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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 26.03.2009

Die bekannteste Platte

Berlin-Marzahn wird 30

Von Martin Reischke

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Abreißen, Rückbauen oder Sanieren - das ist die Frage in Berlin-Marzahn (AP)
Abreißen, Rückbauen oder Sanieren - das ist die Frage in Berlin-Marzahn (AP)

Zu DDR-Zeiten war der Berliner Bezirk Marzahn ein Stadtteil der Superlative: 1979 als Erster Stadtbezirk Ost-Berlins neu gegründet, wurde er schnell zur größten Plattenbausiedlung des Landes. Viele Jahre war Marzahn auch Berlins jüngster Bezirk - doch diese Zeiten sind längst vorbei. Das Durchschnittsalter der Bewohner steigt inzwischen rapide und die Bezirkspolitik ändert sich.

Joe Rilla (Album: Aus der Platte auf die Platte):
"Willst du Stress haben – Junge, fahr nach Marzahn
Geht’s dir besser – Junge, fahr nach Marzahn
Hast du ein Messer – Junge, fahr nach Marzahn
Bist du Verbrecher – Junge, fahr nach Marzahn"

Marzahn muss die Hölle sein.
Ein Hort des Bösen.
Ein Ort der Gewalt.
Ein gesichtsloses Vorstadt-Ghetto, wo marodierende Jugendliche Angst und Schrecken verbreiten.

Joe Rilla: "Fahr dieses Ding, geb dir die Höhe, komm mit schon Junge – nach Marzahn! - Come on and over here – Komm mit mir nach Marzahn Junge! ...”"

Wer seine Vorurteile über den Ostberliner Stadtteil bestätigen will, fährt am besten direkt in die Alte Hellersdorfer Straße. Dort stehen zwei graue Hochhäuser. Einige Fenster sind vernagelt, die Wände mit Graffiti besprayt. Wohnen tut hier schon längst niemand mehr.
Für Rapper wie den gebürtigen Marzahner Joe Rilla ist eine Kulisse wie diese bestens nutzbar. Bezirksbürgermeisterin Dagmar Pohle findet das ärgerlich.

Dagmar Pohle: ""Und wenn sich dann der Rapper davor stellt und erklärt, das ist Marzahn-Hellersdorf, dann ist das einfach ungerecht. Es ist real, aber es ist eben nicht der Bezirk."

Nur: Wenn das nicht der Bezirk ist – was ist es dann?
Vielleicht ein Nachmittag mit Moderator Siggi Trzoss, der an diesem Sonntag im März ins Freizeitforum Marzahn eingeladen hat.

Die meisten Zuschauer im großen Saal des Freizeitforums sind Rentner. Was sie erwartet, ist eine Castingshow für Senioren. Fröhlich, gemütlich und zum Mitklatschen.

14 Männer und Frauen wetteifern an diesem Nachmittag mit Tänzen, Liedern und Gedichten um den Sieg beim Berliner Landesausscheid. Sie kommen aus allen Teilen der Stadt. Aber nicht jeder hat auch Freunde mitgebracht.

Siggi Trzoss: "Ich habe vergangenes Jahr eine Tanzgruppe auf der Bühne gehabt und mir gar nichts dabei gedacht, als ich sagte: So, 14 junge, gut aussehende Damen, wo sind denn ihre Männer, und ihre Freunde? – Und da sagt die Chefin: Wir haben nicht einen Mann mit – Ich sage: Warum denn nicht? – Von unseren Männern wollte keiner aus Charlottenburg und Schöneberg nach Marzahn."

Von der Lebensqualität in Marzahn sind Außenstehende offenbar nur schwer zu überzeugen. Diese Erfahrung hat auch Frank Bielka gemacht, Vorstand des städtischen Wohnungsunternehmens degewo, das rund 18.000 Wohnungen in Marzahn verwaltet.

