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Fazit / Archiv | Beitrag vom 15.02.2011

Die Berlinale Shorts

Kurzfilme auf der Berlinale

Von Susanne Burg

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Berlin im Festival-Fieber (picture alliance / dpa)
Berlin im Festival-Fieber (picture alliance / dpa)

25 Kurzfilme aus 21 Ländern treten in diesem Jahr im Wettbewerb um einen Bären an. In der Jury sitzen die amerikanische Fotografin Nan Goldin, der israelischen Regisseur Sam Spiegel und der tunesische Regisseur Ibrahim Letaief.

Männer in Uniformen, Hubschrauber, hohe Zäune – eine bedrohliche Atmosphäre liegt in der Luft. Ein junger Mann versucht, sich an Schöneres zu erinnern, an einen unbeschwerten Sommer, der einige Jahre zurückliegt. Das mit der Erinnerung klappt so halb: Man sieht Jugendliche auf Fahrrädern durch einen Vorort ziehen. Eine kohärente Geschichte ergibt sich aber nicht. Die Bilder folgen weniger der Narration als dem Rhythmus der Musik. "Scenes from the Suburbs" heißt der Halbstundenfilm von Spike Jonze, an dem die Indierocker Arcade Fire mitgewirkt haben.

Überhaupt erzählen nur wenige der Filme eine stringente Geschichte. Egal ob sechs oder 33 Minuten lang, viele der Berlinale-Shorts-Beiträge buchstabieren nicht aus, sondern deuten nur an, und zwischen den Zeilen entsteht der Rest. In einer kleinen Geschichte ein Bild von der Gesellschaft des heutigen Teheran zu erzählen, das schafft Jafar Panahi in "Untying the Knot". Wie in allen Sektionen der Berlinale ist der iranische Regisseur auch bei den Kurzfilmen vertreten.

"Das ist das, was 'Untying the Knot' so auszeichnet, man ist mittendrin."

Sagt Maike Mia Höhne, Kuratorin der Berlinale Shorts.

"Und das hat man noch nicht gesehen. Und man ist so: Wow, wie leben die hier eigentlich? Da geht’s eben um einen jungen Mann, der mit seiner Schwester den Teppich der Großmutter für die Aussteuer der Schwester verkaufen will und der sich in einem Labyrinth bewegt, um diesen Teppich loszuwerden. Man geht immer tiefer rein, man weiß gar nicht mehr, wo man ist. Es ist in einer Einstellung gedreht, und er hat in dieser Gleichzeitigkeit von Alltag trotzdem etwas Metaphorisches, Parabelhaftes drin. Man kann beides lesen sozusagen."

Ein deutscher Beitrag stammt von Konrad Mühe, Jahrgang 1982. Er hat sich sehr gründlich mit dem Filmmaterial seines Vaters beschäftigt, dem 2007 verstorbenen Schauspieler Ulrich Mühe. Zwölf Kinofilme und 48 Stunden Serien hat Konrad Mühe gesichtet und daraus eine Montage gebaut: die Videoarbeit "Fragen an meinen Vater". Die Fragen allerdings tauchen nicht auf. Sie formen sich im Kopf des Zuschauers, denn Ulrich Mühe rechtfertigt und wehrt sich gegen diese nicht ausgesprochenen Fragen. Konrad Mühe:

"Es ging mir nicht um den Wiedererkennungswert, sondern darum, ihn herauszulösen. Ist es möglich, eine Ebene zu schaffen, wo er weniger die Rolle ist sondern eine Person, wobei das natürlich auch nur ein Schein ist. Das ist eine Projektion, die ich gebaut habe, aber es ist natürlich weder er noch die Rolle, es ist was dazwischen."

Konrad Mühe hat Malerei studiert. Auch sein deutscher Berlinale-Shorts-Kollege Christian Jankowski kommt aus der Kunst. Das ist kein Zufall. Denn Künstler spielen ganz anders mit ihrem Material, sagt Maike Höhne. Und das ist interessant für die Berlinale Shorts. "Cleaning Up the Studio" von Christian Jankowski ist in Korea entstanden, im Nam June Paik Arts Center, wo der Kurator ihm erzählte,

"dass das New Yorker Studio aus der Broome Street in Manhattan in Container verfrachtet wurde und in Korea landete und mit ihm 4 oder 5 dicke Ordner, wo genau archiviert wurde, wie jeder Kabelsalat aussah und jedes Band und jeder Monitor hinzustellen sei. Es geht ja eigentlich darum, so einen Tempel für Nam June Paik zu bauen. Wie so viele Künstlerstudios gibt’s dann nach dem Tod so eine Pilgerstätte. Im musealen Raum ein eigenes Genre gebildet. Und das hat mich gereizt, mit diesem Genre und mit diesem Material zu arbeiten und ein neues Genre zu bauen."

Konzept- und Videokünstler Christian Jankowski hat also die koreanische Putzfirma "Beautiful Cleaning" angerufen und ihnen erklärt:

"Das ist ein Studio, das sieht wild aus, das muss dringend mal aufgeräumt werden. Und dann haben die gesagt, ja was meinen Sie, wie viele Leute bräuchte das? Und die haben fünf Stunden zu viert rumgewerkt und hinter dieser Kamera, die wir aufgebaut haben, um das mitzufilmen, gab’s ne ganze Gruppe von Museumsmitarbeitern und Archivaren, die mit Videokameras und Skizzen versucht haben, das nachzuzeichnen, was der Putzdienst durcheinander bringt oder in Ordnung bringt – je nach Perspektive auf das Chaos."

Christian Jankowski filmt, wie Menschen in lila Kitteln Sprühflaschen aufreihen, Kisten umsortieren und Staub wischen. Was davon ist inszeniert, was authentisch? Erst als am Ende der größere Raum des Museums zu erkennen ist, wird klar: das ist eine Kunstaktion. Witzig, klug und unterhaltsam erzählt.

Selbstbewusst gibt sich der kurze Film im Jahr 2011. Im fünften Jahr der Berlinale Shorts hat sich alles fügt: Die Bären werden nicht mehr separat, sondern mit allen anderen am kommenden Samstag vergeben. Das Programm ist vielfältiger denn je und die Sektion hat den Spagat geschafft zwischen Nachwuchsförderung und bekannten Namen. Die amerikanische Fotografin Nan Goldin sitzt in der Jury – und im Augenblick gibt Maike Höhne ein Interview nach dem anderen: denn für Spike Jonzes Film "Scenes from the Suburbs" reist morgen große Prominenz an: Die Band Arcade Fire kommt frisch von den Grammy-Verleihungen in Los Angeles.

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