Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Donnerstag, 14.11.2019
 
Seit 19:30 Uhr Zeitfragen. Feature

Nachspiel | Beitrag vom 13.10.2019

Die besten Fußballsprüche"Elf sind dafür, elf sind dagegen"

Arno Orzessek im Gespräch mit Thomas Wheeler

Beitrag hören Podcast abonnieren
Schiedsrichter Markus Wollenweber und Jan Löhmannsröben diskutieren einen Foulelfmeter. (Imago / Picture Point LE)
Fußballer Jan Löhmannsröben im völligen Unverständnis für die Entscheidung des Schiedsrichters. (Imago / Picture Point LE)

"Wenn das ein Schiri, ich weiß nicht, Digga, soll der Cornflakes zählen gehen" ist nur einer der wortakrobatischen Ergüsse, die dieses Jahr zum besten Fußballspruch gekürt werden könnten. Unser Fußballexperte jedenfalls gerät ins Schwärmen.

Thomas Wheeler: Hass gehört nicht ins Stadion, den sollte man lieber mit seiner Frau im Wohnzimmer ausleben. Das hat mal Berti Vogts gesagt. Berti, der Terrier, als Spieler Welt- und Europameister, als Bundestrainer später dann noch Europameister – womit wir schon mittendrin wären in den Untiefen und Unschärfen von Fußballsprüchen. Die Deutsche Akademie für Fußballkultur, die es seit 2004 in Nürnberg gibt, hat es sich zur Kunst gemacht, jedes Jahr den besten Spruch zu küren. Elf, wie sollte es anders sein, stehen dabei zur Wahl, und am 25. Oktober dieses Jahres wird bei der Gala zur Verleihung des Deutschen Fußballkulturpreises von den Besuchern dieser Veranstaltung der beste Spruch gewählt. Und wir aus der Redaktion haben uns die Sprüche mal angeschaut und finden fünf von denen besonders interessant und gut. Und über die rede ich jetzt mit unserem Experten für Fußballkultur, mit Arno Orzessek, guten Tag!

Arno Orzessek: Guten Tag!

Wheeler: Fangen wir mal an: Von Welttrainer Jürgen Klopp gibt es eine Menge inhaltsstarker Analysen, aber auch viele, viele lockere und witzige Sprüche. Hiervon hören wir jetzt mal einen.

Sprecher Fußballsprüche: Ich hatte noch nie schon mit Anpfiff so viel Übergewicht im Mittelfeld. Jürgen Klopp als Trainer der BVB-Allstars beim Abschiedsspiel von Roman Weidenfeller.

Wheeler: Herr Orzessek, ist Klopp hier auf der Höhe seiner Wortkunst?

Intelligenzverdächtig, mit Schenkelklopfertendenz

Orzessek: Nein, ich glaube, Klopp, Kloppo, kann absolut mehr, aber das Niveau passt hier zum Anlass, das war ja eben dieses besagte Abschiedsspiel, und er coachte die BVB-Allstars, und davon waren einige schon deutlich jenseits der Midlifecrisis. Ich unterstelle jedoch, dass Klopp keine Urheberrechte auf diesen Spruch hat. Das muss in Altherrenteams einfach üblich sein, alles andere wäre ja bedenklich. Jedenfalls ein Wortwitz, also intelligenzverdächtig, mit Schenkelklopfertendenz, der nach dem fünften Pils allerdings für größere Erheiterung sorgt als vor dem ersten. Im Übrigen: Zu seinen späten BVB-Zeiten hatte Klopp selbst eine kleine Schwabbelwampe und hat gesagt: Sieht scheiße aus. Dieses Mal hat er es freundlicherweise anders ausgedrückt.

Wheeler: Also Jürgen Klopp kann sich auch auf die Schippe nehmen. Und er hat ja lange im Ruhrgebiet bei Borussia Dortmund gearbeitet. Bei Dortmunds Erzrivalen, Schalke 04, da ist der heutige Bayernprofi Leon Goretzka zum Nationalspieler gereift. Und der hat über seine Wurzeln ganz eigene Ansichten.

Sprecher Fußballsprüche: Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets, da antwortet man auf die Frage nach der Nationalität mit Schalke, Dortmund oder Bochum. Fußballprofi Leon Goretzka nach rassistischen Äußerungen einiger Fans beim Spiel der deutschen Mannschaft gegen Serbien in Wolfsburg.

Bedenkliche Situation, hochgradig dialektische Reaktion

Wheeler: Also das Ganze ist aus einer eher, sage ich mal, bedenklichen Situation entstanden, die Äußerung von Leon Goretzka. Welche Qualitäten hat dieser Spruch?

Orzessek: Ganz viele Qualitäten. Erstens das treuherzig aufgepinselte Lokalkolorit, Kind des Ruhrgebiets. Zweitens die Generosität, den graumäusigen VFL Bochum mit Schalke und Dortmund in einem Atemzug zu nennen. Drittens die hochgradig dialektische Qualität: Denkt man an schlagwütige Hooligans, klingt das mit Schalke und Dortmunder Nationalität nach Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln, denkt man aber an 80.000 liebe Fußballfans im Ex-Westfalenstadion, dann wäre dieser ironische Spruch eine Absage an politischen Nationalismus. Ich denke, AfD-Tunichtgut Björn Höcke wird sich Goretzkas Spruch ganz sicher nicht zu eigen machen können.

Wheeler: Und definitiv hat Leon Goretzka hier auch Qualitäten als mitdenkender Fußballprofi bewiesen. Auch der nun folgende Spieler könnte ein Junge des Ruhrgebiets sein, wenn Sie gleich hören, was er gesagt hat – ist er aber nicht. Jan Löhmannsröben heißt er auf jeden Fall und ist Hesse, spielt aktuell beim Regionalligisten Wacker Nordhausen. Einen Namen hat er sich aber gemacht, als er noch für den 1. FC Kaiserslautern kickte – und zwar mit einem Wutausbruch der ganz besonderen Art.