Frank Bielka: "Die großen industriell gefertigten Siedlungsgebiete im Osten der Stadt sind Siedlungen, die in erster Linie für Bewohner in diesen Quartieren attraktiv sind. Das heißt, wenn man umzieht, zieht man auch innerhalb des Quartiers um, aber von außen kommen relativ wenige dazu. Das heißt, die Menschen fühlen sich da wohl, aber die Außensicht ist häufig kritischer."

Wer neu nach Marzahn kommt, ist deshalb häufig überrascht, wie wenig die Stereotypen zum tatsächlichen Bild des Bezirks passen, erzählt Karin Scheel. Sie wohnt im hippen Friedrichshain, doch tagsüber arbeitet sie als Leiterin der Galerie M – mitten in der Marzahner Großsiedlung.

Karin Scheel: "Also so wie ich diesen Bezirk erlebe, ist es eigentlich ein städtischer Raum, der mich fast an dörfliches Leben erinnert, weil es doch sehr gepflegt ist, also das ist nicht so, dass man denkt, man ist hier in irgendwelchen grottigen Endsiedlungen, hinter denen irgendwie bloß noch die große Ödnis beginnt."

Dörfliches Leben – das war für Jahrhunderte der Alltag in Marzahn. Bis in die 70er-Jahre war der Ort geprägt von bewirtschafteten Feldern, die den historischen Dorfkern mit der gelben Backsteinkirche umgaben. Moderator Siggi Trzoss kann sich noch gut an die Arbeit in der örtlichen LPG erinnern, der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft.

Siggi Trzoss: "Hier in Marzahn hatte ich den polytechnischen Unterricht in der LPG, wir haben immer gesagt: LPG 'Rote Rübe' zu DDR-Zeiten war das, da haben wir – strip-strap-strull, ist der Eimer noch nicht voll – Kühe gemolken, ja, und wenn ich heute durch das Alt-Marzahn gehe, dann sage ich: Hier war die LPG 'Rote Rübe' – die hieß ganz anders, ja, aber so hat man natürlich schon eine ganze Menge Erlebnisse, und das verbindet auch, weil man das ja dann auch den Zuschauern kundtun kann. Wissen se noch, da war das, und da war der Fleischer, den gibt’s heute auch nicht mehr, und die Kirche, die ist ja sehr schön geworden, und die Schule, die in Alt-Marzahn… Ein O-Bus, wissen noch, was ein O-Bus war? Nee, wa? Ein Oberleitungsbus mit Oberleitungen, der ist von der Stadt nach Marzahn raus gefahren, war energiesparend."

Doch mit der Ruhe und Beschaulichkeit ist es schon bald vorbei. Auf dem VIII. Parteitag 1971 verkündet die SED die neuen Ziele der Wohnungspolitik in der DDR. Bis 1990 soll das Wohnungsproblem gelöst sein, allein in Berlin sind deshalb mehr als 200.000 neue Wohnungen geplant. Wichtigster Pfeiler des ambitionierten Planes in der Hauptstadt: der Neubau der Großsiedlung Marzahn.

Auf dem Modell im Bezirksmuseum wirkt die Großsiedlung noch recht überschaubar. Weil aber immer mehr Wohnungen her mussten, hatten sich die Planungen schon bald überholt, sagt Historikerin Christa Hübner.

Christa Hübner: "Was man an dem Modell sehen kann, ist, dass ursprünglich drei Wohngebiete geplant waren, Wohngebiete 1, 2, und 3, 35.000 Wohnungen für 100.000 Einwohner, das ist dann ja deutlich mehr geworden, aber an dem Modell ist dann weiter gearbeitet worden, man hat dann neue Wohngebiete, die zusätzlich geplant worden sind, dazugetan, und dann kam so ein Kuriosum: Irgendwann war die Platte, auf dem sich das befindet, zu Ende und Marzahn Nord z.B. ist nicht mehr drauf."

