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Religionen | Beitrag vom 25.04.2021

Die biblische Figur des Lazarus Zwischen Auferstandenem und Zombie

Von Kirsten Dietrich

Anhebung des Lazarus, eine Zeichnung von Gerrit Bleker, Claes Jansz. Visscher (II) um 1622-1656. (Imago / Quint Lox)
Lazarus steigt aus dem Grab, nachdem Jesus ihn wiedererweckt hat. Das Johannes-Evangelium erzählt die Geschichte von dem Mann, der schon begraben war. (Imago / Quint Lox)

Jesus holt einen Toten ins Leben zurück, einen Toten, der schon in Verwesung übergegangen ist. Das ist die Lazarus-Geschichte. Forscherin Claudia Jannsen sagt, in dieser Geschichte gehe es um den mächtigen, nicht um den netten Jesus.

So steht es im Johannes-Evangelium: "Lazarus, komm heraus! Und der Verstorbene kam heraus gebunden mit Grabtüchern an Füßen und Händen, und sein Gesicht war verhüllt mit einem Schweißtuch."

Lazarus ist ein Forschungsthema: Claudia Janssen arbeitet an der kirchlichen Hochschule Wuppertal über das Neue Testament, beschäftigt sich schon aus beruflichen Gründen viel mit dem Thema Auferstehung. Die ganze christliche Theologie und Kirche ist um diese Hoffnung herum gebaut, mit dem Zeugnis von Jesu Tod und Auferstehung.

Unheimlicher Vorläufer von Jesu Auferstehung

Aber diese zentrale Lazarus-Erzählung hat einen Vorläufer, eine Art dunklen Bruder: in der Geschichte von Lazarus. Janssen meint: "Biblische Namen sind ja in, aber Lazarus möchte niemand heißen, da sind wir in einem Grenzbereich zwischen Leben und Tod und wir wissen es nicht ganz genau, was ist da eigentlich passiert."

Von Lazarus erzählt nur das Johannes-Evangelium im Neuen Testament: "Es lag aber einer krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf Marias und ihrer Schwester Marta. Da sandten die Schwestern zu Jesus und ließen ihm sagen: Herr, siehe, der, den du lieb hast, liegt krank."

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Das klingt wie der Beginn von vielen Wundergeschichten, die das Neuen Testament von Jesus erzählt: Jemand ist krank oder in Not, Jesus wird um Hilfe gebeten, er vollbringt das Unvorstellbare.

Aber bei Lazarus läuft das Wunder nicht so glatt wie erhofft, erklärt Janssen: "Der Text macht es dann auch noch besonders spannend: Jesus geht nicht sofort los, sondern bleibt noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich befindet, bevor er überhaupt losgeht. Und dann verwirrt er auch noch seine Jünger, mit denen er da unterwegs ist und sagt: 'Ach, ich weiß, Lazarus ist eingeschlafen.' Dann sagen die: 'Ach, das ist ja gut, wenn der schläft, dann ist doch gut.' Und dann sagt er: 'Nein, er ist tot, ich meine damit tot'."

"Herr, er stinkt schon"

Die Hinterbliebenen – in diesem Fall die Schwestern des Lazarus – weinen. Vorwürfe wegen Trödelns vorher machen sie Jesus nicht, die eine Schwester hört stattdessen geduldig einen theologischen Grundlagenvortrag. Janssen resümiert: "Jesus spricht zu ihr: 'Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe'." Den Worten folgen Taten. Jesus lässt das Grab des Lazarus öffnen, obwohl Marta ihn warnt: "Herr, er stinkt schon; denn er liegt seit vier Tagen."

Der Stein wird entfernt, Jesus ruft den Lazarus – woraufhin dieser prompt aus dem Grab tritt, mit nichts als seinen Leichentüchern bekleidet. Jesus befiehlt, die Tücher und Binden zu lockern – und damit endet die Geschichte. Plötzlich und abrupt.

In dieser Geschichte gehe es um den mächtigen, nicht um den netten Jesus, sagt die Forscherin. "Jetzt könnte man sagen: Das wär doch toll, wenn noch eine Szene käme, sie nehmen sich in den Arm. Diese Geschichte ist aber sperrig. Jesus ist nicht der liebe Jesus, den wir uns so vorstellen, der in Beziehung tritt – also hinterher: er spricht gar nicht mehr mit dem Lazarus. In dem Moment, wo er aus dem Grab tritt – befreit ihn, lasst ihn gehen! – plötzlich verschwindet er quasi aus der Handlung."

Immerhin, da ist sich Janssen sicher: Für Lazarus geht die Geschichte gut weiter, auch wenn wir sie nicht mehr erzählt bekommen. "Dieses Auferstehen des Lazarus – der ist nicht irgendwie so ein merkwürdiger Untoter oder Zombie, der ist ein ganz normal lebendiger Mensch, der auch irgendwann ganz normal wieder sterben wird."

Eine geheimnisvolle Figur

Nicht jeder liest die Geschichte von Lazarus so gelassen. Die Figur des Lazarus bleibt geheimnisumwittert. Ein Einfallstor für Deutungen, gerade im literarisch streng komponierten Johannes-Evangelium. Für Deutungen wie die des Historikers Johannes Fried zum Beispiel: Denn er ist davon überzeugt, dass Jesus am Kreuz gar nicht starb, sondern im Johannes-Evangelium die Geschichte seines Überlebens erzählt wird. Der Augenzeuge dafür?

