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Interpretationen | Beitrag vom 16.06.2019

Die Antiken-Operetten von Jacques OffenbachGriechenland ist ein Vorort von Paris

Gast: Michael Stegemann, Musikwissenschaftler; Moderation: Olaf Wilhelmer

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Ein realistisches fotoähnliches Porträt des älteren Komponisten, der seine Nickelbrille trägt (Rheinisches Bildarchiv Köln)
Aus der Perspektive des Spottvogels: Der Komponist Jacques Offenbach um 1870 (Rheinisches Bildarchiv Köln)

Der Blick schweifte in die Ferne, aber das Ziel lag in der Nähe: Wenn Jacques Offenbach eine Operette im alten Griechenland ansiedelte, war das moderne Paris gemeint. Seine Zeitgenossen spielten dieses Spiel nur allzu gerne mit – und wer sich darin wiederfand, konnte stolz darauf sein.

Er kam aus Köln, aber was er war, das konnte er nur in Paris werden: Über zwei Jahrzehnte hinweg hielt Jacques Offenbach die französische und zugleich "Hauptstadt des 19. Jahrhunderts" mit immer neuen Musiktheaterwerken in Atem. Er schrieb rund 140 Werke für die Bühne, von denen nur eines einen Stammplatz auf den Spielplänen erlangte: "Les contes d’Hoffmann" ("Hoffmanns Erzählungen", 1877-1880), sein letztes Werk und sein einziges Bühnenwerk, das nicht dem komischen Genre verpflichtet ist.

Hier geht es zur Playlist der Sendung.

Wie steht es bei Offenbach um das, was hierzulande Operette heißt, von Offenbach aber oft als "opéra bouffe" bezeichnet wurde? Sind diese Werke, die fast ausschließlich zwischen 1850 und 1870 entstanden, untrennbar mit dem Second Empire Napoleons III. verbunden? Sind sie so anspielungsreich, dass man sie heute kaum noch verstehen kann? Oder zeigt sich in ihnen gerade das Zeitlose menschlicher Verhaltensweisen?

Spottvogel und Gegenpapst

Siegfried Kracauer, der 1937 eines der wesentlichen Bücher über Offenbach schrieb, sah den Komponisten (und mit ihm seine kongenialen Librettisten) aus der "Spottvogelperspektive" arbeiten; er erklärte den seinerzeit sensationellen Erfolg einer Parodie auf die griechische Antike damit, dass diese "wie im Spiel die Fundamente der gegenwärtigen Gesellschaft bloßlegte und so die Bourgeoisie dazu veranlassen mochte, der Natur ihres eigenen Daseins inne zu werden."

Ein anderer großer Offenbach-Interpret dieser Zeit – Karl Kraus – notierte, dass in den Werken des Wahl-Parisers "das Leben beinahe so unwahrscheinlich ist, wie es ist". Ralf-Olivier Schwarz, der den heutigen Erkenntnisstand zu Offenbach in einem "europäischen Porträt" zusammenfasst, dokumentiert in seinem Buch, wie eine der Antiken-Parodien sogar als Gegenentwurf zu einer päpstlichen Enzyklika aufgefasst werden konnte.

Treue und Untreue

Offenbach und die Antike, das heißt: "Orphée aux enfers" ("Orpheus in der Unterwelt", 1858/1874) und "La belle Hélène" ("Die schöne Helena", 1864) – das sind Werke, die vor allem wegen ihrer "Greatest Hits" im Gedächtnis geblieben und vielfach eingespielt worden sind. Darunter befinden sich auch zahlreiche Kuriositäten, den näselnden und stets kunstvoll an der falschen Stelle atmenden Theo Lingen als Darsteller des "Hans Styx" inbegriffen.

Wie wirken diese Interpretationen heute auf uns? Was tragen sie zum Verständnis der Werke bei? Wie können überhaupt Stücke, die Offenbach den jeweils vorhandenen, oft beschränkten Theater-Möglichkeiten virtuos anpasste, "werktreu" interpretiert werden? Und was kann die historisierende Aufführungspraxis dazu beitragen? Diese und andere Fragen stellen sich rund um den 200. Geburtstag von Jacques Offenbach.

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