Es war die Zeit der Provisorien. Schon 1977, zwei Jahre vor der offiziellen Gründung des neuen Bezirks, sind die ersten Wohnungen bezugsfertig. Mit den Straßen und Fußwegen allerdings dauert es oft ein wenig länger. So wird die Anfangszeit zu den "Gummistiefeljahren" – ein Dauerkampf gegen den Lehm, der Marzahn bei Regen zu einer einzigen Schlammpfütze machte.

Gerd Cyske: "Deshalb sagte man damals: Man erkennt die ersten Marzahner daran, an ihren Schuhen. Ich kann mich besinnen unsere erste Oberschule, die wir aufgemacht haben, am Murtzahner Ring, hat als erstes einen Raum bereitgestellt mit Plätzen, wo die Kinder, wenn sie in die Schule kamen, die Schuhe gewechselt haben, weil sie sonst mit dem Saubermachen der Schule nie zurechtgekommen wären."

Gerd Cyske hat den Bezirk wachsen sehen. Elf Jahre lang war er Bürgermeister des jungen Hauptstadtbezirks, der sich schnell zum kinderreichsten in der ganzen Republik entwickelte.

Gerd Cyske: "Wir haben damals, haben wir 58 neue Schulen gebaut, davon sind ich glaube so 15 bis 20 bereits wieder abgerissen worden, damals brauchten wir die, wir mussten sogar zusätzliche Kindergärten bauen, weil die Normen, nach denen gebaut wurde, also auf 1000 Wohnungen so und so viele Kindergartenplätze, so wird ja das in den Neubaugebieten gebaut, die passten bei uns alle nicht."

Vor allem junge Paare mit ihren Kindern zogen damals nach Marzahn. Doch die Kinder sind längst groß geworden, viele haben Marzahn heute verlassen. Betrug der Altersdurchschnitt im Bezirk zu Wendezeiten noch rund 30 Jahre, so liegt er heute schon bei über 40. Damit ist Marzahn-Hellersdorf zwar noch immer einer der jüngsten Bezirke Berlins – doch die Alterung geht rapide weiter.

Frank Bielka: "Wir haben natürlich eine Entwicklung, bei der die Menschen, die dort eingezogen sind vor 30 Jahren sich wohl fühlen, auch da bleiben möchten, aber auch älter werden und das bedeutet, dass wir so eine ganze Alterskohorte langsam haben, die durchwächst und jetzt so langsam in das Rentenalter eintaucht."

Seit 2006 ist altersgerechtes Wohnen deshalb ein Schwerpunkt in der Bezirkspolitik. Städtische Wohnungsunternehmen wie die degewo haben sich auf die neue Altersstruktur ihrer Mieter längst eingestellt, erzählt Vorstand Frank Bielka.

Frank Bielka: "Wir haben für seniorengerechtes Wohnen spezielle Wohnungen gebaut, umgebaut, modernisiert, auch mit den entsprechenden Erleichterungen, die man dann hat, also von der Magnetkarte zum Öffnen der Tür bis hin zu den Fensterknäufen, die günstiger angebracht worden sind oder den Steckdosen oder den Bädern, die eben seniorengerecht ausgebaut worden sind - alle die Maßnahmen haben dazu geführt, dass die Häuser, in denen wir das gemacht haben, sich einer extremen Beliebtheit erfreuen, wir sind in den Bereichen total ausgebucht."

Vor 30 Jahren wäre das eine Selbstverständlichkeit gewesen. Wohnraum war in der DDR knapp, die neuen Marzahner Wohnungen mit eigenem Bad und Zentralheizung deshalb heiß begehrt. Heute dagegen kämpft der Bezirk gegen den Leerstand – auch deshalb, weil noch nach der Wende zügig weitergebaut wurde.

