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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 29.06.2016

Dialekte in Nordrhein-WestfalenDie Enkel denken bei "Kölsch" nur an Bier

Von Irene Geuer

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Thekengast hält sich an einem Glas Kölsch fest (dpa / picture alliance / Maximilian Schönherr)
Die junge Generation denke bei Kölsch nur noch an Bier, klagen die Älteren, die traditionelle Mundarten bewahren wollen. (dpa / picture alliance / Maximilian Schönherr)

Nordrhein-Westfalens ist nicht nur das bevölkerungsreichste Bundesland, zwischen Bonn und Münster werden auch eine Vielzahl von Dialekten gesprochen. Doch ob Kölsch, Münsterländer Platt oder Ruhrpott-Dialekt: Die regionalen Idiome sind vom Aussterben bedroht.

 "Nä, dat is nit schön.

In Nordrhein-Westfalen gibt es viele Dialekte. Im Sauerland, im Rheinland, im Ruhrgebiet, am Niederrhein. Und für alle gilt: Sie werden kaum noch gesprochen.

"He es dat entweder ordinär oder unanjenehm, weil die huhgestochene Idiote dat nit künne un nit hüre wulle."

Schuld, so sagt der Kölner, sind die Hochdeutschfetischisten. Schuld also sind Lehrer, Politiker, Moderatoren im Fernsehen und im Radio – all die, denen man sprachlich die Heimat nicht mehr anhört. Der Kölner schämt sich seiner Nachkommen, der Enkel, die unter Kölsch allenfalls noch Bier verstehen, aber nicht mehr Sprache.

Heimatverbunden Mahlzeiten bestellen

"Un da han ich mich jeärgert. Ich sage, wenn de schon he jeboore bis, dann häste Kölsch zu spreche un zu künne."

Aber die Enkel werden auch das wohl kaum verstehen. Darauf lässt ihre Reaktion schließen.

 "Blöd am laache, ne."

 "Hömma, komma her, Mama mach mir ma n Butta."

Im Ruhrgebiet können Kinder zuweilen noch ihre Mahlzeiten heimatverbunden bestellen. Aber auch das wird immer seltener. Denn, so sagen die aus dem Pott.

 "Ich denk mal et hängt mit die Zechen zusammen und dann würd ich auch sagen, Kohlenpottdeutsch geht langsam weg."

Denn wo gibt’s noch Zechen im Ruhrgebiet?

 "De dümmste Biuar hiert de dicksten Tiuffeln." 

Nachhilfe in Dialekten

Im Münsterland, genauer gesagt in der Soester Börde versuchen es Lehrerinnen mit dem dümmsten Bauern und den dicksten Kartoffeln im Nachmittagsunterricht.

"Dat sin Ringelduiven."

Das sind Ringeltauben – was so viel heißt wie: Das ist ziemlich selten. Deshalb gibt es in Nordrhein-Westfalen Menschen wie Werner Beckmann, die als Sprachwissenschaftler versuchen, den Dialekt fürs Archiv zu sammeln. Er filtert Reste des Platts aus dem Hochdeutschen. Spuren, die zum Beispiel das Sauerländische hinterlassen hat.

Der Vietnam-Effekt

"Man nennt das Substrat. Und das macht sich bemerkbar. Man sagt z.B. heute noch in Kopenrode, auch wenn die Leute hochdeutsch reden: Hömma, wat is der am lürren, was schreit der da rum oder wat is dat n hohen Baum, statt ein hoher, ja."

Im Ruhrgebiet heißen Substrate auch Vietnameffekt.

"Kannse mir ma sagen, Vietnam Stadion geht?"

Diese letzten Reste des Dialekts beanspruchen die Nordrhein-Westfalen für sich allein.

"Eine Sprache lernt man hauptsächlich durchs Hören."

Da man Dialekt kaum noch hören kann, ist er schwer zu lernen. Und auch wenn das Platt immer mehr aus NRW verschwinden – nachgeahmt werden gar von Bayern oder Sachsen soll es auf gar keinen Fall.

"Nä, dat is nit schön."

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