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Religionen / Archiv | Beitrag vom 28.12.2014

Dialog der ReligionenDie Suche nach dem Miteinander

Von Christian W. Find

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(picture alliance / dpa / Collage Deutschlandradio)
Vielfalt der Religionen (picture alliance / dpa / Collage Deutschlandradio)

Nichts geringeres als die Dialogfähigkeit der großen Weltreligionen wird in einem Forschungsprojekt untersucht, das nun in Hamburg vorgestellt wurde. Um diesen Dialog auch zu üben und zu praktizieren, braucht es klare Regeln und viel Sensibilität.

"Warum gibt es keinen Dialog mit der größten Bevölkerungsgruppe in Hamburg, nämlich den Säkularen?" - eine kritische Nachfrage aus dem Publikum im Anschluss an einen Vortrag über den Buddhismus im Dialog mit dem Westen.

Zu der öffentlichen Veranstaltung im Kaisersaal des Hamburger Rathauses hatte die Partei Bündnis90-Die Grünen eingeladen, in Zusammenarbeit mit der Akademie der Weltreligionen. Unter den Zuhörern sitzt auch Mehmet Kalender, der an der Akademie seine Doktorarbeit schreibt. Kalender wirkt im Forschungsprojekt "Religion und Dialog in modernen Gesellschaften"mit, abgekürzt ReDi.

"Wenn ich eine teilnehmende Beobachtung mache, sitze ich in den Veranstaltungen und mache mir Notizen zur Struktur, zu bestimmten Auffälligkeiten, zur Zusammensetzung der Teilnehmer und schreibe dann hinterher möglichst zeitnah eine ausführliche Feldnotiz dazu, in der ich auch meine analytischen Gedanken dazu festhalte."

Mehmet Kalender ist einer der Forscher, die im ReDi-Projekt mit Methoden der empirischen Sozialforschung untersuchen, wie Menschen überhaupt in den Dialog kommen, wenn es um religiöse Fragen geht. "Dialogische Praxis" heißt dieser Forschungsbereich. Anders als in der "Dialogischen Theologie", dem zweiten Schwerpunkt im ReDi-Projekt, geht es hier nicht um grundsätzliche theologische, sondern um die ganz praktischen Fragen.

"Ich habe versucht zu schauen, wie wirkt eigentlich dieser Raum Rathaus. Es ist ein politischer Raum, er ist mit vielen Ideen verbunden, mit vielen Vorstellungen. Ich habe hinterher ein paar Interviews, Kurzbefragungen mit Teilnehmern geführt. Da ist immer ganz stark diese Vorstellung, Rathaus als politischer Ort, als Ort der Neutralität in gewisser Weise, jetzt im Vergleich zu religiösen Räumen, wo es immer einen religiösen Hausherren sozusagen gibt. Und dort können Religionen zusammenkommen, um, moderiert von der Politik, miteinander ins Gespräch zu kommen.“

Viele Treffen mit Menschen unterschiedlicher religiöser Zusammenhänge

Neben öffentlichen Veranstaltungen dieser Art besuchen die Forscher der Dialogischen Praxis auch die vielen anderen Orte in der Stadt, an denen Menschen aus unterschiedlichen religiösen Zusammenhängen zueinander finden, in Kirchen, Moscheen und Synagogen. Das besondere Interesse der Wissenschaftler gilt dem Bildungsbereich. Das Hamburger Modell für den Religionsunterricht sieht vor, dass Schülerinnen und Schüler aller Religionen zusammen unterrichtet werden. In Absprache mit allen Beteiligten besuchen die Forscher diesen Unterricht und beobachten ihn auch mit Kameras. Einzelne Schülerinnen und Schüler werden auf ihr Verhalten hin befragt und manchmal auch in ihren Familien besucht. Ein intensiver Prozess, der viel Zeit erfordert, sagt Wolfram Weisse, der das Forschungsprojekt leitet.

"Durch die Dauer unserer Forschung und durch die Möglichkeit, mit Schulen und mit Gruppen im Stadtteil längere Zeit Kontakt zu haben, kommt man auch in die absoluten Problemzonen, weil unser Ansatz ja nicht der der Verurteilung ist, sondern der des Verstehenwollens.“

Das Forschungsprojekt ReDi startete im Februar 2013 und ist auf fünf Jahre angelegt. Finanziert wird es vom Bundesministerium für Bildung und Forschung, das damit einer Empfehlung des Wissenschaftsrates aus dem Jahr 2010 folgt. Vor dem Hintergrund einer zunehmend religiösen Pluralisierung der Gesellschaft empfiehlt der Rat, die theologische Forschung an den Universitäten stärker als bisher fakultätsübergreifend und interdisziplinär auszurichten.

"Das war Wasser auf unsre Mühlen, denn unser Ansatz ist seit über zehn Jahren, dass wir außer der evangelischen Theologie auch theologische Entwürfe zum Judentum, zum Islam, zum Buddhismus, zum Hinduismus, Alevitentum an der Universität verankern wollen, weil wir gesehen haben: Diejenigen, die Dialog betreiben, innerhalb aber auch außerhalb der Universität, bestehen zum Teil aus Leuten, die dafür bezahlt werden, die dafür auch arbeiten an den Universitäten, aber zum Teil eben auch aus solchen, die in ihrer Freizeit sich das entsprechende Wissen aneignen, so dass da eine Schieflage war."

Das Forschungsprojekt verfolgt aus diesem Grund einen praktischen Ansatz. In quantitativen Erhebungen mit Fragebögen und Telefoninterviews werden religiöse Gruppen befragt, wie häufig und wie intensiv sie untereinander in Kontakt treten. Der Schwerpunkt liegt aber auf der qualitativen Beobachtung.

"Das heißt im Grunde genommen auch, dass zum Beispiel Stadtteiltreffs genauso begleitet und analysiert werden, dass Runde Tische mit ganz unterschiedlichen Akteuren miteinbezogen werden, so dass wir ein größeres oder ein intensiveres Bild davon bekommen, wie in einem Stadtteil in Hamburg, aber auch in London in zwei Stadtteilen, auch in Duisburg-Essen, auch in Oslo, auch in Stockholm, wie beispielhaft einzelne Gruppen sich in Dialogkreisen selber verstehen, wo die Möglichkeiten liegen, aber wo man vielleicht auch feststellen muss, da sind bestimmte Grenzen, der Dialog kann nicht alles lösen. So allgemein wissen wir das auch, aber wo sind sie denn eigentlich?"

Wenn es um die Grenzen und Möglichkeiten eines gelingenden interreligiösen Dialogs geht, spielt der Kanon, also der verbindliche Text, aus dem jede Religion ihren Wahrheitsanspruch herleitet, eine fundamentale Rolle. Deshalb hat sich im Forschungsbereich Dialogische Theologie ein interdisziplinäres Team gebildet, das in Bibel, Koran, Thora und im buddhistischen Tipitaka nach Kernaussagen sucht, die den Dialog mit Menschen anderen Glaubens und ihre Akzeptanz begründen.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehören selbst den vier großen Weltreligionen an. Eine von ihnen ist Carola Roloff, die sich als Buddhistin den Tipitaka vorgenommen hat, den Dreikorb, die dreiteilige Schriftsammlung mit den Lehren des Gautama Buddha:

"Ich hatte da einen Text ausgesucht, der heißt Die Vier Unermesslichen, und was ich da eben so gut fand an dem Text, ist, dass es heißt: Mögen alle Lebewesen frei sein von Leid, mögen alle Wesen frei davon sein, den Einen als nahe stehend  zu empfinden und den Anderen als fern stehend zu empfinden."

Die Suche nach dem praktischen Bezug

Auch hier suchen die Forscherinnen und Forscher den praktischen Bezug, indem sie ihre Schreibtische verlassen, um sich zusammenzusetzen und ihre ausgesuchten Texte zur Diskussion zu stellen. Diese Gespräche werden aufgenommen, transkribiert und hinterher analysiert.

"Es ist eben ganz anders, wenn man nicht buddhistisch auf Texte draufguckt, sondern multiperspektivisch. Also wir machen gerade so ein Experiment, wo wir gegenseitig Schlüsseltexte interpretieren, also gemeinsam dialogisch ausgewählte Texte interpre­tieren, die diejenigen, die sie ausgesucht haben, meinen, dass sie besonders für Offenheit stehen. Und dann macht man eben diese überraschende Erfahrung, dass die Anderen da aber, weil sie eben mit ihrem religiösen Konzept ran gehen, die Texte teilweise ganz anders verstehen und ganz anders lesen, als ich sie lesen würde. Und das zeigt auf jeden Fall, dass man die Anderen mit auf der Schulter haben müsste und die alle mitdenken lässt."

Rathaus-Veranstaltung: "Meine Frage ist: In jeder Religion gibt es Fundamentalismus. Wir beschäftigen uns auch gerade bei den Grünen mit den zurückkehrenden Salafisten. Gibt es da so eine Arbeitsteilung? Die Akademie macht die nette Begegnung, und der Verfassungsschutz kümmert sich um das Andere?"

Das Forschungsprojekt ReDi muss sich immer wieder der Kritik stellen, dass es zu optimistisch an die Probleme herangeht, die sich mit Religion und Gesellschaft verbinden. Projekt-Leiter Weisse setzt dem entgegen, die Perspektive sei bewusst so gewählt. Der Fragegrund sei eben nicht die weit verbreitete Meinung, dass Religionen auf Abgrenzung und Kampf ausgerichtet sind. Was umgekehrt aber nicht bedeute, dass Fragen nach Extrempositionen ausgeblendet würden:

"Inwieweit wir dann diejenigen, die für salafistische Positionen werben, direkt auch erreichen, das ist schwierig, weil die sich in der Regel abgrenzen und klar fundamentalistische Standpunkte äußern. Für die ist es nicht ohne weiteres plausibel, dass sie uns Interviews geben sollten oder beobachtet werden. Das haben wir an einer Stelle gesehen, als wir einen schriftlichen Fragebogen ausgeteilt haben, und gerade diejenigen, bei denen uns die Lehrerin vorher sagte: 'Oh, das ist ganz schwierig, da wär es gut, mal deren Meinung zu erfahren' Die hatten alle irgendeine Ausrede oder auch keine Ausrede und haben nicht daran teilgenommen."

Auch mit den Teams, die in der Rhein-Ruhr-Region, in London, Oslo und in Stockholm unterwegs sind. In Hamburg sehen sich Weisse und sein Team aber schon jetzt in ihrem positiven Forschungsansatz bestätigt:

"Wir sehen in den ersten anderthalb Jahren unserer Forschung, dass in all den genannten Religionen der Bezug zu Menschen anderer Religionen einen zentralen Stellenwert hat. Im Judentum ist das Doppelgebot der Gottes- und der Nächstenliebe verbunden damit, dass man, damals sagte man ‚den Fremdling’ auch aufnehmen soll, ihn beherbergen soll. Das Ganze ist im Neuen Testament, also im Christentum dann stark aufgenommen worden. Im Islam und im Buddhismus. Wir haben schon jetzt herausgefunden und werden das durch unsere Forschung dann nochmal stärker fundieren, dass dieser Dialog auch religiöses Gebot ist, in den verschiedenen Religionen."

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