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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.04.2013

Die bittere Wahrheit

Markus Roth und Andrea Löw: "Das Warschauer Getto", CH Beck, München, 2013, 240 Seiten

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Jüdische Männer im Warschauer Getto (picture alliance / dpa)
Jüdische Männer im Warschauer Getto (picture alliance / dpa)

Eindringlich schildern Andrea Löw und Markus Roth die Geschichte des Warschauer Gettos und seiner Menschen. Dabei kommen die Verfolgten selbst durch Tagebücher und Erinnerungen zu Wort. Erstmals erhalten deutsche Leser so ein nachvollziehbares Bild vom Alltag der Menschen im Getto.

Es kann keine Freude sein, dieses Buch zu lesen. Es geht um 500.000 Menschen, von denen nur ein Bruchteil überlebte; um Stadtviertel, von denen nichts übrig blieb; um unaussprechliches Elend, Hunger, Schmutz, Krankheit; um die ständige Angst vor den Deutschen und ihrer Gewalt; um die Erwartung des Endes in Gaskammern. "Hölle auf Erden" nannte der jüdische Arzt Ludwik Hirszfeld das Warschauer Getto. Markus Roth und Andrea Löw beschreiben das Leben, Leiden und Sterben in dieser Hölle.

Sie tun es nüchtern, faktenreich, teils summarisch. Ihre Konzentration gilt den Getto-Organisationen - Judenrat, Ordnungsdienst, "Shops" (Betriebe unter deutscher Führung), Krankenhäuser, Waisenhäuser, etc. - und deren Leitern. Trotzdem überträgt sich das Grauenhafte, dem fast alle immerzu ausgesetzt waren, mit ungeminderter Wucht. Die Stimmen der Zeugen von Marcel Reich-Ranicki bis Wladyslaw Szpilman ("Der Pianist" in dem Film von Roman Polanski) machen das Ferne gegenwärtig. Chaim Kaplan, später in Treblinka ermordet, hielt schon 1940 fest: "Wir sind aus der Gesellschaft des Menschengeschlechts ausgestoßen worden."

Die Lektüre kann also nur traurig machen. Aber es ist ein Glück und Gewinn, dass es dieses Buch gibt. Zum einen handelt es sich um die erste größere Gesamtdarstellung in Deutsch, die dem Standard-Werk "Warsaw Ghetto" von Barbara Engelking und Jace Loeciak (die englische Ausgabe des polnischen Originals erschien 2009) viel verdankt. Zum anderen erfüllt sich ein weiteres Mal die Hoffnung von Emmanuel Ringelblum: "Falls keiner von uns überlebt, soll wenigstens das bleiben." - "das" ist die Erinnerung an das Getto überhaupt und näher an das unter Lebensgefahr gehortete Material des Untergrund-Archivs Oneg Schabbat, das Ringelblum geleitet hat. Viele Menschen haben, von Oneg Schabbat ermuntert, die Ereignisse um sich herum festgehalten; in Blechkisten und Milchkannen blieb vieles erhalten.

Es gab im Getto protzige jüdische Geld-Eliten, Kriminelle, Kollaborateure und andere zwielichtige Gestalten. Roth und Löw beleuchten auch die dunklen Ecken. Sie verzichten auf die Idealisierung der Menschen, die in der Enge ihrer Unterkünfte und auf den Straßen voller Kot und Leichen ein Dasein jenseits der Erträglichkeit fristeten. Das Schicksal der Getto-Kinder aber - bis zu 100.000; manche versuchten mit sieben, acht Jahren, bettelnd, klauend und handelnd ihre kranke Familie durchzubringen - berührt so oder so elementar. Fotos zeigen ein ausgemergeltes Baby, ein verhungerndes Kind mit einem Fetzen Brot, ein Kleinkind, das seine sterbende Mutter streichelt.

Trotz allen routinierten Wissens über die Nazi-Gräuel ist ihr Anblick herzzerreißend. Und umso mehr, wenn man liest, dass Ringelblum damals über die Menschen im Getto sagte: "Es gibt kein Mitleid mehr." Im Kampf der Menschlichkeit gegen die Abstumpfung gewann letztere nicht immer. Aber oft.

Wer bis zur Deportation überlebte, kam im Arbeitslager oder im Gas um. Die Zurückgebliebenen aber organisierten 1943 jenen Aufstand, der für die Erinnerung so wichtig wurde wie die Arbeit von Oneg Schabbat. Es ist keine Wichtigtuerei, sondern die bittere Wahrheit, wenn Roth und Löw betonen: "So wie Auschwitz für den Massenmord an den europäischen Juden insgesamt steht, so ist Warschau sicherlich das Getto des Holocaust."

Besprochen von Arno Orzessek

Markus Roth und Andrea Löw: Das Warschauer Getto. Alltag und Widerstand im Angesicht der Vernichtung
CH Beck, München, 2013
240 Seiten, 14,95 Euro

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