Digga, geh Cornflakes zählen!

Sprecher Fußballsprüche: Wenn das ein Schiri, ich weiß nicht, Digga, soll der Cornflakes zählen gehen. Jan Löhmannsröben, ehemaliger Spieler des 1. FC Kaiserslautern beklagt sich über ein nicht gegebenes Foulspiel.

Orzessek: Das ist definitiv ganz großes Tennis. Löhmannsröbens Spruch erfüllt die klassische Forderung nach Übereinstimmung von Inhalt und Form. Der Inhalt ist Wut und Verzweiflung, und die bietet Löhmannsröben in rhetorischen Doppelfigur von Aposiopese und Anakolut, also von Satzabbruch und Störung der grammatikalischen Bezüge. In dieser Kopplung ist das selbst bei Goethe kaum je nachgewiesen. Und dann die stilsichere Wahl der Slangvokabel Digga, dazu der herrliche Nonsens, Cornflakes zählen. Kein Wunder übrigens, dass sich Aldi Süd diesen Spruch in der Cornflakeswerbung zu eigen gemacht und gepostet hat. Löhmannsröben ist mein persönlicher Favorit.

Wheeler: Sie merken, Arno Orzessek ist nicht nur ein Fußballfan, ein Fußballfachmann, ein Fachmann für die deutsche Sprache ist er ohnehin auch anhand dieser Bewertung zum Spruch von Jan Löhmannsröben. Aber natürlich ist das Runde, was ins Eckige muss, längst nicht mehr nur Männersache – sowohl auf dem Platz, als auch bei den Unparteiischen. Bibiana Steinhaus, die kennen Sie sicherlich auch, die pfeift seit 2017 Erstligaspiele bei den Männern. Und auch sie trägt rhetorisch zur Fußballkunst in diesem Lande bei.

Bibiana Steinhaus beweist hochkulturellen Feingeist

Sprecherin Fußballsprüche: Die Zustimmungsrate für das, was ich tue, ist berechenbar. Elf sind dafür, elf sind dagegen. Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus in einem Interview des Frauenmagazins "Barbara".

Orzessek: Bibiana Steinhaus liefert hier einen astreinen Aphorismus ab, ein weiser Gedanke in einem prägnanten, in diesem Fall ironisch gefärbten Satz. Anders als in Löhmannsröbens Cornflakesspruch ist hier die hochkulturelle Qualität jedem sofort erkennbar. Der Aufbau ist perfekt: Erst die Abstraktion berechenbare Zustimmungsrate, dann die Konkretion. Elf dafür, elf dagegen. Steinhaus hat diesen Aphorismus übrigens in einem Gespräch mit dem Magazin "Barbara" gesagt, dem Testimonial von Barbara Schöneberger und damit, denke ich, mindestens deren Wortwitz erreicht. Ich meine, das könnte ein Klassiker des Schiedsrichterinnen- und Schiedsrichterwesens werden.

Auf dem Fußballfeld: Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus während eines Spiels (imago)Klare Entscheidungen auf dem Spielfeld, geschliffene Aphorismen im Interview: liefert die Schiedsrichterin Bibiana Steinhaus (rechts). (imago)

Wheeler: Habe ich auch wieder was dazugelernt, kannte ich bisher noch nicht, diese Zeitschrift. Was Bibiana Steinhaus bei den Schiedsrichterinnen ist, das war Imke Wübbenhorst, weniger bekannt der Name, bei den Trainerinnen. Als erste deutsche Frau coachte sie nämlich eine höherklassige Männermannschaft hierzulande. Ihr Engagement beim damaligen Fünftligisten BV Cloppenburg aus Niedersachsen dauerte allerdings nur ein gutes halbes Jahr, was möglicherweise auch mit dieser Äußerung von ihr zu tun hatte.

Sprecherin Fußballsprüche: Ich bin Profi, ich stelle nach Schwanzlänge auf. Imke Wübbenhorst, die erste Trainerin einer Oberligamannschaft der Männer auf die Frage, ob sie eine Sirene auf dem Kopf tragen werde, damit ihre Spieler schnell noch eine Hose anziehen könnten, bevor sie in die Kabine komme.

Sexismus mit ironischem Sexismus parieren

Orzessek: Laut dem Fußballfachmagazin "Brigitte" war das eine der schlagfertigsten und absolut geilsten Antworten in der Geschichte des Fußball. Und ich denke, sexistische Frage, noch sexistischere Antwort, diese aber als ultimativen Konter gegen männlichen Fußballchauvinismus. Historisch gesehen übrigens auch als Entgegnung auf Lothar Matthäus zu verstehen, der hatte einst – den Stürmerkollegen Adolpho Valencia im Sinn – Frauen entgegengerufen: Hey Mädels, unser Schwarzer hat einen so Langen. Und Wübbenhorsts aufgeklärter Feminismus, der rechnet mit all diesem souverän ab.

Wheeler: Und damit schließen wir das Buch der Fußballsprüche. Ich danke Ihnen, Herr Orzessek, dass Sie bei uns waren.

Orzessek: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

Michael Jahn: "Lucien Favre – Der Bessermacher" - So nah dran, wie man dem BVB-Trainer eben kommen kann
(Deutschlandfunk Kultur, Nachspiel, 22.09.2019)

Fußball und Kultur - Künstler mit Kick
(Deutschlandfunk Kultur, Nachspiel, 29.10.2017)

Integration im Fußball - Das Spiel ist bunt
(Deutschlandfunk Kultur, Nachspiel, 13.01.2019)

Nachspiel

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur