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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 17.06.2014

DeutschlandSachertorte und Soljanka

Zwei Österreicher in der DDR

Von Stefan May

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Kunden stehen im März 1990 in einer langen Warteschlange vor einer neueröffneten Videothek in Leipzig. (picture-alliance/ ZB / Waltraud Grubitzsch)
DDR Schlange (picture-alliance/ ZB / Waltraud Grubitzsch)

Der eine kam zum Studieren, wurde Professor und machte politische Karriere. Der andere ging wieder in den Westen, kehrte als Journalist aber immer wieder zurück. Wie zwei Österreicher die DDR, den Mauerfall und die Zeit danach erlebt haben.

"Ich habe mir ja wirklich in homöopathischen Dosen die DDR näher gebracht."

Peter Porsch, 1944 in einem Wiener Luftschutzkeller zur Welt gekommen, in dritter Ehe verheiratet, drei erwachsene Kinder, Universitätsprofessor für Soziolinguistik, später Vorsitzender der PDS in Sachsen, heute in Rente, lebt in Parthenstein, unweit von Leipzig. Er hatte in Westberlin studiert und war über die Besuche bei seiner späteren ersten Frau in Jena mit der DDR in Kontakt gekommen.

Harald Kleinschmid: "Dann stand für mich die Frage, entweder ins Internat in Bad Ischl zu gehen oder nach Ostberlin zu gehen. Da war ich drei Monate im Internat in Bad Ischl und da hab´ ich mir gesagt: Ne, da gehste lieber nach Ostberlin, zumal ich schon vorher in den Ferien zweimal in der DDR war und also in etwa wusste, was mich erwartet. Und das fand ich im Vergleich zum Internat in Bad Ischl immer noch besser."

Harald Kleinschmid, 1942 in Oberösterreich geboren, später Redakteur des Deutschlandfunk, verheiratet, zwei erwachsene Kinder, heute in Rente, lebt in Schwante in Brandenburg, vor den Toren Berlins. Kleinschmid war eigentlich seiner Mutter und dem Stiefvater, dem Schriftsteller Arnold Bronnen, in die DDR nachgefolgt.

"Auch eine Entscheidung für die DDR"

"Also, es war primär eine Entscheidung gegen Bad Ischl, es war sicherlich auch eine Entscheidung für die DDR, weil Österreich in den 50er-Jahren ähnlich vergleichbar und verstaubt und verzopft und reaktionär und antisemitisch und all das war, in noch stärkerem Maße eigentlich als in der Bundesrepublik. Die DDR schien mir da doch auch im Umgang der Menschen untereinander lockerer.“

Nach eigenen Worten empörend habe er empfunden, dass ihn seine nicht religiösen Eltern vor Schuleintritt hatten taufen lassen, sagt Kleinschmid. Das sei reiner Opportunismus gegenüber seiner zutiefst katholischen Heimat im Mühlviertel gewesen. Ganz anders war die Prägung des Linksparteifunktionärs Porsch, der aus einer Familie stammt, die zum Teil in der katholischen Arbeiterbewegung verwurzelt ist.

"War Ministrant. Dann war ich dort in der katholischen Jugend bis ich so 16, 17 war. Dann bin ich zur freien österreichischen Jugend übergewechselt. Ja, nie von Dogmatismus frei.“

Ihr, einem Vorläuferverband der kommunistischen Jugend, gehörten Kommunisten, Sozialisten und Katholiken an. Es gibt Parallelen: Als Österreicher stürzt man sich nicht kopfüber ins Abenteuer, wägt  Veränderungen im Leben ab – auch wenn am Anfang durchaus eine gewisse Begeisterung steht.

Kleinschmid: "Wer in seiner Jugend nicht Kommunist war, hat kein Herz. Und wer im Alter immer noch Kommunist ist, hat keinen Verstand, das ist so. Und dieser Maxime fühle ich mich durchaus verpflichtet.“

Porsch: "Ich war neugierig auf die DDR, das hat mich dann sozusagen verwundbar gemacht.“

So neugierig, dass Peter Porsch 1979 einen Antrag auf Mitgliedschaft in der SED stellt, der erst einmal abgelehnt, drei Jahre später bewilligt wird, verbunden mit einer Mahnung endlich Mitgliedsbeiträge zu zahlen.

