Diabetiker 2.0

Gehört beim Arzt wie auch zuhause zum Alltag eines Diabetikers dazu: Blutzuckermessung. © Deutsche Diabetes-Stiftung
Von Stephanie Kowalewski · 19.03.2008
Das Erfassen von Blutzuckerwerten ist für Diabetiker eine lästige Angelegenheit, kann aber bei Diagnosen und dem Erkennen von Veränderungen des Krankheitsbildes helfen. Der Online-Service Glucosurfer soll das Sammeln, Auswerten und Austauschen der Werte erleichtern.
"Man füllt jede Menge von diesen Büchern, sammelt sie im Keller, und das ist dann so ein riesiger Datenfriedhof. Und eigentlich steckt da noch was drin. Vielleicht eine langfristige Tendenz."

Holger Schmeken ist Typ-1-Diabetiker. Seit 21 Jahren führt er Diabetes-Tagebücher. Wie die meisten Betroffenen macht er das mal akribisch, mal sporadisch und phasenweise auch gar nicht.

"Wenn man nur lückenhaft ein Tagebuch führt und nutzt diese wenigen Werte, die man hat, zu einer entscheidenden Aussage, Thema Insulindosisanpassung oder Veränderung der Insulindosis, dann kann es schon mal sein, dass man die falsche Entscheidung trifft, weil man nicht ausreichend informiert wurde über das Tagebuch."

Klaus-Jürgen Wiefels ist Diabetologe am Deutschen Diabetes Zentrum in Düsseldorf und hat fast täglich mit wenig aussagekräftigen Tagebüchern zu tun.

Letztlich sind Ärzte und Patienten unzufrieden. Für den Münsteraner Holger Schmeken war der Frust irgendwann so groß, dass er einfach aufhörte, die Werte für Broteinheiten, Insulinmengen und Blutzucker aufzuschreiben. Ja und dann aber immer so im Hinterkopf: Ich muss es eigentlich besser machen.

Holger Schmeken ist Softwareentwickler und suchte nach einem System, dass mobil, sicher und einfach zu bedienen ist. Und, ganz wichtig, das Langzeitbetrachtungen möglich und ständige Updates für den Nutzer überflüssig macht. So entstand der Glucosurfer. Eine Mischung aus Handy, Internet und spezieller Software, die auf einem zentralen Rechner in Münster arbeitet.

"Für mich war es sehr naheliegend, das Mobiltelefon ins Auge zu fassen, weil das einfach ein Gerät ist, was man immer mit hat."

Der Diabetiker setzt dabei auf so genannte WAP-fähige Handys, mit denen Internetseiten aufgerufen und auf dem Handydisplay angezeigt werden können. Das einloggen geht aber auch mit jedem anderen Gerät, das einen Online-Zugang zum Internet möglich macht.

Willkommen bei glucosurfer.org, Ihrem Online-Tagebuch für Diabetiker.

Per Handy lockt sich der Benutzer anonym über den einmal eingegebenen Link glucosurfer.org auf die Internetseite ein und kann dann online seine Daten verschlüsselt in sein elektronisches Tagebuch eingeben.

"Bei jedem Aufruf sind Datum und Uhrzeit bereits voreingestellt. Im Feld Glucose können sie nun ihren gerade gemessenen Wert eingeben."

Holger Schmeken macht es vor. Auf dem Tisch liegen sein Mobiltelefon, ein elektronisches Blutzuckermessgerät und das sogenannte Insulinbesteck samt Stechhilfe und Spritze.

"Im Prinzip stecke ich jetzt meinen Blutzuckerteststreifen in mein Gerät. Das ist jetzt gleich bereit, meinen Blutstropfen zu empfangen. Und in der Zeit benutze ich mein Handy und die Seite wird aufgebaut. In der Zeit kann ich jetzt in meinen Finger stechen, jetzt gewinne ich einen Blutstropfen und den trage ich auf den Blutzuckerteststreifen auf. In der Zeit hat sich jetzt schon die Webseite aufgebaut und das Gerät hat den Wert ermittelt."

Sein Blutzucker ist mit 172 zu hoch. Er tippt die Zahl in das Mobiltelefon ein.

"Und das System schlägt jetzt selber eine Korrektur von zwei Rapidinsulineinheiten vor. Diesen Vorschlag akzeptiere ich jetzt einfach, den finde ich eben so sinnvoll. Und am Ende drücke ich jetzt einfach auf Eintrag speichern und schon ist der Dokumentationsvorgang abgeschlossen. Das war es."

Die aktuellen Werte werden automatisch online in das Tagebuch übertragen und können vom System sofort ausgewertet werden. Glucosurfer bereitet die Eingaben in verschiedenen Grafiken auf. Ein farbiger Glukose-Tagesvergleich erlaubt zum Beispiel die Werte über einen längeren Zeitraum zu vergleichen. So lassen sich einmalige Ausreißer von wiederkehrenden Problemwerten unterscheiden, lobt der Diabetologe Klaus-Jürgen Wiefels.

"Das ist sicher vorteilhaft, zumal man auch sehr zeitnah die Blutzuckerwerte, so sie denn mal aus dem Rahmen geraten, dem behandelnden Arzt, so dieser wiederum die Zeit dafür findet, übermitteln kann."

Um dem Arzt Einblick in sein Online-Tagebuch zu verschaffen, mailt der Nutzer des Glucosurfers ihm lediglich den entsprechenden Link. Dann können Patient und Arzt bestenfalls gemeinsam nach der Ursache für die zu hohen Blutzuckerwerte suchen.
Die Nutzung des Glucosurfers ist kostenlos. Allerdings erwartet der Entwickler eine Zahlung von zwölf Euro pro Jahr, um die laufenden Betriebskosten zu decken. Außerdem fallen für den WAP-Zugang per Handy je nach Tarif auch noch einige Euro im Monat an.
Das System Glucosurfer ist neu und bisher machen erst zehn Diabetiker mit. Doch bei ihnen hat das elektronische Tagebuch, laut Holger Schmeken, zu einer besseren Blutzuckereinstellung geführt. Der Diabetologe Klaus-Jürgen Wiefels nickt zustimmend.

"Gute Idee. Keine Frage, sollte man weitermachen. Einschränkend muss man natürlich sagen, es kann nur das gewertet werden, was auch eingegeben wird."

Ohne Disziplin bringt eben auch ein elektronisches Tagebuch nichts.