"Ich spreche immer vom Lieblingsjünger", sagt Fried. "Das ist natürlich ein Pseudonym. Ich habe drei Kriterien: Jesus muss ihn gekannt und geliebt haben, er muss anderen Jüngern bekannt gewesen sein, er muss in Lebensgefahr gestanden haben – die treffen alle auf Lazarus zu."

Belastbare Belege liefert die Bibel allerdings nicht für diese These, dass es Lazarus war, der nach seinen Erfahrungen mit dem Sterben und Auferstehen nun eine alternative Deutung zu den Ereignissen um Jesus liefert. Das weiß auch Johannes Fried: "Mir ist es lieber, man bleibt bei der anonymen Version: der Jünger, der Jesus liebte – Klammer auf: vielleicht Lazarus, Klammer zu."

Gerade das abrupte Ende lässt die Gedanken noch bei Lazarus hängen – auch wenn das Johannes-Evangelium schon längst den Bogen schlägt zu Leiden, Tod und schließlich Auferstehung Jesu. Denn die Auferweckung des Lazarus markiert genau diesen Bruch: von den Wundern Jesu zur Passion. Aber was ist mit Lazarus?

Körper bei den Lebenden, Seele bei den Toten

Der Theologe Rüdiger Sachau hat viel über Vorstellungen von Tod, Wiedergeburt und Auferstehung geforscht. Er erklärt: "Es gibt in der Literatur eine ganze Reihe von Geschichten, wo jemand versucht, das Innenleben des Lazarus zu erkunden. Wie ist es, dass jemand dem Tod so dicht war und wieder zurückkehrt? Einige Literaten machen daraus die These: Wer das erlebt hat, ist nie wieder fröhlich. Der trägt das Grauen in sich."

So wie der Lazarus in der gleichnamigen Erzählung des russischen Schriftstellers Leonid Andrejew: "Offensichtlich war die zerstörende Arbeit des Todes an dem Leichnam durch die Kraft des Wunders nur zum Stillstand gebracht, nicht aber ungeschehen gemacht worden."

Dieser Lazarus ist zwar wieder unter die Lebenden zurückgekehrt – seine Seele aber ist bei den Toten geblieben. Schlimmer noch: Er trägt den Tod in jeder Faser seines Leibes – und das ist ansteckend. Denn: "Lazarus blickte ruhig und schlicht, ohne den Wunsch, etwas zu verbergen, aber auch ohne die Absicht, etwas zu sagen – kalt blickte er, wie jemand, der allem Lebendigen unendlich gleichgültig gegenübersteht. Und durch die schwarzen Kreise seiner Pupillen sah wie durch dunkle Gläser das unfassbare Jenseits die Menschen an."

Leonid Andrejew schrieb seine abgrundtief traurige Interpretation der Geschichte von Lazarus im zaristischen Russland kurz nach 1900. Wie es heißt, kämpfte er während des Schreibens sehr mit der Trauer um seine kurz zuvor verstorbene Frau.

Aussicht auf Auferstehung 

Aber auch moderne Filmemacher und Schriftsteller haben ein Faible für Lazarus. Es gibt eine Comicserie unter dem Namen, in der Lazarusse – Mehrzahl – genetisch veränderte Menschen sind, die noch nach der schlimmsten Gewalt wieder aufstehen.

Im Film "Das Lazarus-Projekt" wacht ein Mann nach einer Hinrichtung wieder auf – Teil eines großangelegten Betrugs, wie er feststellt. Hoffnungsvoller ist der Film "Glücklich wie Lazzaro" der italienischen Regisseurin Alice Rohrwacher: Ihr Lazarus tritt ein für ausgebeutete Dorfbewohner – auch wenn ihn dabei kaum einer versteht. Immer wieder geht es darum: Hier lebt jemand, der eigentlich tot sein sollte.

"Bei Lazarus", sagt Theologe Sachau, "gerät man entweder in so einen Versuch, das zu erklären, das ist blöd, oder es bleibt unheimlich, dann wird er so eine Art Zombie." Dem Theologen mag dieser popkulturelle Blick auf die Lazarus-Geschichte ein Graus sein – für manche ist sie durchaus plausibel. Plausibler vielleicht sogar als die Geschichte, wie ein Mensch nach Tagen im Grab wieder zum Leben erweckt wird.

Claudia Janssen von der Hochschule Wuppertal sagt: "Immer, wenn das Thema der Auferstehung in den Texten erwähnt wird, geht es um die Frage: Was ist Tod, was ist Leben, und sind diese Grenzen durchlässig? Also: Ist Aufstehen nur etwas, was nur nach dem Tod passiert? Ist Aufstehen auch die Bewegung ins Leben? Ist Aufstehen die Bewegung auf den Jesus zu, der schon der Auferstandene ist?"

Und wäre es nicht überhaupt besser, gar nicht sterben zu müssen? Vielleicht ist also die Geschichte von Lazarus gar nicht so befremdlich, weil in ihr ein Toter ins Leben zurückkommt. Davon erzählen viele Mythen, auch außerhalb der Bibel. Aber das Befremden über Lazarus heute markiert einen Bruch: Dass die Zusagen von Auferstehung eine Zusage voller Hoffnung sein soll, genau das leuchtet nicht mehr ohne weiteres ein.

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