Porsch: "Heute sage ich: Ich hätte wissen müssen, auf was ich mich einlasse. Wie verbürokratisiert diese ganze Partei schon war.“

Zur Stasi-Mitarbeit aufs Polizeirevier geladen

Während Porsch aktiv die Parteimitgliedschaft anstrebt, wird Harald Kleinschmid, zur Stasi-Mitarbeit aufs Polizeirevier geladen, in ein Zimmer, das innen keine Klinke hatte, wie er sich heute noch genau erinnert.

Kleinschmid: "Die haben mich gefragt, ob ich für sie arbeiten würde, und da habe ich von Anfang an gesagt, unter gar keinen Umständen. Ich halte Spionage sicherlich für notwendig in allen Staaten, egal welcher Gesellschaftsordnung, aber ich persönlich halte das für ein schmutziges Geschäft und habe strikt abgelehnt für die zu arbeiten, und das haben sie dann auch akzeptiert. Und als ich dann, Anfang der 90er-Jahre meine Stasi-Akte einsehen konnte, stand da der wörtliche Satz: Als dann das Gespräch auf eine Mitarbeit mit dem Ministerium für Staatssicherheit zur Sprache kam, legte er eine strikt ablehnende Haltung zutage. Und auf diesen Satz bin ich eigentlich bis heute ganz stolz und hat mir manchmal auch ein bisschen als Persilschein gedient.“

Kleinschmid wurde ab da nach eigener Aussage nicht mehr von der Stasi behelligt. Peter Porsch hingegen holt die Vergangenheit nach der Wende ein. Just vor den Wahlen in Sachsen, als er bereits Spitzenkandidat der PDS ist, wird ihm Tätigkeit als inoffizieller Mitarbeiter vorgeworfen. Er habe über eine Lesung geplaudert, wird ihm nachgesagt. Die Lesung einer Freundin seiner Frau im privaten Kreis.

Porsch: "Und die bringt einen Schwarm Journalisten mit. West. Und hinter dem Schwarm Journalisten war ein Schwarm Sicherheit. Die kamen dann zu mir: Porsch, du bist Genosse, was ist da gelofen. Aber als Kripo. Das ist auch bei Gericht nachgewiesen worden, dass die als Kripo aufgetreten sind, aber das hat mir nie  geholfen."

Für beide Männer, die mit einigen Idealen im Gepäck aus Österreich angereist waren, folgt schon bald die Phase der Ernüchterung.

Porsch:  "Der eigentliche Schock war Leipzig, in gewisser Weise, das war ein Kulturschock. Zur Messezeit, da war Leipzig immer ´rausgeputzt. Und da gab´s in Leipzig alles. Und dann sind wir Ende September hergekommen, und da war Leipzig auf einmal nur eine graue ruinierte, kaputte Stadt, wo es eben nicht alles gab.“Straßenszene in Leipzig im März 1989 (picture alliance / dpa / Foto: Wolfgang Weihs)Straßenszene in Leipzig im März 1989 (picture alliance / dpa / Foto: Wolfgang Weihs)

Kleinschmid: "Meine Anfangsbegeisterung, Anführungsstriche,  für die DDR hat sich dann aus politischen Gründen, spätestens 1968 mit dem Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei gelegt, als dann klar war, dass ein Sozialismus-Kommunismus mit menschlichem Antlitz nicht möglich sein würde."

Doch beide Österreicher finden sich auf ihre Weise im anderen Staat, in der anderen Gesellschaftsordnung zurecht. Mit den kleinen Dingen des Alltags, die anders ablaufen als von früher gewohnt, etwa beim Wohnungsumzug, erinnert sich der Journalist Kleinschmid.

"Da haben wir dann die Kloschüssel mitgenommen, weil Kloschüsseln gab´s einfach nicht, genauso wie Badewannen, das war nicht möglich. Da haben wir die eben abgebaut und dann in der anderen Wohnung wieder aufgebaut. Von der kommunalen Wohnungsverwaltung, die haben dann ein bisschen Terror gemacht und haben dann gesagt, wir sollen sie zurückgeben. Wir mussten sie aber nicht bezahlen. Das Entscheidende war, das Ding zu haben, die Bezahlung allein hätte es nicht gebracht. Die fehlte in der anderen Wohnung.“

Peter Porsch hat sich über das Erleben prekärer Verhältnisse der Kindheit in Wien – beengtes Wohnen, Toilette und Wasser im Hausflur, Kochen mit Petroleum - und über die eigene Genügsamkeit mit der Mangelgesellschaft arrangiert.

