalt von Krankheit, Tod, dem Ende einer Liebe auch bereits an, wofür der Untertitel "ein Requiem" steht. Schwierig sei es gewesen, dafür die richtige Sprache zu finden, was der Autorin, wie sie erzählt, in einem Kloster in Paris gelang, in das sie sich zum Schreiben zurückgezogen hatte:

"Für mich ist Sprache Musik. Der Satz ist für mich ein Wunder. Und das gilt für Dänisch, aber ganz besonders auch im Deutschen und in der französischen Sprache gibt es diese Möglichkeit für sehr lange Sätze. Das ist für mich wie ein Lasso. Und die Aufgabe ist, mit einem Satz so viele Aspekte des Lebens einzufangen und zum Schweben, zum Fliegen zu bringen."

Leben wird erst durch Sprache wirklich

Es gelte, die Wirklichkeit durch Erzählen zu schaffen, heißt es an einer Stelle des Romans. Ist das sie Macht, die Literatur hat?

"Obwohl Sprache ja einerseits außerhalb des Lebens existiert. Aber das Leben wird für die Menschen, die Sprachwesen sind, erst durch die Sprache wirklich. Und das heißt auch, dass die Sprache das alles beinhalten oder umfassen muss und das passiert für mich besonders in der großen Literatur. Und deshalb versuche ich, durch die Sprache die Welt für die Leser zu öffnen, so dass auch ihr Leben endlich möglich wird."

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