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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 08.11.2005

Dichtende Ärzte

Hanne Kulessa: "Herznaht"

Rezensiert von Christine Westerhaus

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Der Schriftsteller und Arzt Sir Arthur Conan Doyle (AP)
Der Schriftsteller und Arzt Sir Arthur Conan Doyle (AP)

Ein Blick in die Literaturgeschichte zeigt, dass auffallend viele bekannte Literaten hauptberuflich als Arzt arbeiteten: Von Peter Bamm bis Arthur Conan Doyle, von Arthur Schnitzler bis William Carlos Williams. Hanne Kulessa hat nun einen Band neu herausgegeben, der die Werke einiger dieser Schriftsteller zusammenfasst: "Herznaht"

Der große russische Schriftsteller und Dramatiker Anton Tschechow schrieb im Jahre 1888 an seinen Verleger:

"Die Medizin ist meine gesetzliche Ehefrau, die Literatur meine Geliebte. Wenn mir die eine auf die Nerven fällt, nächtige ich bei der anderen."

Wie viele andere berühmte Dichter seiner Zeit arbeite Tschechow gleichzeitig als Arzt und als Schriftsteller. Für die Herausgeberin Hanne Kulessa offenbart sich in dieser doppelten Profession ein Spannungsfeld zwischen Alltag und Pflicht auf der einen und Eros und Leidenschaft auf der anderen Seite. Sie hat in dem lesenswerten Band "Herznaht" Ausschnitte aus dem Lebenswerk von zwölf Schriftstellern aus aller Welt zusammengefasst. Alle arbeiteten haupt- oder nebenberuflich als Ärzte und in den Geschichten geht es auch immer um die Medizin. Warum ausgerechnet Ärzte oft den Musen verfallen, hat auch die Mediziner selbst beschäftigt. Zum Beispiel Peter Bamm, der als Schiffsarzt arbeitete, Stabsarzt an der Ostfront war, Feuilletons für Berliner Zeitungen verfasste und sich schließlich nach vielen Reisen in Berlin niederließ:

Peter Bamm: "Es ist nicht so, dass die Medizin ein besonders musischer Beruf wäre, darüber habe ich eine völlig andere Theorie. Wenn ein junger Mann, der 18 Jahre alt und ein musisch veranlagter Mensch ist und der Alte verlangt von ihm: also erstmal studieren. Diese Art von Leuten mit musischem Talent wählt dann als Studium die Medizin. "

Umgekehrt waren professionelle Maler vom Arztberuf fasziniert. Auch das spiegelt dieses Buch in der Neuausgabe wieder. Durch insgesamt 30 schöne Reproduktionen berühmter Gemälde, die wie die Texte auf künstlich gegilbtem Papier gedruckt sind. Darunter befinden sich auch Werke alter Meister wie Rembrandt oder van Gogh. Sie zeigen Szenen zum Thema Krankheit und ärztlicher Kunst im Wandel der Jahrhunderte. Beim Blättern bleibt man gern an ihnen hängen.

Die Auswahl der Texte belegt, wie der Arztberuf die literarische Arbeit maßgeblich beeinflusste. Viele Ärzte sahen diese Symbiose aus medizinischer und literarischer Arbeit als Glücksfall an. So schreibt William Carlos Williams, einer der bedeutendsten Lyriker der USA im 20. Jahrhundert, in seiner Autobiographie:

"Deswegen habe ich mich als Schriftsteller auch nie von meinem Arztberuf gestört gefühlt; im Gegenteil, ich habe darin stets die eigentliche Nahrung gesehen, eben das, was mir das Schreiben überhaupt ermöglicht hat. "

Nicht für alle schreibenden Ärzte war die Medizin die stets geliebte Muse. Manche haben ihren Beruf sogar regelrecht gehasst. Auch das spricht aus den Erzählungen und Gedichten. Der aus Wien stammende Arthur Schnitzler, erster Präsident des österreichischen Penclubs, schrieb beispielsweise 1890 in sein Tagebuch, dass er sich vor seinen Patienten, vor seinen Kollegen und vor allem ekle, was ihn an den Beruf erinnere. Und auch aus Gottfried Benns Gedichten spricht die Abneigung gegen seine Patienten.

Vielen Ärzten bot das Schreiben eine Möglichkeit, ihre psychischen und physischen Belastungen des Berufsalltags zu verarbeiten. Der deutsche Arzt und Jude Friedrich Wolf , berühmt durch "Cyancali" und "Professor Mamlock" beispielsweise schildert in seiner Erzählung "Mutter", wie ein junger Arzt einem Hitlersoldaten in Russland einen erfrorenen Fuß amputiert.

"Ich rucke das Leder noch ein paar Mal leicht hin und her, dann ziehe ich es herunter. Der Stiefel gibt nach. Ein furchtbarer, nach Verwesung riechender Gestank. Und dann der Anblick! Vor mir bewegt sich ein richtiges Fußskelett: Blanke Knochen und weiße Sehnen. Das faule Fleisch und die verweste Haut stecken im Stiefel. Totenstille ist in der Stube. Ich schaue auf, selbst unfähig, ein Wort zu sagen."

Früher oder später haben sich die meisten schreibenden Mediziner für eine ihrer beiden Professionen entschieden. Arthur Schnitzler und Michael Bulgakow beispielsweise verließen die Medizin zu Gunsten ihrer Leidenschaft, der Literatur. Gottfried Benn oder William Carlos Williams arbeiteten fast bis an ihr Lebensende als Ärzte.

Die Sammlung der Herausgeberin Hanne Kulessa ist eine gut gelungene Mischung aus spannenden Erzählungen und Gedichten, bei denen man manchmal den Ekel des Autors förmlich spüren kann. Vor allem aber seine Bedrängnis, seine Ängste, sein Mitgefühl.
Voller Leidenschaft und Schwäche sind die Dichterärzte, sie lässt das Schicksal ihrer Patienten nicht kalt.

Ergänzt werden die Texte durch informative Kurzbiografien der zitierten Schriftsteller und einem aufschlussreichen Nachwort der Herausgeberin. Die guten Reproduktionen bekannter Maler, die verschnörkelten Überschriften der Texte und das gelbliche Papier, auf dem sie gedruckt sind, machen die "Herznaht" in dieser Neuausgabe auch zu einem sinnlichen Erlebnis. Für Mediziner und Literaturliebhaber gleichermaßen.

Hanne Kulessa: Herznaht
Ärzte die Dichter waren – von Benn bis Schnitzler
Europa Verlag
224 Seiten
24,90 Euro

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