"Da war ich natürlich der ideale DDR-Bürger"

"Ich esse gern fettes Fleisch, Schweinebauch gab´s immer. Ich hab´ die Leute schon verstanden, die sauer waren, die wollten auch mal ein Stück Kalbfleisch vielleicht haben. Ja, oder ich esse kein Obst – da war ich natürlich der ideale DDR-Bürger, ja.“

Während Peter Porsch bereits Ende der 70er-Jahre seine österreichische gegen eine DDR-Staatsbürgerschaft eingetauscht hatte, wäre für Harald Kleinschmidt, der auch heute noch österreichischer Staatsbürger ist, ein Wechsel nie in Frage gekommen. Das hing auch mit dem Bau der Mauer zusammen.

"Ich wohnte mit meiner Mutter und mit meinem kleinen Bruder in Ostberlin, und wir konnten als Österreicher jederzeit die Mauer überwinden, das heißt, zwar mit einem Visum, jederzeit nach Westberlin fahren, nach Österreich fahren. Das war essentiell, und sozusagen aus Dankbarkeit dafür habe ich nie erwogen meine Staatsbürgerschaft aufzugeben."

Diese Möglichkeiten des Österreichers Kleinschmid, der inzwischen in Ostberlin fünf Jahre lang Theaterwissenschaft studiert und dann drei Jahre für das "Magazin" arbeitet, sind dem nunmehr ostdeutschen Wissenschaftler Porsch verwehrt.

"De facto war ich DDR-Bürger vom ersten Tag an, weil ich ja keine anderen Bewegungsmöglichkeiten mehr hatte durch den Verdienst DDR-Mark. Und da war´s erledigt. Damit habe ich mich abgefunden. Ich bin kein großer Reisefreak. Am liebsten fahre ich dahin, wohin ich mit meinem Auto im Rechtsverkehr komme. Eigentlich bin ich grantig geworden, als ich gemerkt habe, meine Kinder können nicht. Ich hab´s an meinen Kindern gemerkt, ich hab´s an den Studenten gemerkt. Also, Studenten, die Anglistik studieren, nie nach England oder Amerika kommen, Germanisten, die zwar Weimar hier haben, aber Frankfurt nicht gesehen haben, Marburg nie gesehen haben, überhaupt junge Leute, die nicht mal in Paris gesehen haben. Und was ja noch blöder war: Die Welt, die uns hätte zur Verfügung stehen können, das war ja auch keine kleine, das ging ja immerhin auch von Eisenach bis Wladiwostok, konnten sie auch nicht so ungehindert bereisen. Das hat mich dann eigentlich ein bisserl gemütskrank gemacht. Da habe ich auch nicht hinterm Berg gehalten.“

Peter Porsch macht Eingaben, beschwert sich, wenn die Mängel seiner Meinung nach nicht im System sondern in Faulheit und Schlamperei ihre Ursache haben. Gemäß dem Leitsatz auf seiner Internetseite: "Ich störe gern". Dennoch denkt er noch gerne an die Zeit im sozialistischen Deutschland zurück:

"Also, wenn so nur schlecht geredet wird, wenn so: det war alles diktatorisch, des war alles administrativ, det stimmt nicht. Wir haben doch lachen können, wir haben doch gelebt, wir haben doch geliebt. Also: Die sexuelle Freiheit, jetzt sage ich es einmal klipp und klar, die war wesentlich größer als heute. Die Offenheit zumindest im studentischen Milieu, aber auch anderswo, selbst beim Bauern. Also in der DDR gab´s schon merkwürdige Freiheiten.“

Harald Kleinschmid hat zu dieser Zeit schon lange genug von seinem Gastland, aus mehreren Gründen: Zum einen darf seine Frau, die als DDR-Bürgerin durch die Heirat zwar auch die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten hat, ihren Mann nie nach Österreich begleiten. Als Kleinschmid beruflich zum Hörspiel des Radios wechseln möchte, wird ihm dies als Österreicher verwehrt. Der dritte Grund der DDR den Rücken zu kehren, ist ein tragischer.

