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Profil / Archiv | Beitrag vom 14.11.2011

Die Bedeutung der Plastiktüte

Künstlerin Ida-Marie Corell spielt mit den Symbolen der Konsumgesellschaft

Von Jörg Oberwittler

Ida-Marie Corells Kunst kreist um das Material Kunststoff.  (picture alliance / dpa / Arne Meyer)
Ida-Marie Corells Kunst kreist um das Material Kunststoff. (picture alliance / dpa / Arne Meyer)

In ihren Performances tanzen Frauen in Kleidern aus Plastiktüten. In ihren Ausstellungen schmückt Ida-Marie Corell ganze Säle damit. Nun spürt die gebürtige Münchnerin auch wissenschaftlich dem Phänomen dieses Stoffes in einem Buch nach.

Ganz in Schwarz zeigt sich Ida-Marie Corell bei ihrer Buchpräsentation in Berlin: schwarze Highheels, schwarze Leggins und als "Mini-Kleid" – eine schwarze Plastiktüte. Die 27-Jährige trägt sie mit einer unglaublichen Grazie. Die Stimme tief, der Blick selbstbewusst. Schwarz gibt ihr Sicherheit.

"Es ist schon eher meine Farbe. Ich meine, es kommt daher, dass ich so viele Farben in meinem Kopf habe. Dass ich irgendwie um mich herum Stille brauche. So eine Art Ruhe. Wenn ich zum Beispiel Rot trage, flimmert das unangenehm."

... erklärt sie einen Tag später in ihrer Atelier-Wohnung in Berlin-Kreuzberg. – Der Anfang des Gesprächs ist schwierig: Ida-Marie Corell rückt mit dem Stuhl immer weiter weg vom Mikrofon. Der Poppschutz aus Schaumstoff mit der Deutschlandradio-Farbkombination Blau-Orange tut ihr in den Augen weh.

"Die geht gar nicht! Können Sie ruhig mal Ihren Kollegen sagen! Dunkelblau und Dunkelrot wäre zum Beispiel schön."

Weiter im Gespräch – diesmal mit einem schwarzen Poppschutz. Die gebürtige Münchnerin ist Synästhetin. Alle Sinne sind im Kopf miteinander verknüpft. Jede Farbe löst bei ihr einen Geruch, einen Geschmack, ein Gefühl aus – außer Blau.

"In meinem Kopf existiert kein Blau. Es existiert ganz viel Rot. Das A ist rot, das B ist rot. Die Acht ist rot. Montag und Mittwoch sind rot."

Doch ausgerechnet die blaue Plastiktüte des Möbelhauses IKEA war Auslöser für ihre Promotion. Kein trockenes Thema, sondern unterhaltsamer Stoff – über Kunststoff:

"Die Arbeit hat viel Ironisches natürlich. Na klar, haben mich die schon immer beeindruckt, die Plastiktüten, aber ich glaube, das ist eher ein bisschen ein Spaß auch, sich daraus zu machen." (lacht)"

Herausgekommen ist eine Kulturgeschichte über das "Alltagsobjekt Plastiktüte": von der Produktion, über die Allgegenwart im Alltag als Gebrauchsgegenstand bis hin zum Symbol der Überflussgesellschaft. Bereits als Dreijährige begeistert sie sich für die bunten Tüten, wie ein Foto in ihrer Doktorarbeit zeigt. Neugierig streicht ein kleines rothaariges Mädchen mit Zopf über eine rot-weiße Tüte. Das Künstliche, Unnatürliche fasziniert sie.

" "Ich selbst bin in München eigentlich aufgewachsen. Was jetzt nicht das Schönste war (lacht). Weil die Stadt München irgendwie ... ja ... wir mögen uns glaub' ich nicht (lacht). Aber ich bin sehr gut aufgewachsen, in einem sehr guten Familienverhältnis aufgewachsen."

Der Vater, ein Norweger, ist Produktmanager, die Mutter Grafikdesignerin. Ida wächst als Nesthäkchen mit zwei älteren Brüdern auf. Aber München ist für sie zu "playmobilhaft": aufgeräumt, langweilig, spießig. Wien fasziniert sie mehr.

"In Wien kannte ich niemanden, und da dacht ich mir, kann ich jetzt mal so eine Aufnahmeprüfung machen (lacht). Irgendwie die Mentalität der Wiener hat mir zugesprochen."

Sie studiert Bühnen- und Filmgestaltung an der Universität für Angewandte Kunst. Die IKEA-Plastiktüte begegnet ihr bei Praktika immer wieder: Auf den Schultern von Kostümbildnern, in den Händen von Requisiteuren. So entstand das 300-Seiten-Werk. Darin zeigt Ida-Marie Corell nicht nur die gesellschaftspolitische Bedeutung der Plastiktüte – sie interessiert sich immer auch für Plastik als Material für Kunst.

"Ich bind mal schnell den Rock richtig fest, damit man das sieht."

An einer Schneiderpuppe hat sie in ihrer Atelierwohnung einen Rock aus schwarzer Plastiktüte drapiert. Als Kragen dient eine Plastikfolie mit großen Luftkissen, der an einen weißen Stehkragen wie auf einem Bild von William Shakespeare erinnert. Beides streift sie über:

"Ich hab jetzt gerade keinen Spiegel, aber so sollte er sein."

Außerdem malt sie Bilder, zeigt darauf nicht nur Plastiktüten, sondern gern Menschen und Fantasiegestalten. Und sie macht Collagen: fotografiert sich nackt, schneidet das Bild aus und stellt es in eine durchsichtige Obsttüte. In ihrer Kunst ist immer auch ein ironisches Augenzwinkern, eine Kritik an der Wegwerfgesellschaft erkennbar. Mittlerweile schwimmt zum Beispiel im Pazifik nördlich von Hawaii ein ganzer Teppich aus Plastikmüll – doppelt so groß wie Texas.

"Ich find's wahnsinnig faszinierend, dass das möglich ist. Also, dass man sooo einen Produktionswahnsinn betreibt, dass dabei vergessen wird: Wo geht denn das alles hin?"

Plastik – das ist für sie zwar Kunst, im Alltag will sie es aber vermeiden. Ihre Promotion hat die ambitionierte Künstlerin mit 27 bereits hinter sich. Seit drei Jahren lebt sie in Berlin: Hier will sie nun auch ihre Malerei voranbringen – und sie singt. Klingt nach großen Plänen ...

"Nee, ich hab keine Pläne. Naja, Langzeitpläne schon. Aber jetzt so ... Ich hab so Ideen. Also, ich möchte auf jeden Fall natürlich hauptsächlich die Musik – also, da würde ich gern so erfolgreich sein, dass ich damit mein Geld verdienen kann. Natürlich auch mit den freien Arbeiten. Das ist eigentlich mein Ziel."

Service:
Das Buch "Alltagsobjekt Plastiktüte" von Ida-Marie Corell ist im Springer-Verlag Wien erschienen. Es kostet 34 Euro.

Homepage von Ida-Marie Corell

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