Die Anfänge des Christentums

    Ein Sammelsurium von Tradition

    17:14 Minuten
    In einer Kirche hält eine Gläubige eine Kerze, die mit dem Bild von Jesus verziert ist.
    Was hat das Christentum mit dem historischen Jesus zu tun? Dieser Frage geht der Historiker Johannes Fried nach. © picture alliance / abaca / Abd Rabbo Ammar
    Johannes Fried im Gespräch mit Winfried Sträter · 26.05.2021
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    Der Glaube an Jesus Christus und an seine Auferstehung nach dem Kreuzestod ist das Fundament des christlichen Glaubens. Für den Historiker Johannes Fried hat dieser Glaube jedoch nur bedingt etwas mit dem historischen Jesus von Nazareth zu tun.
    Ganz neu war der Glaube an die Auferstehung eines Menschen zur Zeit Jesu nicht. Der römische Kaiser Augustus etwa fuhr nach damaliger Vorstellung als Adler in den Himmel auf. Und der Auferstehungsglaube war eigentlich vor allem im Heidentum weit verbreitet, hebt der Historiker Johannes Fried hervor, nicht jedoch im Judentum.
    Umso erstaunlicher ist es, dass nach dem katastrophalen Erlebnis der Kreuzigung des Juden Jesus von Nazareth plötzlich ein Erlösungs- und Auferstehungsglaube emporschießt.

    Christusglaube wurde vor allem von Paulus geprägt

    Fried verweist darauf, dass es zwei Pole gab: auf der einen Seite Paulus, der Jesus nicht persönlich kannte, ihn aber als den Auferstandenen pries, auf der anderen Seite die Jünger Jesu, die an ihn als Messias glaubten, als einen Menschen, der durch Gottes Gnade sein Volk erlöst.
    "Für die weitere Entwicklung ist vor allen Dingen der Christusglaube entscheidend", sagt Fried. "Also der Glaube, dass da ein übermenschliches göttliches Wesen auf die Erde herabgestiegen ist, den Kreuzigungstod erlitten hat und auferstanden ist und damit die Menschheit von der Sündenlast befreite."
    Dieser Christusglaube ist wesentlich von Paulus geprägt worden, einen Mann, der nach eigenem Bekunden mehrere Offenbarungen und Visionen hatte. Heutige Psychologen würden, so Fried, von einer Psychose sprechen.

    Im ersten Teil des Gesprächs am 7. April 2021 beleuchtet der Historiker Johannes Fried die historische Quellenlage in Bezug auf die Lebensgeschichte Jesus.

    Es gibt allerdings auch die Überlieferung von Jesus-Worten, die gegen Ende des ersten Jahrhunderts gesammelt worden sind. Diese Sammlung von Jesus-Worten sei deutlich gegen Paulus, den Verkünder des Christusglaubens, gerichtet, der keine Jesus-Worte überliefert habe.
    Über Paulus, der maßgeblich den Christusglauben geprägt hat, sagt Fried: "Das, was er verkündet hat, hat mit dem historischen Jesus nichts zu tun."

    Keine einheitliche Lehre

    Es komme dann aber gegen Ende des ersten Jahrhunderts zur Überschneidung mehrerer Traditionen: "Wir haben in der Tradition des Paulus wie auch der Jünger jüdische Traditionen, die stark hineinwirken und auch heidnische Traditionen. Von daher haben wir ein Sammelsurium von Traditionen. Und ich vermute, dass genau dies der Erfolg des Christentums war: keine einheitliche Lehre, sondern eine Lehre, die offen war für viele Gläubige."

    Johannes Fried: "Jesus oder Paulus. Der Ursprung des Christentums im Konflikt"
    C. H. Beck-Verlag, München 2021
    200 Seiten, 22 Euro

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