"Die Unmenschlichkeit des Systems"

"Wir hatten ein Kind, und das Kind war unheilbar krank. Es hatte keine Galle, und hat eineinhalb Jahre gelebt, und wir hatten eigentlich einen Antrag gestellt, das Kind, falls es denn möglich wäre, nach Bonn zu fliegen, was über Westberlin gegangen wäre, und dort eine Lebertransplantation vorzunehmen. Und das hat der stellvertretende DDR-Gesundheitsminister kategorisch abgelehnt. Und das Kind ist dann gestorben, und das war aber dann sozusagen wirklich dann der Punkt, wo die Unmenschlichkeit des Systems doch ziemlich deutlich wurde.“

Harald Kleinschmid reist legal aus, seine Frau flüchtet über Rumänien nach Österreich. 1970, Brandt ist seit kurzem Bundeskanzler, das Interesse an der DDR in der Bundesrepublik besonders groß, beginnen die Kleinschmids in Hamburg journalistisch zu arbeiten, dann drei Jahre lang für den deutschen Dienst der BBC in London. Nur wenige Jahre nach Verlassen der DDR kehrt Harald Kleinschmid als Reisekorrespondent für den Deutschlandfunk dorthin zurück.

"Einmal DDR, immer DDR. Das ist übrigens ein ganz wichtiger Satz, glaube ich. Wer einmal längere Zeit mit der DDR in Berührung war, ist davon ein Leben lang geprägt, egal ob positiv oder negativ. Das merkt man bei allen Flüchtlingen zum Beispiel, das merkt man bei allen DDR-Bürgern bis heute, das merkt man auch bei den Westkorrespondenten in der DDR, die da auch ein paar Jahre waren. Die kommen davon nicht los, die beschäftigen sich immer wieder damit.“

Der Hörfunk-Journalist Kleinschmid knüpft für seine Berichterstattung bei seinen Besuchen im Osten an seine alten Kontakte zu Studienfreunden und Schriftstellern an, aber:

"Ich hab´ die kirchliche Szene dabei nicht im Blick gehabt und hab´ nicht gemerkt, dass sich grad in der evangelischen Kirche, dass sich da der Widerstand viel radikaler artikuliert als bei den Intellektuellen. Und das habe ich erst ganz am Schluss erst, sagen wir 86, 87, 88 gemerkt, was da für ein Potenzial da ist und was da für eine Unruhe da ist."Bürger der DDR treffen sich am 05.02.1988 nach den Äußerungen des inhaftierten Musikers Stephan Krawczyk zu einem Fürbitt-Gottesdienst in der überfüllten Ostberliner Gethsemane-Kirche. (picture alliance / dpa)Fürbitt-Gottesdienst in der Ostberliner Gethsemane-Kirche im Februar 1988 nach der Inhaftierung des Musikers Stephan Krawczyk. (picture alliance / dpa)

Es ist jenes letzte Jahrzehnt in dem es mit dem Staat bergab geht, da sind sich beide Männer einig – wenngleich mit unterschiedlicher persönlicher Distanz dazu: Peter Porsch und Harald Kleinschmid:

Porsch: "Ich war kein Dissident, und ich war kein Widerstandskämpfer. Ich war mit dem System im Prinzip in Übereinstimmung und hab´ ´n Kleinkrieg geführt, der bringt aber nix. Am Ende war´s richtig, es konnte sich nicht mehr halten. Sie hatten alle Chancen, sie haben´s vertan, weil sie sich in ein autoritäres und administratives System rein entwickelt haben.“

Kleinschmid: "Das war eine Abwärtsbewegung, in den 70er-Jahren ging das noch einigermaßen, dann gab´s den großen Einschnitt, das war die Biermann-Ausbürgerung 76, das ist aus meiner Sicht der erste Sargnagel der DDR gewesen. Spätestens ab September 89, da war dann nicht mehr viel mit Schlafen, da ging´s dann eigentlich rund um die Uhr."

Porsch: "In der Partei wurde sehr offen da drüber diskutiert, in den Grundorganisationen, auf höherer Ebene nicht. Ich bin damals krank gewesen, weil ich konnte das, was ich in der Grundorganisation gehört hab´ die ganze Woche, nie in der Kreisleitung sagen, weil da hätte ich schon eine auf die Birne gekriegt, und was die in der Kreisleitung uns erzählt haben, das durfte ich nie in der Grundorganisation sagen, denn da hätten die gesagt: Sind die wahnsinnig geworden? Also, es war einfach keine Kommunikation mehr möglich zwischen oben und unten in der Partei. Das fing an eigentlich in der Partei. Da war ich krank, da habe ich Kreislaufbeschwerden, da habe ich komische vegetative Störungen gehabt, also, da dachte ich: hm."