Frank Bielka: "Natürlich hat man in Berlin vor 20 Jahren gedacht, dass in kurzer Zeit eine Million Einwohner mehr in der Stadt sein würden, das waren ja auch die Prognosen der offiziellen Prognostiker, und es ist Wohnungsnot prognostiziert worden. Und vor diesem Hintergrund hat es ja große Bauprogramme gegeben, auch in Marzahn, für Neubauten, die in den 90er-Jahren entstanden sind. Und dann hat man auf einmal festgestellt, die Prognosen sind ja gar nicht zutreffend, und dann begannen die Leerstände in bestimmten Bereichen. Ich glaube, für die meisten Menschen, die eigentlich gelernt haben, dass Wohnungen ein sehr knappes und sehr wertvolles Gut ist, ist es kaum nachzuvollziehen, dass man Wohnungen abreißt."

Eine bizarre Situation: Kaum war der neue Stadtteil zu Ende gewachsen, begann an einigen Stellen auch schon der Rückbau. Rund 3500 Wohnungen sind seit der Wende wieder abgerissen worden. Verstärkt wird das Leerstandsproblem in der Großsiedlung dadurch, dass viele Leute lieber ins eigene Häuschen im Grünen ziehen – schon ein Drittel der Bewohner vom neuen Großbezirk Marzahn-Hellersdorf wohnt heute nicht in der Platte, sondern in den Siedlungsgebieten mit Ein- und Mehrfamilienhäusern.

Beim Gedanken an den Abriss der Plattenbauten wird der frühere Bürgermeister Gerd Cyske etwas melancholisch.

Gerd Cyske: "Das tut schon ein bisschen weh, nicht, wenn man weiß, mit wie viel Engagement damals alles aufgebaut worden ist – aber ich sage andererseits: Viele Wohnungen leer stehen lassen ist schlimmer, als wenn man dazwischen dann mal ein Haus abreißt, und damit den Leerstand reduziert, sonst sieht das noch furchtbarer aus."

Doch die Geschichte von Marzahn ist nicht nur vom Aufstieg und Niedergang einer sozialistischen Großsiedlung. Denn die Leerstellen im Stadtbild, die durch den Wegzug vieler früherer Bewohner und das Aus zahlreicher Industriebetriebe nach der Wende entstanden sind, schaffen auch Platz für neue, ungewöhnliche Initiativen.

Zum Beispiel das ORWO-Haus, für viele die "lauteste Platte der Stadt". Wo früher der volkseigene Betrieb Filme und Fotozubehör produzierte, proben heute fast 200 Bands auf sechs Etagen – etwa die Berliner Pop-Rock-Gruppe "Pony Montana".

Andreas Otto: "Das Besondere an diesem Haus ist eigentlich, dass es mitten im Industriegebiet liegt und man hier wirklich ungestört proben kann, es gibt Tageslicht in allen Probenräumen, nebenan gibt es nur die große Landsberger Allee und man hat keine unmittelbaren Nachbarn, die sich dann gestört fühlen."

Trotzdem seien viele Musiker erstmal alles andere als begeistert, wenn sie von der Lage des ORWO-Hauses hören, erzählt Andreas Otto, der Sprecher des Hauses.

Andreas Otto: "Die meisten, die hierherkommen, die beschweren sich schon darüber, dass es soweit draußen liegt, aber die meisten, die hier dann auch im Haus sind, und das Haus von innen sehen, und das einfach mitkriegen, was hier so passiert, die sind vom Projekt so begeistert, dass es dann auch ganz egal ist, wo das steht."

Fünf Kilometer weiter nordöstlich, am anderen Ende des Bezirks, hat der Leerstand zu neuen Wohnformen geführt, die mit der Tristesse grauer Betonwüsten nichts mehr gemein haben.

Frank Bielka: "Hier hat man ja was ganz Neues gemacht, man hat keinen Totalabriss vorgenommen oder mal einzelne Häuser stehen lassen, sondern man hat sie alle in der Höhe reduziert, eben terrassenförmig reduziert, mit einem erheblichen Modernisierungsaufwand noch mal im Inneren, obwohl die Häuser ja gar nicht so alt sind, mit großzügigen Terrassen – daher der Name – und mit dem Ergebnis, dass wir hochzufriedene Mieter haben."

