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Interview | Beitrag vom 16.01.2021

Deutsches Rotes Kreuz in der NS-ZeitTief ins Unrechtsregime verstrickt

Horst Seithe im Gespräch mit Axel Rahmlow

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Eine Schwarzweißpostkarte zeigt in Zentralperspektive einen langgestreckten Sitzungssaal mit Reihen von Pulten jeweils an der rechten und der linken Seite des Raumes. Am Kopfende sind zwei Hakenkreuze und ein Führerbild, das Adolf Hitler abbildet, zu sehen. (picture alliance / arkivi)
Die Landesführerschule VI des Deutschen Roten Kreuzes in Rösrath-Hoffnungsthal im Jahr 1941: Mit der Aufarbeitung der NS-Zeit tue sich das Deutsche Rote Kreuz schwer, sagt Horst Seithe. (picture alliance / arkivi)

Das Deutsche Rote Kreuz habe dazu beigetragen, die Verbrechen in den Konzentrationslagern zu vertuschen, sagt der Mediziner und Historiker Horst Seithe. Nur hochrangige Nationalsozialisten hätten die Organisation auf den hohen Ebenen geführt.

Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) war in der NS-Zeit am Vernichtungskrieg und am Holocaust beteiligt. "Es waren zwölf schwerwiegende Jahre", sagt der Historiker und Mediziner Horst Seithe, der eine Fachtagung zu diesem wenig bekannten Kapitel der Geschichte der Hilfsorganisation vorbereitet hat.

Seithe wünscht sich, dass diesen Verstrickungen in der Erinnerungskultur des Deutschen Roten Kreuzes nun endlich ein ausreichender Platz eingeräumt wird. 

Personelle Verstrickungen auf allen Ebenen

"Das Rote Kreuz hat sich nicht für Juden eingesetzt. Das Deutsche Rote Kreuz hat eher dazu beigetragen, die Verbrechen in den Konzentrationslagern zu vertuschen", sagt Seithe. Er hebt insbesondere auf die personellen Verstrickungen ab. So war der Reichsarzt der SS, Ernst-Robert Grawitz, zugleich DRK-Präsident und mit Menschenversuchen in Konzentrationslagern befasst gewesen.

Oswald Pohl als sehr einflussreicher oberster SS-Finanzchef wiederum war auch Finanzchef des DRK. "Auf den Ebenen der Landesverbände gab es nur höchstrangige Nationalsozialisten als Generalhauptführer des Roten Kreuzes, die tief in das Unrechtsregime verwickelt waren", so Seithe.

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Mit der Aufarbeitung tue sich das DRK schwer. Er habe gehofft, dass das 2008 erschienene Buch "Das Deutsche Rote Kreuz unter der NS-Diktatur 1933-1945" der beiden Autorinnen Stephanie Merkenich und Brigitt Morgenbrod dafür einen Anfang gesetzt hätte. "Leider war es auch sofort der Endpunkt", sagt Seithe. "Ja, ich habe es konkret erlebt. Es war sehr schwierig, mit den Personen ins Gespräch zu kommen."

Den Prozess des Trauerns und des Akzeptierens dieses Teils der Geschichte müsse nun aber die Enkelgeneration schaffen. "Das ist durchaus ein schmerzhafter Prozess", so Seithe.

(huc)

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