Dienstag, 02.03.2021
 

Konzert / Archiv | Beitrag vom 21.02.2021

Deutsches Symphonie-Orchester BerlinIn Liebe zu einem Gehenkten

Moderation: Volker Michael

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Porträt der Sängerin mit dunklen, langen, offenen Haaren vor blauem Hintergrund. (Josh New/DSO Berlin)
Lucia Lucas ist Bariton-Sängerin und war auch Stipendiatin der Deutschen Oper Berlin. (Josh New/DSO Berlin)

In einem Studiokonzert spielte das DSO Berlin unter Robin Ticciati tschechische Werke. Die surrealistische Minioper "Tränen des Messers" von Bohuslav Martinů berichtet von Eleonora, die sich in einen Gehenkten verliebt. Danach Ondřej Adámeks "Sinuous Voices".

Am vorletzten Februarwochenende durfte sich das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin für ein exklusives Radiokonzert zusammenfinden. Sie entschieden sich für zwei Werke tschechischer Komponisten.

Von der Realität entfernt

Das eine Werk verweigert sich jeder Realität - wie kann man sich in einen Toten verlieben? Diese unwirkliche Situation greift Bohuslav Martinůs Kurzoper "Tränen des Messers"  auf. In Ondřej Adámeks Ensemble-Stück "Sinuous Voices", "Verschlungene Stimmen", findet der Komponist seinen Ausgangspunkt bei ganz konkreten menschlichen und instrumentalen Klängen und transformiert sie in ein eigenes Klanggebilde. 

Eine Frau in schwarzem Oberteil und mit hochgesteckten, blonden Haaren schaut in einer Industrieruine in die Kamera. (Ilona Sochorova/DSO Berlin)Die Sopranistin Kateřina Knĕžíková singt die Rolle der naiven Eleonora, die einen Gehenkten liebt. (Ilona Sochorova/DSO Berlin)

Robin Ticciati sagte über Martinůs Oper: "Es hat etwas sehr Bewegendes: Eine Frau verliebt sich in einen gehenkten Mann. Diese Person weiß, dass der Gehenkte tot ist. Und trotzdem verliebt sie sich. Die Wahrheit des Augenblicks weist uns auf eine enorme Leere hin. Das finde ich sehr berührend. Und auch das Ende; ob wir uns davon berühren lassen oder nicht: Für Martinu sind die drei Figuren wie Marionetten. Er durchtrennt die Fäden, und am Schluss fallen die Puppen einfach hin...

Blinde Liebe in die Leere

Die Geschichte ist vorbei. Als gäbe es in den hölzernen Figuren ein schlagendes Herz. Als seien die Puppen reale Menschen. Aber es gibt keine große Philosophie in dem Stück. Bei den Proben haben wir an einer Stelle überlegt: Eleonora sagt, sie werde sich töten. Wir wollten das ganz still und ernst machen. Doch Katerina, die Sängerin hat es einfach trocken und kurz gesprochen: Jetzt bringe ich mich um! Das völlige Gegenteil von dem, was wir dachten. Beides geht, es kann alles bedeuten. Diese Freiheit in dem Stück habe ich sehr genossen."

Die Sängerin mit blonden, hochgesteckten Haaren hat ihren Kopf an eine Wand gelehnt und schaut lächelnd in die Kamera (Ilona Sochorova/DSO Berlin)Markéta Cukrová gehört zu den gefragtesten tschechische Solistinnen. (Ilona Sochorova/DSO Berlin)

Ausgangspunkt für Ondřej Adámeks waren drei konkrete Klänge, die er in instrumentale Musik übersetzt hat: Das Wiegenlied einer älteren Frau aus Neukaledonien, das Agnus-Dei deklamiert von mehreren älteren Damen in einer tschechischen Dorfkirche und zuletzt der schwingend-schwebende Klang eines einzelnen Sitar-Tons in der indischen Musik.

Der Komponist steht mit buntem Hemd in dunkler Clubatmosphäre neben dem Dirigenten des Orchesters und erklärt seine Intensionen. (DSO Berlin / Camille Blake)Der Komponist Ondřej Adámek hat schon oft mit dem DSO und Robin Ticciati zusammengearbeitet - zuletzt im November 2020. (DSO Berlin / Camille Blake)

Gegenpol sind vokale Wellen von großen Menschengruppen, wie sie bei einer Demonstration entstehen, im Fußballstadien oder auch bei panischen Rufen von fliehenden Menschen.

Kleiner Sendesaal im Haus des Rundfunks, Berlin
Aufzeichnungen vom 19. und 20. Februar 2021

Bohuslav Martinů
"Slzy Nože" (Die Tränen des Messers) - Oper in einem Akt
(aus rechtlichen Gründendürfen wir nur einen Ausschnitt online zur Verfügung stellen)

Ondřej Adámek
"Sinuous Voices" für Ensemble

Kateřina Knĕžíková, Sopran
Markéta Cukrov, Alt
Lucia Lucas, Bassbariton
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Leitung: Robin Ticciati

im Anschluss:

Philharmonie Berlin
Aufzeichnung vom 1. Mai 2018

Bohuslav Martinů
Sinfonie Nr. 1 H 289

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin
Leitung: Roger Norrington

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