Längst gelten die Ahrensfelder Terrassen, wie die drei- bis sechsgeschossigen Gebäude in der Havemannstraße genannt werden, als schillernde Erfolgsgeschichte des Bundesprogramms Stadtumbau Ost. Die terrakottafarbenen Wohnungen verleihen dem Viertel eine mediterrane Leichtigkeit, die ziemlich surreal wirkt inmitten der teilweise noch unsanierten grauen Elfgeschosser, die das Ensemble umgeben.
Doch die Wohnraumverbesserung ist teuer erkauft. 30 Millionen Euro sind in die Ahrensfelder Terrassen geflossen – das Projekt sei deshalb ein Prototyp, der aufgrund der Kosten niemals in Serie gehen könne, spotten Kritiker.
Eines jedoch hat das Projekt auf jeden Fall geschafft: Es hat dem Bezirk positive Aufmerksamkeit beschert – und in Marzahn Nordwest einen neuen Bürgerstolz entfacht, der fast schon vergessen schien.

Aber auch Erfolgsgeschichten wie die Ahrensfelder Terrassen können nicht verbergen, dass der Stadtteil sozioökonomisch kleinräumlich segregiert ist – die Wohlstandsinseln sind umgeben von großen Gebieten, die von der Mehrheitsgesellschaft längst abgehängt wurden.

Hans Panhoff: "Also wenn Sie den Grundschuleinzugsbereich nehmen der hier mitten im Gebiet gelegenen Selma-Lagerlöf-Grundschule, haben Sie das Phänomen, dass bei der Neueinschulung alle Schüler befreit werden von den Lernmitteln, das heißt also, alle kommen aus Haushalten, die entweder arbeitslos sind oder Hartz-IV-Bezug haben, oder anderweitig sozial und ökonomisch schwach, s dass da niemand seine Schulbücher mehr selbst bezahlen kann."

Damit der soziale Zusammenhalt im Viertel nicht weiter erodiert, kümmert sich seit mittlerweile zehn Jahren ein Quartiersmanager um die Probleme des Viertels. Hans Panhoff koordiniert aber auch Projekte wie etwa die "Fantasiereise", bei der schon Vorschulkinder fremde Kulturen kennenlernen. Denn nicht nur die wachsenden sozialen Unterschiede stellten die Bevölkerung des Viertels nach der Wende vor neue Herausforderungen, sagt Panhoffs Chefin Cornelia Cremer.

Cornelia Cremer: "Ich denke, was auch neu war in den 90er-Jahren war der Zuzug von Menschen aus den Republiken der ehemaligen Sowjetunion, eben dadurch dass hier Wohnungen vakant wurden, konnte man hier auch gut nachfragen, und ich denke, dass es für eine bis dato doch eher ethnisch homogene Quartiersgesellschaft auch etwas Neues war, sich jetzt mit Menschen auseinanderzusetzen, die einen Migrationshintergrund hatten."

Wenn Cornelia Cremer auf die vergangenen zehn Jahre schaut, so ist es keine spektakuläre Erfolgsgeschichte, die sie zu erzählen hat. Was sie beobachtet, ist eher eine neue Gelassenheit.

Cornelia Cremer: "Mein Blick darauf, was sich konkret verändert hat, ist, dass die Unterschiedlichkeit, also die heterogene Quartiersgesellschaft, viel stärker gesehen wird, im Stadtbild viel stärker gesehen wird und nicht mehr als aufmerkenswert empfunden wird, das ist ein Stück Normalität geworden."