Hautnah zu spüren bekommt Peter Porsch die Unzufriedenheit der Menschen, als er zufällig in die erste Montagsdemonstration gerät, auf der Heimfahrt mit dem Moped von der Universität Leipzig.

"Jetzt ist ´ne Wende in deinem Leben"

"Da war plötzlich kein Durchkommen mehr, da waren Massen. Und ich steh´ da mit meinem Moped, und da wurde mir heiß: Kleines Parteiabzeichen am Revers. Aber eine Jacke an, weil es kalt war, schon. Und da kam jemand vorbeigerannt, mein Moped: Eh, stell den Motor ab, das dauert jetzt länger. Da war mir klar, jetzt kommt irgendwas anderes, jetzt ist ´ne Wende in deinem Leben, jetzt ist alles ganz anders."

Die Nachricht von der Grenzöffnung erreicht Peter Porsch daheim vor dem Fernseher, Harald Kleinschmid im Autoradio auf der Heimfahrt vom Hörfunkstudio in Westberlin. Zu Hause wurde die unglaubliche Botschaft in der Abend-Nachrichtensendung des DDR-Fernsehens bestätigt.

Kleinschmid: "Da habe ich zu meiner Frau gesagt: Du, ich muss wieder rein. Da passiert noch was, da ist was los. Und meine Frau, wie Frauen sind: Du bist verrückt, du arbeitest dich zu Tode, sowieso zu viel. Ich habe gesagt: Komm, lass sein, bin ins Auto und bin dann ins Büro gefahren. Und ja, da ging´s dann los, und dann haben wir die Nacht durch gearbeitet. Ich bin dann aber erst relativ spät, also erst so zwischen 2 bis 3 Uhr nachts, zum Brandenburger Tor gefahren und dann mit ´nem Kollegen, und wir sind natürlich auf die Mauer geklettert und, ja, haben dann um 5 Uhr die aktuelle Sendung bestückt. Und dann um 7 bin ich dann nach Hause gefahren, da war ich auch rechtschaffen müde."

Für den Wissenschaftler Porsch läuft da bereits schon seit Wochen die nach seinen Worten politisch spannendste Zeit seines Lebens ab.

"Von Ende September, Anfang Oktober bis Anfang März, wo die Volkskammerwahlen waren: Das war Anarchie, wie ich sie mir vorstelle, nicht zerstörerisch, sondern konstruktiv. Es gab ja keine Staatsmacht mehr, es gab niemanden. Wir haben nun plötzlich angefangen, uns selbst zu organisieren. Wir haben eine Verfassungskommission in der Universität einberufen, ich hab´ Aushänge produziert für überall und mit anderen Leuten, und wir haben uns im Gewandhaus getroffen. Und es war eine wundervolle Zeit, über die übrigens heute nicht mehr gesprochen wird. Kein Mensch arbeitet das wissenschaftlich auf."

Vor 25 Jahren ist den zwei Männern die DDR, in die sie bewusst gezogen sind, abhanden gekommen. Der Staat ist weg, sie sind geblieben. Österreich, wo sie nach wie vor regelmäßig Verwandte und Freunde besuchen, ist ihnen ein Stück weit fremd geworden. Mit dem Wort Heimat ist das so eine Sache. Für Harald Kleinschmid ebenso, wie für Peter Porsch, dessen Frau in Graz unterrichtet.

Kleinschmid: "Österreich ist ein Freilichtmuseum, Berlin war immer ein politischer Brennpunkt, immer der Nabel der Welt, immer die Grenze zwischen Ost und West. Österreich ist mir da einfach zu eng. Heimatgefühl in dem Sinn habe ich gar keins. Wenn Heimat, dann ist Berlin meine Heimat, denn da lebe ich mit wenigen Unterbrechungen seit 50 Jahren, aber auch da würde ich nicht sagen: Berlin ist meine Heimat. Heimat ist nicht so, und die DDR schon gar nicht."

Porsch: "Ich kann ja gar nicht Heimweh kriegen, weil ich heimatlos bin. Ich bin in Österreich Piefke und ich bin hier der Ösi, und mal ist es gut, und mal ist es schlecht in beiden Fällen. Und wenn mich heute wer fragt, wo gehörst du hin, dann sage ich: Auf die Autobahn. Weil ich bin immer zwischen hier und Graz unterwegs.“

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