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Aus der jüdischen Welt | Beitrag vom 04.01.2019

Deutschsprachige Juden in IsraelPünktlichkeit, Höflichkeit, Kartoffelsalat

Von Imre Balzer

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Ilana Marcus steht vor ihrem Haus in Aschkelon. Ihre Eltern wanderten in den 30er-Jahren von Deutschland nach Israel aus.  (Deutschlandradio / Imre Balzer)
Was soll von den Jeckes bleiben? Ilana Marcus aus Aschkelon sammelt zum Beispiel deutsche Kinderlieder. (Deutschlandradio / Imre Balzer)

"Jeckes" nannte man die deutschsprachigen Juden in Israel. Auch heute leben noch Jeckes dort. Längst müssen sie sich ihrer Unarten und Tugenden nicht mehr schämen. Jecke zu sein, ist schick geworden in Israel.

Ilana Marcus blättert durch das kleine schwarze Buch, das vor ihr auf dem Tisch liegt:

"Das ist 'Hänschen klein' ... 'Fuchs du hast die Gans gestohlen' ..." 

Als ihre Mutter schon über 80 war, bat Marcus sie, alle Kinderlieder zu notieren, an die sie sich noch erinnerte. Ilana Marcus ist heute 66 Jahre alt und lebt in Israel. Genauer: in Aschkelon, einer Hafenstadt nur wenige Kilometer nördlich des Gazastreifens. Und: Sie ist ein Jecke – so werden die deutschsprachigen Einwanderer der 30er und ihre Nachkommen genannt. Sie ist in Israel geboren, ihre erste Sprache war aber Deutsch.

"Wir wuchsen zu Hause mit der deutschen Kultur auf. Schon als ich noch ganz klein war, brachte mir meine Mutter diese Kinderlieder bei."

Das Liederbuch, das Marcus zusammengestellt hat, soll ein Teil ihres Vermächtnisses sein – so hofft sie. Denn ihre Kinder und Enkelkinder sprechen die Sprache ihrer Vorfahren nicht mehr. Marcus hat die Kinderlieder deshalb ins Hebräische übersetzt.

"Und hier ist das Lied auf Deutsch und die andere Seite ist auf Hebräisch und ich habe übersetzt, und das kann man singen mit der originalen Melodie."

Was soll von ihnen bleiben?

Von der ersten Generation der Jeckes sind nicht mehr viele übrig. Und auch die Generation von Marcus, die zweite, wird älter. Was wollen sie an ihre Nachkommen weitergeben – außer Kinderliedern? Was soll von den Jeckes bleiben?

Das Haus von Ilana Marcus und ihrem Mann Alan steht am Ende einer ruhigen Straße nicht weit vom Strand entfernt. An der Tür grüßen die Hunde Leyla und Tutti. Drinnen am Esszimmertisch zeigt Marcus ein Foto ihrer Mutter. Die war 1935 vor den Nazis aus Berlin nach Palästina geflohen, Marcus Vater stammt aus Wien. Die Mutter war kulturell fest in Deutschland verwurzelt – besonders an ihren Manieren zeigte sich das:

"Wie man den Tisch deckt, wie man sich anzieht, wie man spricht, und dass man immer pünktlich und ehrlich sein muss. Das alles ist Teil der deutschen Kultur vor dem Krieg gewesen."

Marcus wächst in Aschkelon auf – mit der deutschen Kultur und der deutschen Sprache. Später studierte sie Jura, wird Anwältin. Das Geburtsland ihrer Vorfahren spielt keine große Rolle mehr für sie. Das ändert sich erst, als sie vor 15 Jahren mit ihrer Mutter das erste Mal nach Berlin reiste.

"Als ich das erste Mal mit meiner Mutter nach Berlin kam, war ich verblüfft. Ich fühlte mich zu Hause. Wegen der Sprache. Weil jeder die Sprache sprach, die ich zu Hause gelernt habe."

Beim Jeckes-Treffen sind alle über 70

Als 2012 ihre Mutter starb, begann Marcus sich noch stärker für ihre Wurzeln zu interessieren. Sie reiste weitere Male nach Deutschland, schloss dort Freundschaften - und gründet ein Treffen für Jeckes in Aschkelon.