Es ist wohl dieser gelassene Umgang, den sich die Marzahner auch von Außenstehenden am meisten wünschen. Seit 30 Jahren schließlich ist der Ort ideologisch überhöht worden: Zu DDR-Zeiten galt Marzahn als Idealtyp der sozialistischen Großsiedlung, nach der Wende wurde der Bezirk zum Symbol des städtebaulichen Versagens eines untergegangenen Gesellschaftssystems. Falsch sind beide Einschätzungen.

Um mit den bestehenden Vorurteilen aufzuräumen, haben die gebürtigen Marzahner Frank Pischke und Alexander Stahn das Modelabel "Marzahn Wear" gegründet. Das erste T-Shirt ihrer Kollektion zeigt zwei markante Hochhäuser, davor den Schriftzug "Marzahn – don’t mess with", was sich am besten übersetzen ließe mit der Aufforderung, den Marzahnern besser nicht noch einmal dumm zu kommen mit überholten Klischees.

Frank Pischke: "Und dieses 'Don’t mess with' verkörpert unsere Gelassenheit so ein bisschen dem gegenüber, also: Wir haben das alles schon gehört, das prallt schon an uns ab."

So spielen die Modemacher mit dem Gangster-Image des Bezirkes. Was dann kam, war fast abzusehen.

Frank Pischke: "Diese Verwunderung, Mensch, was kommt denn da, da kommt ein Modelabel aus Marzahn, das ist ja total irre eigentlich, damit rechnet keiner, und so führte dann eins zum anderen, wir waren in aller Munde, und plötzlich stand Marzahn für etwas Positives, so wie wir es halt auch wollten – positive Aufmerksamkeit auf Marzahn richten."

Auch degewo-Chef Frank Bielka hält wenig von alten Stereotypen und ideologischer Überhöhung. Er ist Pragmatiker – und glaubt, dass die flächendeckende Ablehnung der Großsiedlung schon bald ein Ende haben wird.

Frank Bielka: "Ich gehe davon aus, dass sich die Wohnungsknappheit in Berlin verstärken wird, und das heißt, auch Leute, die vielleicht im Moment nicht daran denken, nach Marzahn zu gehen, werden eines Tages entdecken, dass die Mieten relativ günstig sind dort und dass die Verkehrsanbindung in die Stadt nicht schlecht ist, und dass die Wohnungen einen guten Schnitt haben und dass Grünanlagen auch vorhanden sind und Schulen. Die Barriere, die vielleicht da ist, um dorthin zu gehen, wird überwunden werden, weil auch viele Quartiere im innerstädtischen Bereich nicht mehr Wohnungen in diesem Umfang anbieten werden, das glaube ich wird die Sache vereinfachen. Und wir merken jetzt bereits, dass wir eine recht gute und stabile Vermietung haben, unser Leerstand ist gesunken auf 7 Prozent, das ist im Moment stabil und steigt auch nicht weiter an, also ich bin langfristig da überhaupt nicht pessimistisch."

Auch die meisten Marzahner sind es nicht, wenn ihr Bezirk in diesem Jahr 30 Jahre alt wird. Deshalb wird gefeiert, selbst wenn viele Nicht-Marzahner wieder einmal nicht verstehen werden, was es da zu feiern gibt. Um die Befindlichkeit des Stadtteils zu begreifen, geht man am besten noch einmal zurück zum Grand Prix "Goldener Herbst" ins Freizeitforum Marzahn. Dort steht Sänger Gary alias Gerhard Pusenjak auf der Bühne, und dessen Frank-Sinatra-Interpretation trifft das Lebensgefühl des Bezirks vielleicht am Besten.

Gerhard Pusenjak / "My Way" :
"I lived a life that’s full, I travelled each and every Highway, oh no, much more than this – I did it my way …"

Marzahn ist seinen eigenen Weg gegangen. Erst kam der Aufstieg. Dann der drohende Niedergang. Und nun die neuen Ideen. Die Marzahner wissen das natürlich. Nun fehlt nur noch, dass auch die anderen endlich einmal etwas genauer hinschauen.

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