Bis zu 20 Jeckes kommen zu den Treffen. Heute haben sich vier Männer und eine Frau in Marcus' Esszimmer eingefunden. Alle haben sie die 70 überschritten. Die Gastgeberin hat Obst und selbstgebackenen Möhrenkuchen bereitgestellt, in der Küche bedient ihr Mann die Kaffeemaschine.

Ilana Marcus muss lächeln, wenn man sie auf das Wort "Jeckes" anspricht. Sie weiß dass die deutschstämmigen Juden lange einen schlechten Ruf hatten:

"Es gibt drei verschiedene Versionen. Einer ist wegen der Jacke, weil die Jeckes immer eine Jacke getragen haben, wo die anderen einen langen Mantel trugen. Und die Jeckes haben eine kurze Jacke gehabt. Und auch Jecke, because, weil auf Deutsch ein Jecke ist ein Doofer. Und der dritte ist auf Hebräisch: 'Jehudi kashe hawana'."

Das bedeutet "Jude, der schwer von Begriff ist". "Jecke" setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der drei Worte zusammen. Die Bedeutungen des Wortes geben Auskunft über die wechselseitige Geschichte der Jeckes. Denn diese waren nicht immer gut angesehen. Vor allem in den 30ern galten sie als pedantisch, dumm – und humorlos. Heute ist "Jecke" kein Schimpfwort mehr in Israel.

Ilana Marcus: "Wenn Leute, die keine Jeckes sind, heute sagen wollen, dass sie pünktlich, ehrlich und gewissenhaft sind, sagen sie: Ich bin ein Jecke."

Und trotzdem: Auch heute noch hören nicht alle gerne die deutsche Sprache. Manch einer reagierte mit Stirnrunzeln auf das Buch mit den deutschen Kinderliedern.

"Als ich erzählt habe, dass ich das Buch mit den deutschen Liedern gemacht habe, fragte jemand: Warum magst du die deutsche Kultur? Schau, was sie uns gebracht hat! Warum willst du die deutsche Sprache sprechen? Aber die Sprache ist nicht schuld! Manche Menschen, die diese Sprache gesprochen haben, waren sehr böse. Aber das ist nicht die Schuld der Sprache.

Ihr schwieriges Verhältnis zum Deutschen

Das Verhältnis der Jeckes zum Deutschen – es ist kompliziert. Einerseits ist Deutschland das Land, das für die Schoah verantwortlich ist. Andererseits ist es die Heimat ihrer Vorfahren – und damit ein Stück ihrer Identität. Dazu gehören auch die Kinderlieder. Marcus zeigt das Buch am Tisch herum. Die Jeckes kennen die Lieder meist aus ihrer eigenen Kindheit.

Haben sie etwas von dieser Identität an ihre Kinder weitergegeben, von der deutschen Sprache, der Literatur, dem Sinn für Pünktlichkeit? Er habe es versucht, sagt Sobol. Vergeblich.

Die Jeckes sterben aus, fasst Marcus die Lage schließlich zusammen – und kann dann doch noch etwas Positives verkünden: "Nach dem Kaffee habe ich einen Kartoffelsalat gemacht."

Kartoffelsalat – typisch deutsch.

"Die Jeckes achten auf ihr Gegenüber. Das ist das Erbe."

Rücksicht nehmen, Höflich sein, Respekt – das sind die Werte, die für Marcus das Erbe der Jeckes ausmachen:

"Ich denke dieser Geist: Wie man lebt und eine gute Gesellschaft aufbaut, die die Umwelt respektiert und in der wir einander gegenseitig respektieren – das an die Kinder und Enkel weiterzugeben, ist sehr entscheidend. Deswegen ist es mir so wichtig, dieses Erbe zu bewahren."

Diese Werte hat sie an ihre Kinder weitergegeben. Dass die Kinder kein Deutsch sprechen und keinen Kartoffelsalat machen – das lässt sich verschmerzen.

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